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18 Jahre Haft für Silvio S. – oder für immer?

Revision im Mordfall Elias (6) und Mohamed (4) 18 Jahre Haft für Silvio S. – oder für immer?

Drei Monate nach dem Urteil gegen den zweifachen Kindsmörder Silvio S. liegt die schriftliche Urteilsbegründung vor: Darin legt das Gericht detailliert dar, warum es gegen den Peiniger von Elias (6) und Mohamed (4) keine Sicherungsverwahrung verhängte. Die MAZ hat exklusiv Einblick in das Dokument nehmen können.

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Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Der Prozess gegen Silvio S. (33), den Mörder der beiden Jungen Elias (6) und Mohamed (4) geht definitiv in die nächste Runde. Nach Studium der zu Wochenanfang vom Landgericht Potsdam an die Prozessparteien versandten schriftlichen Urteilsbegründung bekräftigte die Staatsanwaltschaft Potsdam auf MAZ-Nachfrage, sie werde bei ihrem Antrag auf Revision bleiben. Der Verteidiger von Silvio S., Mathias Noll, sagte ebenfalls, sein Mandant werde wahrscheinlich ebenfalls seinen Revisionsantrag aufrecht erhalten.

Die Mordfälle Elias und Mohamed - ein MAZ-Spezial

Bundesgerichtshof muss jetzt das Urteil überprüfen

Das heißt: Der Bundesgerichtshof wird nun das Urteil überprüfen. Wie lange das dauern wird, ist unklar: „Ende offen – kein Mensch weiß, wie lange es dauert“, sagt ein Prozessbeteiligter. Beide Seiten hatten pro forma direkt nach der mündlichen Urteilsverkündung im Juli Rechtsmittel eingelegt, warteten aber die schriftliche Begründung des Schuldspruchs ab.

Lebenslang für grausamen Doppelmord

Silvio S. war im Juli vom Landgericht Potsdam zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte nach Überzeugung der Richter im Juli 2015 den Potsdamer Erstklässler Elias im Ortsteil Schlaatz entführt, sexuell missbraucht und getötet. Im Oktober 2015 köderte er mit einem Stofftier auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin-Moabit das bosnische Asylbewerberkind Mohamed, entführte den Jungen in seine Wohnung in Kaltenborn (Teltow-Fläming) und erwürgte das mehrfach missbrauchte Kind. Staatsanwalt Peter Peters sprach in seinem Plädoyer von einer „Bestie in Menschengestalt“.

Juristischen Feinheiten entscheiden über Länge der Haft

Jetzt kommt es auf die juristischen Feinheiten an. Denn das Gericht stellte zwar die „besondere Schwere der Schuld“ fest. Allerdings verweigerte es die von der Staatsanwaltschaft geforderte Unterbringung in der Sicherungsverwahrung. Dieser feine Unterschied hat handfeste Konsequenzen: Taucht der Begriff „besondere Schwere der Schuld“ in einem Richterspruch auf, sitzt der Verurteilte erfahrungsgemäß im Schnitt drei bis sechs Jahre länger ein als gewöhnliche Mörder – bei Silvio S. würde sich die Gefängniszeit nach jetzigem Stand auf 18 bis 21 Jahre summieren. Deshalb wollen seine Verteidiger an diesem Punkt angreifen. Sicherungsverwahrung wiederum könnte im äußersten Fall bedeuten, dass Silvio S. nie mehr frei kommt. Diese Maximalauslegung will die Staatsanwaltschaft erreichen.

In ihrem Urteil folgten die Landrichter der Auffassung des psychiatrischen Sachverständigen Matthias Lammel, dass es sich bei dem Einzelgänger und Sonderling Silvio S. nicht um einen „Hangtäter“ handelt.

Warum das Gericht keine Sicherungsverwahrung verhängte

In der schriftlichen Urteilsbegründung, die der MAZ vorliegt, heißt es: Sicherungsverwahrung könne nur angeordnet werden, wenn zum Zeitpunkt der Verurteilung davon auszugehen sei, dass der Täter in Zukunft immer wieder straffällig zu werden drohe und damit eine andauernde Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Als Hang – das ist der zentrale Begriff – definieren die Richter einen „eingeschliffenen inneren Zustand des Täters“, der ihn zu schweren Straftaten treibe. Von einer „eingewurzelten Neigung“, schreiben die Richter. Hangtäter sei aber auch, wer „aus innerer Haltlosigkeit Tatanreizen nicht genügend zu widerstehen vermag und so jeder neuen Versuchung zum Opfer fällt“.

Kein „Hang“ zu künftigen Verbrechen erkennbar?

Wer die im Urteilstext enthaltenen 60 Seiten mit den widerlichen Details des Martyriums der beiden kleinen Jungs studiert, fragt sich: Passt all das nicht auf den Doppelmörder aus Kaltenborn? Nein, befand das Landgericht. Der Weg des nicht vorbestraften Wachschützers ins Verbrechen sei „kein pathologischer Weg“ gewesen. Zwischen der „selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung“ des Silvio S. und den Taten bestehe „kein symptomatischer Zusammenhang“, zitiert das Urteil den Psychiater Lammel. Was laut Gutachter die These vom Hang-Täter weiter entkräftet, sei das Fehlen eines „entsprechenden Vorlebens, das zum Beispiel durch das Quälen und/oder Töten von Tieren gekennzeichnet“ sein könnte. Lammel räumt allerdings ein, er könne „keine bestimmte Wahrscheinlichkeit für die Begehung weiterer Taten prognostizieren“. Auch wisse er zu wenig über den Täter, um wissenschaftlich fundiert darüber urteilen zu können, ob bei Silvio S. der „eingeschliffene Zustand“ vorliege, der ihn zu einem „Hang-Täter“ mache. Mit anderen Worten: Auszuschließen ist nichts, aber eine klare Vorhersage scheint unmöglich.

All dem schließt sich die Kammer an. Und: Pädophil sei Silvio S. auch nicht. Er habe sich mit den beiden Kindern nur die wehrlosesten Opfer ausgesucht.

Voll schuldfähig und von „menschenverachtender Kaltherzigkeit“

Für voll schuldfähig halten die Richter laut Urteil den Mörder. Die Taten seien lang geplant gewesen und seien keinesfalls „im Affekt“ geschehen. Silvio S. sei weder minderbemittelt noch habe er während der Taten unter Rauschmittel-Einfluss gestanden. Die Richter beobachteten an dem 33-Jährigen eine „menschenverachtende Kaltblütigkeit“.

Von Ulrich Wangemann

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Auf seiner Website hat RTL ein knapp dreiminütiges Video  online gestellt, in dem sich Elias’ Mutter Anita S. erstmals äußert.

Lange hat sie sich nicht öffentlich äußern wollen, nun gab Anita S. dem Fernsehsender RTL ein Interview. Zum ersten Mal seit der Verurteilung des Mörders von Elias spricht seine Mutter über ihre Empfindungen seit der Todesnachricht und während der Gerichtsverhandlung.

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