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Aktenzeichen 72802/93 ungelöst

Die Leiche von Andrea Lohagen wurde gefunden – der Täter nie Aktenzeichen 72802/93 ungelöst

Vor 20 Jahren verschwand die 16-jährige Andrea Lohagen in Belzig spurlos. Sie wollte nur kurz ins Jugendzentrum gehen. Fernsehaufrufe halfen nichts, Privatdetektive waren erfolglos und sogar Wahrsager versuchten ihr Glück. Vergeblich. Sieben Jahre später fand man ihre Leiche nur wenige Meter von dem Treff entfernt. Der Täter ist bis heute unbekannt. Doch die Akten sind noch nicht geschlossen

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Der Schuppen, hinter dem die sterblichen Überreste gefunden wurden.

Quelle: Julian Stähle

Bad Belzig. Im Büro von Peter Lehmann hängt noch ein Plakat aus der Zeit. Eröffnungsparty im Pogo, Juni 1993. Lehmann blättert durch ein Fotoalbum. Fröhliche Jugendliche, Grüppchen, die schwatzend zusammenstehen. Er sucht nach einem langhaarigen, blonden Mädchen mit strahlend blauen Augen, aber Andrea ist auf keinem der Bilder zu sehen, so als wäre sie nie da gewesen. Dabei kam sie von Anfang an oft in den frisch eröffneten Belziger Jugendklub. „Sie war Stammgast“, sagt Lehmann, damals wie heute Chef des Pogo. Er sucht den Fahndungsaufruf der Polizei, den sie damals im Jugendtreff aufgehängt haben, aber er ist nicht mehr aufzutreiben. „20 Jahre“, sagt Lehmann, „sind eine lange Zeit“.

Von außen hat sich die rote Backsteinvilla im Zentrum Bad Belzigs (Potsdam-Mittelmark), das damals nur Belzig hieß, nicht verändert. Verwunschen-idyllisch liegt das Jugendzentrum „Pogo“ etwas zurückgesetzt von der Berliner Straße, umsäumt von hohen Bäumen. Eine breite Steintreppe führt hinauf zur Eingangstür. Einige Jugendliche nutzen die Herbstferien zum Daddeln.

Einen Computerraum gab es vor 20 Jahren noch nicht. Aber den Aufenthaltsraum mit Billardtisch, in dem sich Andrea gern mit Freunden getroffen hat, den gibt es noch. Die zerschlissenen Möbel sind ausgetauscht und die Jugendlichen, die heute an der Bar eine Cola trinken, kennen den Namen Andrea Lohagen höchstens vom Hörensagen. Aber die Älteren in der Kreisstadt mit 12.000 Einwohnern haben nicht vergessen, was vor 20 Jahren geschah. „Die Stadt stand unter Schock. Man hätte doch nie für möglich gehalten, dass so etwas bei uns passiert“, erinnert sich Yvonne Jeschke, die damals, als 21-Jährige, im Pogo arbeitete.

Andrea Lohagen ist am 7. Oktober 1993 nicht zu Hause angekommen.

Quelle: Privat

Der 7. Oktober 1993 war ein Donnerstag. Vorletzter Tag der Herbstferien. „Mami, ich guck mal ins Pogo“ sagt Andrea Lohagen zu ihrer Mutter Rosemarie, dann macht sie sich auf den Weg ins Jugendzentrum. Gut 15 Minuten Fußweg sind es von der Wohnung ihrer Eltern im Neubaugebiet Klinkengrund zum Klub – wenn man keine Abkürzung nimmt. Es sei voll gewesen an jenem Abend, obwohl nichts Besonderes los war, Ferienzeit eben, sagt Yvonne Jeschke. „Ich habe Andrea kurz gesehen, sie stand draußen“, sagt die Belzigerin. Wann genau das war, weiß die 41-Jährige nicht mehr. Jedenfalls vor 22 Uhr, denn um diese Zeit schloss das Pogo.

