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9000 Euro für jedes Psychiatrie-Opfer

Aufarbeitung von DDR-Vollzug in Brandenburg 9000 Euro für jedes Psychiatrie-Opfer

Seit einem Jahr erhalten ehemalige jugendliche Patienten von Psychiatrien und Behindertenheimen Entschädigungszahlungen für erlittenes Unrecht. Nun zieht die zuständige Stiftung Zwischenbilanz – viele der betroffenen hat sie noch gar nicht erreicht.

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Zustände im Kindertrakt des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Hochweitzschen bei Leipzig kurz nach der Wende.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Prügel mit dem Kehrblech, unbezahlte Arbeit als Kohleschlepper, Kaltwasserbäder und Nächte in Fesseln – zur Anerkennung und Wiedergutmachung des Leides junger Psychiatriepatienten und Behinderter in der DDR gibt es seit einem Jahr eine Beratungsstelle in Potsdam. Dort allerdings haben sich bisher deutlich weniger Ex-Patienten gemeldet als erwartet – nämlich 618. Das sagte Silvana Hilliger, Leiterin der Stelle, am Donnerstag in einer ersten Bilanz. Mit 191 Menschen wurden Beratungsgespräche geführt. 1,5 Millionen Euro habe die Stiftung „Anerkennung und Hilfe im Land Brandenburg“ bislang ausgezahlt.

Das Land hat 7,9 Millionen Euro in den Wiedergutmachungsfonds eingezahlt. Wenn es in diesem Tempo weiter gehe, würden zum Ende der Meldeperiode am 31. Dezember 2019 etwa 1800 Menschen Ansprüche anmelden, so Hilliger. Gerechnet hatte man bei Einrichtung der Stiftung mit 2000 Betroffenen.

Viele Jugendliche mussten zwangsweise schwer schuften

Die Arbeit der Beratungsstelle hat konkrete Folgen für die Opfer des Verwahrvollzugs: Können sie glaubhaft machen, Opfer von Leid und Unrecht zu sein, zahlt die Stelle eine Einmalzahlung von 9000 Euro aus. Dies ist seit April 2017 in 152 Fällen passiert, wie die Aufarbeitungsbeauftragte des Landes, Maria Nooke, ausführte.

In 39 Fällen sei die Stelle nicht zuständig gewesen – meist, weil die Antragsteller in „normalen“ Kinderheimen untergebracht waren und nicht in der Nervenklinik. „Wir können erlittenes Unrecht nicht ungeschehen machen“, sagte Sozialstaatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt (Linke), „aber wir können Menschen, die noch immer unter den Folgen leiden, unterstützen und ihnen Hilfe zukommen lassen.“

In 50 Fällen haben die Betroffenen laut Nooke neben der Einmalzahlung eine so genannte Rentenzusatzleistung erhalten. So soll anerkannt werden, dass viele Jugendliche in den Psychiatrien und Behinderteneinrichtungen unentgeltlich für zum Teil schwere Arbeiten heran gezogen wurden, dafür aber keine Rentenpunkte angerechnet bekamen. Je nach Länge des Arbeitseinsatzes beträgt die ausgezahlte Summe 3000 bis 5000 Euro pro Person.

Müllmänner und Feldarbeiter

So wurden Jugendliche ab dem Alter von 14 Jahren an etlichen Orten eingesetzt, um Mülltonnen zu bewegen. Andere Einrichtungen produzierten im Auftrag von Betrieben Bestandteile von Bekleidung oder Feuerlöschern, so Silvana Hilliger. Richtige Arbeitsbaracken seien dort entstanden. In der Landwirtschaft seien die Jugendlichen auch eingesetzt worden – gerade auch in den kleineren kirchlichen Einrichtungen, die finanziell besonders schlecht ausgestattet seien. Dort habe etwa die Arbeit auf dem Kartoffelacker der Selbstversorgung der Einrichtungen gedient. „In den Einrichtungen hat man das oft als Arbeitstherapie gesehen“, so Hilliger.

Nicht wenige der in der Landwirtschaft eingesetzten jungen Behinderten seien „wie Knechte ausgebeutet worden“, so Nooke. Gesundheitliche Schäden infolge der Plackerei und der oft in großen Spritzen verabreichten ruhigstellenden Medikamente seien heute noch feststellbar. Zudem lebten viele der Anspruchsberechtigten heute an der Armutsgrenze – sie hatten nie die Chance, etwa zu erlernen.

60 Prozent der Antragssteller erlebten körperliche Gewalt

Von körperlicher Gewalt berichteten laut Nooke 60 Prozent der Antragssteller, jeder Zehnte wurde nach eigener Schilderung Opfer sexualisierter Gewalt. Die Hälfte der Antragssteller musste arbeiten. Schulbildung war nur in geringem Maße für die jungen Leute vorgesehen. Für die größte Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Nervenklinik auf dem Görden in Brandenburg/Havel, gilt laut Hilliger: „Viele sind als Analphabeten vom Görden gekommen.“ Allein 41 der Antragsteller kommen aus der Anstalt im Westen Brandenburgs.

Nicht nur in der DDR waren die Methoden zum Teil inhuman. In der Bundesrepublik waren nach Schätzungen von Experten von 1949 bis 1975 etwa 116 000 Mädchen und Jungen unter kritikwürdigen Bedingungen untergebracht, DDR-weit bis 1990 etwa 139 000. Anstaltsuniform, Einheitshaarschnitt, Entzug ihres Eigentums und Unterbringung in Schlafsälen mit zum Teil 20 anderen Gleichaltrigen hätten in der DDR zum Alltag der Betroffenen gehört, sagte Maria Nooke.

Viele Betroffene sind erst in ihren Vierzgern

Akte des Sadismus sind laut Hilliger seien gleichwohl nicht die Regel gewesen, eher Einzelfälle. Vielmehr hätten eine äußert geringe Anzahl von Betreuern auf sehr viele Kinder aufpassen müssen – vermutlich aus Überforderung hätten diese Pfleger dann zu Maßnahmen wie dem nächtlichen Fixieren gegriffen. Allerdings sei bei den ehemaligen Leitern der Einrichtung „oft kein selbstkritischer Blick“ zu erkennen, so Hilliger.

Von den Betroffenen des „Verwahrvollzugs“ seien heute viele in ihren Vierzigern, sagt Staatssekretärin Hartwig-Tiedt: „Sie waren in den 1980er-Jahren Kinder.“ Die Hälfte aller Antragsteller lebt auch heute noch betreut in Einrichtungen. Die größte Herausforderung sei es nun, diejenigen zu finden, die nach 1990 in eigene Wohnungen gezogen seien und also nicht von Betreuern auf die Arbeit der Stiftung hingewiesen werden könnten.

Von Ulrich Wangemann

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