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Brandenburg 500 Euro, Schnaps und Ruhm für die schlechteste Hausarbeit
Brandenburg 500 Euro, Schnaps und Ruhm für die schlechteste Hausarbeit
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00:18 15.01.2019
Spaß sieht anders aus. Quelle: dpa/Jan Woitas
Berlin

Wenn die eigene Hausarbeit im Englisch-Bachelor mit „10/10 sich im Grab umdrehenden viktorianischen Autorinnen“ bewertet wird und trotzdem besteht, hat man es geschafft. Dann gehört man offiziell zum preisgekrönten Bodensatz akademischer Seminararbeitsautoren. Hurra!

Wer lieber Nächte durchfeiert, als Vorlesungen zu besuchen, eine Legende im Wetttrinken ist und trotzdem seine Hausarbeit besteht, bekommt am Samstagabend vom ZurQuelle Magazin den „4,0-Award für außerordentliches akademisches Scheitern“. Die Preisverleihung im Radio – The Label Bar in Berlin-Friedrichshain ist kein Feiern der Faulheit, sondern ein feiner Stich ins Herz der Universitäten.

Geld, Schnaps und Fame

Die diesjährige Gewinnerin ist die Biologie- und Englisch-Lehramtsstudentin Alina G. von der Universität Göttingen. 500 Euro, Schnaps und akademischen Heldenstatus bringt der 22-Jährigen die literaturwissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Marriage in George Elliots Middlemarch – The individual fight for the preservation of the marriage of Casaubon, and Dorothea poisons their relationship, and themselves“ ein.

Preisverdächtig! Nicht nur, weil der Titel zeigt, dass sie bis drei Tage vor der Abgabe nicht wusste, was ihr Thema sein wird, sondern auch, weil sie schon im Titel den Namen der Autorin falsch schreibt.

Lesetagebuch oder Eheberatung

„Die Arbeit liest sich wie ein Lesetagebuch oder eher wie eine Eheberatung als eine Literaturanalyse“, sagt Yana Duckwitz vom „Zur Quelle Magazin“. In der Arbeit finden sich Sätze wie „Ich stellte mir beim Lesen viele Fragen wie „Wer ist das nochmal?“ und „Moment, was ist gerade passiert?“ Ich erinnere mich, dass ich eine Lesepause brauchte, nachdem ich herausgefunden hatte, dass Dorothea zusagte, Casaubon statt Lydgate zu heiraten.“

„Das Schöne ist, wie wahnsinnig psychologisch und persönlich sie an einen fiktiven Roman geht. Sie will wissen, warum die fiktiven Figuren so handeln und zitiert dafür sogar Psychologytoday.com“, erzählt Yana Duckwitz. Das Zitat: „Keine Ehe ist frei von Konflikten. Was ein Paar bestärkt, ist die Art und Weise, wie sie den Konflikt handhaben.“

„Die Hausarbeit liefert aufschlussreiche Fakten zur Problemlösung in Paarbeziehungen, zur Geschichte der Scheidung und Stressbewältigung im Allgemeinen”, sagt Jurymitglied Ariana Baborie vom Podcast „Herrengedeck“. Klar, dass da Alinas Arbeit besteht.

Den zweiten Platz macht Ivana M. von der Goethe-Universität Frankfurt. Die Master-Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaft beschäftigte sich mit der bahnbrechenden Feststellung, dass die deutsche Synchronisation von fremdsprachigen Filmen anders ist als der Originalton.

Ernster Witzpreis

Der Preis ist für das „Zur Quelle Magazin“ ein Instrument um Missstände in der Bildung herauszustellen. Elf Profis und Studis bilden die Jury, um die schlechteste Hausarbeit zu küren. 93 Studenten sind der Ausschreibung gefolgt und haben Arbeiten eingereicht, die sie als so schlecht empfunden haben, dass sie veröffentlicht werden müssen. Bonuspunkte gab es dabei für Dreistigkeit, Humor und Dummheit.

„Wir wollen vor allem einen Witzpreis machen“, sagt Chefredakteur Robert Hofmann „aber nicht nur!“ Es ist ein Witz mit bitterer Pointe. Denn die Einreichungen sind Arbeiten, mit denen Studenten bestanden haben. „Wir machen damit die Nicht-Leistung der Uni öffentlich, weil das bedeutet, dass sich jemand mit schlechten Leistungen durchgemogelt hat“, sagt Hofmann.

Gegengewicht zu Erwartungen

Der 4,0-Award soll das Gegengewicht zu erwartungsvollen Eltern und den Erwartungen der Gesellschaft sein. Er soll zeigen: „Schaut her, Leute. Es gibt noch Studierende, die die Selbstoptimierung nicht über das Seelenheil stellen“, heißt es vom „Zur Quelle Magazin“. Es geht um Selbstbestimmung statt Regelstudienzeit. Das sticht einigen Universitäten direkt ins Herz. Die Gewinnerin des letzten Jahres hat auf Druck ihrer privaten Universität und ihrer Eltern den Preis abgelehnt.

Balance zwischen Inhalten und Freiräumen

Auch der damals drittplatzierte Sebastian P. hat ein Problem mit akademischen Strukturen: An der Viadrina Frankfurt/Oder hat er die Einleitung seiner Bachelorarbeit in Volkswirtschaftslehre als Polemik verfasst und mit dem „Bologna-Establishment“ und „schematisiertem Lernen und verschulten Studienstrukturen“ abgerechnet.

Das schlug hohe Medienwellen, sodass ihn auch die Universität Viadrina dazu interviewte. Sie wolle Probleme nicht verleugnen. „Die richtige Balance zwischen Inhalten und Freiräumen ist nicht banal, sondern eine grundsätzliche Frage akademischer Bildung, die auch Persönlichkeitsbildung ist“, sagt Michaela Grün, Pressesprecherin der Viadrina. Ein Satz, der wahrscheinlich vielen Studenten mit Blick auf den vollen Seminarplan paradox erscheint, aber mithilfe des 4.0 Awards bald vielleicht etwas realistischer werden könnte.

Falls nicht, rät Jurorin Leona Sedlacek der diesjährigen Gewinnerin: „Sollte das mit der literaturwissenschaftlichen Karriere nicht hinhauen, empfehle ich dir eine Festanstellung auf eheberatung.org, ich denke, du würdest glänzen!”

Info Die Preisverleihung findet am zwölften Januar um 19 Uhr in der Radio – The Label Bar Berlin in der Frankfurter Allee 23, 10247 Berlin-Friedrichshain statt.

Von Jan Russezki

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