Yvonne Jeschke, so viel ist sicher, ist eine der Letzten, die Andrea Lohagen lebend gesehen haben. Danach, auf dem Heimweg, verschwindet die Schülerin spurlos. Eine bundesweite Suche beginnt. Doch erst sieben Jahre später wird die Leiche des Mädchens gefunden. Ermordet. 100 Meter Luftlinie vom Pogo entfernt. Der Täter in einem der spektakulärsten Kriminalfälle Brandenburgs ist bis heute nicht gefasst.

„Es war eine Mischung aus Betroffenheit und Angst“, schildert Peter Lehmann die Zeit nach Andreas Verschwinden. Noch in der Nacht, als Andrea vom Pogo nicht nach Hause kommt, gegen 3.50 Uhr, geben ihre Eltern eine Vermisstenanzeige auf. Ihre Tochter ist stets pünktlich. Sie ahnen, dass etwas passiert ist.

Immer wieder melden sich in den kommenden Monaten dubiose Hinweisgeber bei der Familie, Privatdetektive versuchen ihr Glück, Wahr sager kreuzen auf. Mehrmals wird der Fall in Fahndungssendungen im Fernsehen gezeigt, eine Belohung von 10.000 D-Mark ausgesetzt. Vergeblich.
 Die Gerüchteküche in der Kleinstadt brodelt. Andrea sei durchgebrannt oder entführt worden. Sogar Verbindungen zum Rotlichtmilieu werden der 16-Jährigen angedichtet. Dann wieder heißt es, Andrea sei tot. Verschmähte Liebe, Eifersucht, Rache? Es müsse jemand aus dem Umfeld gewesen sein. Oder  einer der Gastarbeiter, die damals in der Nähe beschäftigt waren?

Für die Eltern sind es Jahre voller Ungewissheit. Hoffen, Bangen, Verzweifeln. Bis es am 8. Juli 2000 traurige Gewissheit ist: Andrea ist tot. Vermutlich einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen. Die Eltern möchten nicht mehr in die Öffentlichkeit. Ihr fehle dazu die Kraft, sagt Rosemarie Lohagen. Hofft man nach 20 Jahren noch, dass der Täter gefasst wird? Das Kind kann einem niemand mehr zurückbringen, aber zu wissen, wer es einem genommen hat und weshalb – „das wäre schon wichtig. Für alle, die sie gekannt haben“, sagt Peter Lehmann.
Die meisten erinnern sich an Andrea als hübsches, nettes Mädchen. Der Schwarm aller Jungs. Sie sei attraktiv gewesen, aber überhaupt nicht arrogant, so Lehmann. „Ein liebes Mädchen“, sagt auch Yvonne Jeschke. „Die Schönheit der Schule“, ergänzt ihre Mutter Marie Luisa Jeschke, die damals Lehrerin für Deutsch und Geschichte an der Gesamtschule war, wo Andrea Lohagen die 11. Klasse besuchte. Eine sehr gute Schülerin, beliebt bei allen Lehrern, meint die 65-Jährige. Ruft das nicht Neid hervor? Ja, vielleicht, wie das eben so ist unter Teenagern. Aber ein Mordmotiv?

Peter Lehmann erinnert sich an das Verschwinden von Andrea Lohagen.

Quelle: Julian Stähle

Keiner mag sich vorstellen, dass der Täter womöglich noch mitten in Belzig lebt. Auf dem Weg vom Pogo nach Hause muss er Andrea getroffen haben. Es wird gemutmaßt, dass Andrea der „Liebesgang“ zum Verhängnis wurde. Beweise, dass sie den Geheimweg benutzt hat, gibt es nicht. 50 Meter vom Pogo entfernt führt eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern hindurch. Eine Abkürzung, die zur Liebknecht-Straße und dann zur Wohnung ihrer Eltern führt. Selbst bei Tageslicht ist der Weg einsam, aber auch lauschig. Nach der kleinen Häuserschlucht verbreitert sich die Gasse und steigt leicht an. Rechterhand eine Wiese, Obstbäume, linkerhand ein Holzzaun und dichtes Gebüsch. Dahinter, zehn Meter quer durch einen Garten, jene Stelle, an der Andreas Leiche Jahre später entdeckt wurde. Per Zufall.
„Wir saßen draußen beim Kaffeetrinken“, erinnert sich die Anwohnerin aus der Karl-Liebknecht-Straße 12. Dann taucht der Hund ihres Vermieters auf dem Rasen auf. Josi, ein Golden Retriever. „Wir dachten, er spielt mit einem Ball“, sagt die 89-Jährige. Aber als sie genauer hinschaut, wird ihr klar: Es ist ein Schädel. „Das war ein Schock“, sagt die Frau, „so was vergisst man nie.“

