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44 Jobs in 150 Tagen: Einblicke ins Handwerk

Imagekampagne für die Handwerksausbildung 44 Jobs in 150 Tagen: Einblicke ins Handwerk

Charlotte Stanke aus Flensburg und Marvin Möller aus Hamburg sollen die Handwerksberufe wieder beliebter machen. Dazu touren sie in 150 Tagen durch 42 Städte und besuchen für jeweils zwei Tage 44 Ausbildungsbetriebe. Diese Woche lernte Charlotte in der Sattlerei Hennig in Haage, was ein Sattler macht. Das MAZ-Kamerateam begleitete sie dabei.

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Charlotte Stanke lernt in der Sattlerei Hennig in Haage unter anderem, wie man Trensen für Pferde herstellt.

Mühlenberge/Haage. Mit konzentriertem Blick näht Charlotte Stanke mit einem Kreuzstich die Ösen zusammen, die später die Gurtstrippen halten sollen. „Die sehen nett aus und sorgen für Stabilität“, sagt die 20-jährige Abiturientin. In der Sattlerei Hennig in Haage (Havelland) näht sie einen Kurzgurt für einen Dressursattel.

Die Flensburgerin ist jedoch keine Auszubildende, sondern „Rekordpraktikantin“. Sie tourt seit dem 1. August gemeinsam mit dem Hamburger Marvin Möller (18) durch Deutschland und macht innerhalb von fünf Monaten in 44 Handwerksbetrieben jeweils ein zweitägiges Praktikum. Dabei veröffentlichen sie Videos von ihren Eindrücken im Internet auf Facebook und Instagram.

Einer ihrer größten Erfolge ist ein Video-Mitschnitt bei einem Bootsbauer im niedersächsischen Wunstorf. Darin schleift Marvin per Hand die Lackierung eines Bootsteils ab. „Beim Bootsbauer ist fast alles Handarbeit ohne schwere Maschinen. Diese Arbeit mit dem Holz, wo es auch viel um Gefühl und Augenmaß geht, macht unheimlich Spaß“, untertitelt Charlotte das Video. Knapp 61 000 Menschen riefen diesen Kurzfilm auf.

Die hohen Klickzahlen zeigen: Die beiden sind genau die richtigen Botschafter fürs Handwerk. Sie verbinden die Internetaffinität der jungen Generation mit der Tradition des Handwerks.

Ihre Motivation? „Die Handwerkerberufe haben einen schlechten Ruf. Es heißt immer, da gebe es – wenn überhaupt – nur Mindestlohn und mit 40 hätten die alle einen kaputten Rücken. Das ist natürlich Quatsch, und das wollen wir zeigen“, sagt Charlotte.

Die Aktion ist Teil einer Imagekampagne des Zentralverbands des deutschen Handwerks. Potenzielle Auszubildende sollen durch diese Aktion laut Ines Weitermann, der Pressesprecherin der Handwerkskammer Potsdam, wach gerüttelt werden: „Junge Leute sollen dazu animiert werden, sich auszuprobieren und über Praktika Betriebe kennenzulernen. Dabei können sie auch feststellen, wo ihre Schwächen und Stärken liegen.“

Marvin entdeckte einige seiner Stärken bei einem Feinwerkmechaniker in Heide (Schleswig-Holstein). „Der Beruf ist was für Leute, die auf große Maschinen stehen. Ich durfte Radlader, Gabelstapler und den großen Kran fahren und gleich noch den Bagger. Bringt auf jeden Fall echt viel Spaß“, sagt Marvin begeistert in einem Video.

Beworben haben sich die beiden auf einen Facebook-Aufruf einer Casting-Agentur hin. Im Bewerbungsgespräch sollten sie unter anderem einen imaginären Praktikumstag nachstellen. Marvin hat sich mit einem konkreten Ziel für den Job als Rekordpraktikant beworben, da er selbst noch unentschlossen war, wie seine berufliche Zukunft aussehen soll. „Die Aktion ist auch für mich eine super Chance, in die vielen verschiedenen Handwerksberufe reinzuschnuppern“, sagt Marvin. Er kann sich vorstellen, eine handwerkliche Lehre zu beginnen, weil er „irgendwas Praktisches machen möchte“. Am besten gefielen ihm die Tage bei einem Fotografen in Witten (Nordrhein-Westfalen) und bei einem Ofenbauer in Oststeinbek bei Hamburg. Doch zwei Tage reichen nicht aus, um wirklich einen Einblick in einen Beruf zu erlangen, räumt Marvin ein. „Da müsste man schon drei, vier Wochen in einen Betrieb gehen, um zu testen, ob der Beruf zu einem passt.“

Es gibt etwa 130 unterschiedliche Handwerksberufe. Im Land Brandenburg machen aktuell 6764 Lehrlinge in insgesamt 3187 Handwerksbetrieben eine Ausbildung. Das ist ein leichtes Plus gegenüber dem Vorjahr. Dennoch plagen das Handwerk laut Kammersprecherin Weitermann Nachwuchssorgen: „1000 offene Lehrstellen konnten nicht besetzt werden, weil geeignete Bewerber fehlten.“

Nachdem ihr Arbeitstag in der Sattlerei Hennig beendet ist, zieht Charlotte, die selbst leidenschaftlich gern reitet, eine positive Bilanz: „Man sollte schon ein bisschen Geduld mitbringen, wenn man den Beruf ausüben möchte, vor allem ist es zum Teil auch ziemlicher Fummelkram. Aber es ist schon cool, es ist wirklich richtiges Handwerk, da kann man viel mit den Händen arbeiten. Ich würde gern wiederkommen.“ Aber noch haben die Praktikanten 28 Betriebe vor sich.

Von Josefine Kühnel

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