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535 Tage hinter Gittern: Mann verklagt Brandenburg

Verhängnisvolle Affäre 535 Tage hinter Gittern: Mann verklagt Brandenburg

Ein Mann wird wegen Totschlags an seiner Geliebten zu neun Jahren Haft verurteilt. Dann wird der Fall neu aufgerollt, Veysel Kurt ist ein freier Mann. Doch seine berufliche Existenz ist zerstört. Er ist davon überzeugt: Hätte die Rechtsmedizin in Potsdam sauberer gearbeitet, hätte er nicht ins Gefängnis gemusst. Jetzt fordert er 25000 Euro Schadenersatz vom Land.

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Veysel Kurt (65) betrieb früher eine Dönerbude in Doberlug. Dann wurde er verhaftet. Heute fordert er vom Land Schadenersatz.

Quelle: Benjamin Nauleau

Potsdam. Die Geschichte von Veysel Kurt taugt zu einem Drehbuch für einen Krimi voll ungewöhnlicher Wendungen. Kommenden Dienstag könnte der Fall eine weitere, abschließende Wendung erfahren. Dann verkündet das Oberlandesgericht Berlin-Brandenburg, ob der inzwischen 65jährige Kurde 25 000 Euro Schadenersatz vom Land Brandenburg erhält, weil er 535 Tage zu Unrecht im Gefängnis saß.

Dieses Drehbuch könnte damit beginnen, wie sich der Kurde Anfang 2009 in Marlis K. verliebt. Sie arbeitet hinter einer Zeitschriftentheke im Doberluger Netto-Markt, er betreibt in der Nähe eine Dönerbude. Kurt ist verheiratet, hat zwei Kinder, lebt aber von seiner Frau getrennt. Marlis K. und er kommen sich näher. Am 6. März 2009 treffen sich die beiden in Kurts kleiner Wohnung. Sie schlafen miteinander. Dann sackt die Frau plötzlich zusammen, Blut läuft aus ihrer Vagina. So schildert es Kurt später vor Gericht. Ein Unfall, beteuert er.

Leiche auf Parkplatz deponiert

Was dann geschieht, wirft Fragen auf und veranlasst die Cottbuser Staatsanwaltschaft zu einer Anklage. Kurt packt die Leiche von Marlis K. in ihren Wagen und stellt ihn auf einem Parkplatz bei Finsterwalde ab. Als die Frau kurz darauf entdeckt wird, fällt der Verdacht schnell auf Veysel Kurt. Er wird verhaftet. Kurt erklärt sein Verhalten später damit, dass er sich geschämt und Angst um seine berufliche Existenz gehabt habe.

Tatmotiv war laut Staatsanwalt Cottbus die gekränkte Ehre eines Moslems. Marlis K. soll ihn beim Sex als Waschlappen bezeichnet haben, daraufhin habe er sie mit einem Metallrohr penetriert, verletzt und anschließend erstickt. Das Landgericht Cottbus folgt dieser Darstellung. Neun Jahre Haft, lautet das Urteil.

Der Fall wird neu aufgerollt

Doch dann die Wendung: Im Juli 2010 hebt der Bundesgerichtshof (BGH) in Leipzig das Cottbuser Urteil auf. Begründung: „Die Beweiswürdigung des Landgerichts“ beruhe hinsichtlich des Motivs „auf einer nicht ausreichenden Tatsachengrundlage, vielmehr weitestgehend auf Vermutungen“. Das Landgericht Cottbus muss den Fall neu aufrollen und erhält vom BGH den Auftrag, sich dabei einer umfassenden sachverständigen Beratung zu bedienen. Denn bei der ersten Verhandlung beruhte die Verurteilung vor allem auf einem Gutachten der Potsdamer Rechtsmedizin. Ein Gegengutachten, das Kurts Strausberger Anwalt Jens Mader in Auftrag gegeben hatte, wurde nicht berücksichtigt.

Rechtsmediziner widerlegt Erstickungsthese

Veysel Kurt kommt nach 535 Tagen aus der Untersuchungshaft frei. Anwalt Mader gewinnt unter anderem den renommierten Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann als Sachverständigen. Er gilt als Koryphäe, ein Experte insbesondere für Erstickungsfälle. Auch Fernsehzuschauern ist Brinkmann indirekt bekannt: Er lieferte die Vorlage für Professor Börne, jenen verschrobenen Rechtsmediziner, den Jan-Josef Liefers im Tatort verkörpert. Brinkmann schließt eine Verletzung mit einem Metallrohr aus. Er kommt zu dem Schluss: Marlis K. starb an einer Luftembolie, ein äußerst seltener Fall, der ausgelöst wird, wenn beim Geschlechtsverkehr Luftbläschen durch eine Scheidenverletzung in die Blutbahn gelangen und im Herz landen.

Freispruch aus mangel an Beweisen

Im Frühjahr 2013 kann Veysel Kurt den Cottbuser Gerichtssaal als freier Mann verlassen – aus Mangel an Beweisen. Denn das Gericht kann nicht abschließend klären, was in der Nacht vom 6. März 2009 wirklich geschah.

Für seine Zeit in der Haft erhält Kurt, der inzwischen wieder in der Türkei lebt, eine Haftentschädigung in Höhe von knapp 25 400 Euro – 50 Euro pro Tag. Doch weil Veysel seine bürgerliche Existenz aufgeben musste – wer will schon einen Döner bei einem vermeintlichen Sexmörder kaufen? –, und weil er in der Haft krank wurde, klagt er nun auf einen zusätzlichen Schadenersatz in Höhe von 25 000 Euro. Er macht die Potsdamer Rechtsmedizin dafür verantwortlich, dass er verhaftet und verurteilt wurde. Sie habe unsauber gearbeitet und die Leiche nicht dahingehend untersucht, ob eine Luftembolie als Todesursache infrage kommt.

Schon einmal ist Veysel Kurt mit diesem Ansinnen gescheitert – vor dem Potsdamer Landgericht. Doch er hofft, wie bei seinem Revisionsverfahren, auf eine neue Wendung zu seinen Gunsten. Am kommenden Dienstag will das Oberlandesgericht sein Urteil verkünden.

Von Torsten Gellner

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