Wenig später stellt sich heraus: Es sind Knochen von Andrea Lohagen. Auf dem Grundstück neben der Nr. 12, hinter einem verfallenen Schuppen, findet die Polizei ihre sterblichen Überreste. Sieben Jahre nach ihrem Verschwinden. Die Levis-Jeans und die Plateauschuhe, die das modebewusste Mädchen am 7. Oktober 1993 trug, bleiben verschwunden. „Warum die Polizei die Leiche nicht früher entdeckt hat, ich verstehe das nicht“, sagt die Nachbarin.

Der alte Schuppen steht noch immer. Daneben Apfelbäume, die auf die Ernte warten. Ein Klapptisch, ein neueres Gartenhäuschen, die Hecke, die man vom „Liebesgang“ aus sehen kann. „Mir geht immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich an der Stelle vorbeikomme, wo sie gelegen haben muss“, sagt Hans-Joachim Brauer und unterbricht seine Gartenarbeit. Der 65-Jährige war schon als Kind oft auf dem Grundstück. Es gehörte dem Bruder seiner Pflegemutter, inzwischen ihm. Wie es sein konnte, dass dort so lange unbemerkt eine Leiche vergraben war? Brauer zuckt mit den Schultern. Zu jener Zeit sei das Grundstück nicht genutzt worden.

Dass die Tat doch noch aufgeklärt wird – in Belzig glauben nicht mehr viele daran. Der Vermisstenfall mit dem Aktenzeichen 72802/93, der ein Mordfall wurde, liegt mittlerweile beim Landeskriminalamt in Eberswalde (Barnim). Immer wieder werden dort ungeklärte Verbrechen wie jenes an Andrea Lohagen von einem zehnköpfigen Ermittlerteam geprüft. Axel Hetke leitet die Mordkommission. Er sagt: „Die Akten auch zu lange zurückliegenden Mordfällen werden erst dann geschlossen, wenn die Tat aufgeklärt ist. Es soll sich kein Täter in Sicherheit wiegen.“ Auch nach zwei Jahrzehnten nicht.

„20 Jahre sind eine lange Zeit“, sagt Peter Lehmann. Das Leben im Jugendzentrum geht weiter, auch wenn Andrea Lohagen dort nicht vergessen ist. 36 Jahre wäre sie jetzt. Sie könnte schon Kinder haben, die ins Pogo gehen, um Freunde zu treffen und ein bisschen Spaß zu haben in den Ferien.

Mordkommission untersucht ungeklärte Verbrechen

131 ungeklärte Verbrechen verzeichnet die Statistik des Landeskriminalamtes (LKA) in Eberswalde derzeit für Brandenburg.

106 Fälle sind Tötungsdelikte.

25 Fälle sind Vermisstensachen, bei denen Mord und Totschlag nicht auszuschließen sind.

19 offene Verbrechen stammen aus DDR-Zeit. Seit zwei Jahren kümmert sich eine spezielle Mordkommission beim LKA unter Leitung von Kriminalhauptkommissar Axel Hetke um ungelöste Fälle.

10 Ermittler durchforsten alte Akten nach neuen Anhaltspunkten - eine bundesweit einmalige Zahl von Fahndern in dem Bereich.

Von Marion Kaufmann

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