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25 Jahre Zeitgeschichte in Potsdam

Geschichte in Potsdam 25 Jahre Zeitgeschichte in Potsdam

1992 war es noch als Experiment gedacht. Der Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien (FSP) führte in Potsdam Historiker aus der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik zusammen. Es blieb nicht beim Provisorium. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) liefert heute bedeutende Beiträge und lockt Koryphäen von Weltrang zu Vorträgen in die Stadt.

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ZZF-Direktor Frank Bösch freut sich auf das Jubiläum.

Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Es galt als Experiment der Deutschen Einheit. Vor 25 Jahren entstand in Potsdam unter dem Dach der Max-Planck-Gesellschaft der Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien (FSP). Dort sollten ost- und westdeutsche Historiker gemeinsam die Zeitgeschichte erforschen. 1996 wurde aus dem Experiment eine dauerhafte Einrichtung. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) ist heute ein fester Bestandteil des geisteswissenschaftlichen Ensembles Am Neuen Markt und eine Einrichtung mit internationalem Renommee.

Über 100 Mitarbeiter, davon rund 85 Wissenschaftler, befassen sich mit der Geschichte des Kommunismus, Wirtschaftsgeschichte, Geschichte der Medien- und Informationsgeschichte und der Entwicklung gesellschaftlicher Ordnungen. Zu den Konferenzen des ZZF kommen führende Experten des jeweiligen Faches und mit der bisherigen Nummer 1 auf diesem Gebiet, dem Institut für Zeitgeschichte in München, gibt es nicht nur eine fruchtbare Konkurrenz, sondern auch Zusammenarbeit. Im Graduiertenkolleg „Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ sind Doktoranden des Münchner und des Potsdamer Instituts sowie der Ruhr-Universität in Bochum beteiligt. Am Donnerstag feiert das ZZF in seiner Bibliothek Am Neuen Markt 9d wissenschaftliche Erfolge wie diesen vom Nachmittag an bis in die Nacht.

„Es wird ein großes Fest“, sagt ZZF-Direktor Frank Bösch, der das Institut gemeinsam mit Martin Sabrow leitet. „Wir wissen gar nicht, wie wir unsere Gäste alle unterbringen sollen.“ Die Attraktivität des Instituts wundert ihn nicht. Die Vielfalt innovativer und relevanter Themen und die breite Kooperation mit Wissenschaftlern verschiedener Herkunft sind für ihn das wesentliche Merkmal des ZZF. „Das ist aber auch eine gewaltige Aufgabe“, so Bösch. Den Großteil ihrer Forschung kann sie nur durch jeweilige Projektförderung finanzieren. Das erfordert viele Anträge. Das sei aufwendig. „Immerhin mehr als die Hälfte der Anträge kriegen wir durch, trotz Bewilligungschancen von 10 bis 30 Prozent“, sagt Bösch.

Der Aufwand lohnt sich. Aufsehen erregen dürfte zum Beispiel eine im März kommenden Jahres erscheinende Studie, die das Personal in den Innenministerien der beiden deutschen Staaten direkt nach dem Zweiten Weltkrieg analysiert. Woher kamen die Mitarbeiter nach 1949? Welches Ministerium hat belastetes Personal weiter beschäftigt, welches hat es gefeuert? In der Tat hat sich laut Bösch die DDR als recht antifaschistisch erwiesen. Das belastete Potenzial flog meist raus. Trotzdem waren sieben Prozent auch der Mitarbeiter in Ost-Berlin in der NSDAP. Das ist aber nicht zu vergleichen mit der Riege in Bonn. Wohl zwei Drittel der Mitarbeiter des dortigen Innenministeriums waren ehemalige NSDAP-Mitglieder aus der NS-Bürokratie, was auch das politische Handeln prägte.

Bösch selbst befasst sich unter anderem mit dem langen Weg in die digitale Gesellschaft, der schon in den 1950er-Jahren begann. Bei allen Forschungsfeldern sei es hilfreich, sich mit Forschern, die noch selbst die DDR erlebten, auszutauschen. „In solchen Projekten können wir Klischeevorstellungen über die DDR überwinden“, sagt Bösch. Es sei zwar klar, dass der PC nicht wie im Westen in normalen Haushalten vorhanden war, es sei aber erstaunlich, inwieweit zum Beispiel die Stasi den Computer für modernste Methoden der Überwachung einsetzte. Nicht nur auf diesem Gebiet, sondern auch in der Welt der DDR-Alltagskultur habe sich die Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westhistorikern bewährt. „Alltagspraktisch war die Reichweite der SED-Herrschaft in den 1980er Jahren oft begrenzt“, so Bösch. DDR-Forscher brächten mit ihrer privaten Lebenserfahrung immer wieder korrigierende Perspektiven ins Spiel. Potsdamer profitieren von den Konferenzen des ZZF, aber auch von online-Plattformen wie „Zeitgeschichte-online“, „Chronik der Mauer“ oder „docupedia“. Bis zu 200 000 Besucher zählt jede dieser Plattformen im Jahr. Die Erkenntnisse des ZZF sind auch für aktuelle Debatten wichtig. So könnte zum Beispiel Christopher Neumaier mit seinem Projekt „Kampf um die Familie“ Anhänger „traditioneller Familien“ verstören. In der deutschen Kaiserzeit wimmelte es nämlich von alleinerziehenden Müttern.

Öffentliches Kolloquium am Donnerstag ab 14 Uhr in der ZZF-Bibliothek, Am Neuen Markt 9d.

Von Rüdiger Braun

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