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Brandenburg „Wir haben einen ausgeprägten Hang zur Political Correctness“
Brandenburg „Wir haben einen ausgeprägten Hang zur Political Correctness“
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17:03 12.02.2019
Bischof Wolfgang Huber im Gespräch mit der MAZ. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Brandenburgs früherer Bischof Wolfgang Huber (76) beklagt, dass gesellschaftliche Debatten zu eng geführt werden – und einen offenen Dialog blockieren. Im MAZ-Interview spricht der Theologe über den Frauentag als Feiertag, die Scham über die Agenda 2010 und die Garnisonkirche.

Herr Huber, darf man noch alles sagen, was man denkt?

Wolfgang Huber: Man darf alles sagen, was man denkt, wenn man es sich vorher überlegt hat. Man sollte nicht alles raushauen, was einem in den Sinn kommt. Sagen setzt auch Nachdenken voraus, und daran fehlt es manchmal.

Viele Menschen haben heute das Gefühl, ihre Meinung wäre nichts mehr wert. Sie fühlen sich nicht gehört. Sie wenden sich jenen zu, die einfache Antworten auf die komplizierten Fragen der Moderne bieten.

Wir müssen uns eingestehen, dass uns zwei Dinge blockieren. Zum einen gibt es einen ausgesprochenen Hang zur Political Correctness, einschließlich strenger Regeln, wie man gender-gerecht zu sprechen hat. Das führt zu einer Verengung gesellschaftlicher Diskussionen. Zum anderen gibt es das Verlangen, alles sagen zu dürfen, auch wenn man übertreibt und populistisch argumentiert. Das verführt Menschen zu der Vorstellung, dass der Mut zur Wahrheit sich in vereinfachenden und groben Ausdrucksweisen zeigt.

Und was hilft dagegen?

Das Grundproblem ist, dass jeder Mensch dazu neigt, seine eigenen Überzeugungen wichtiger zu nehmen als die der anderen. Dagegen hilft nur, sich mehr für Menschen zu interessieren, die nicht dem eigenen Umfeld entstammen und nicht die gleichen Überzeugungen haben.

Was heißt das für den Umgang mit einer offen rechtspopulistischen Partei wie der AfD?

Wir gehen richtig mit der AfD um, wenn wir darauf hinweisen, dass bestimmte Haltungen dieser Partei mit dem Grundkonsens unserer Gesellschaft nicht vereinbar sind. Wir gehen falsch mit der AfD um, wenn wir uns nicht nachdrücklich darum bemühen, Menschen zu erreichen, die aus bestimmten Gründen heraus anfällig sind für die oft scheinbar einfachen, aber zugleich unvertretbaren Antworten der Partei. Denn es ist nicht unsere Aufgabe, deren Anhänger auszugrenzen, sondern das Gespräch mit ihnen zu suchen. Wir sollten uns um sie bemühen und uns nicht zu stark auf die AfD als solche fokussieren.

Für den Evangelischen Kirchentag in Dortmund dieses Jahr ging schon im Vorfeld die Botschaft aus, dass AfD-Vertreter auf den Podien unerwünscht sind...

Ich halte dieses Signal für falsch. Die Botschaft hätte lauten sollen: Auf einem Kirchentag kann jeder mitreden, der sich zu Offenheit und Toleranz bekennt und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ablehnt. Dann wäre klar gewesen, dass sich das mit bestimmten Positionen der AfD nicht verträgt. So aber kam als Botschaft an: AfD-Anhänger sind auf dem Kirchentag von vornherein unerwünscht.

Zur Person

Wolfgang Huber, geboren 1942 in Straßburg, ist einer der profiliertesten Theologen Deutschlands. Von 1994 bis 2009 war er Bischof von Berlin-Brandenburg. Von 2003 bis 2009 repräsentierte er als Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland die mehr als 20 Millionen Menschen evangelischen Glaubens. 2009 ging er in den Ruhestand.

Als wichtiger Einfluss auf sein theologisches Denken gilt Dietrich Bonhoeffer, der 1945 als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten hingerichtet worden war. Von Bonhoeffer handelt auch Wolfgang Hubers neuestes Buch, das am 14. Februar im Verlag C.H. Beck erscheint („Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt.“)

Huber hat zahlreiche Ehrenämter inne. So ist er Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Garnisonkirche Potsdam sowie Vorsitzender des ältesten Gremiums auf Brandenburger Boden, dem Domkapitel des Domstifts Brandenburg/Havel. Gelegentlich predigt er noch immer, so etwa in der Stadtkirche Lindow (Ostprignitz-Ruppin), wo er sich 2015 mit seiner Frau Kara ein Haus gekauft hat.

Sie haben sich als Bischof viel mit dem Begriff der Freiheit und der daraus resultierenden Verantwortung beschäftigt. Sind wir in Ostdeutschland verantwortungsvoll mit der Freiheit umgegangen?

Wenn man sich das gewaltige Ausmaß der Umbrüche vor Augen führt, vor denen die Bewohner Ostdeutschlands 1990 standen, wurde sehr viel in überzeugender Weise bewältigt. Der Zusammenhalt in kleineren Orten Brandenburgs ist in weiten Teilen besser, als das bisweilen öffentlich dargestellt wird. Die Bereitschaft in den Städten, sich auf Veränderungen einzulassen, verdient großen Respekt. Insgesamt kann man nicht sagen, dass die Menschen verantwortungslos mit der Freiheit umgegangen wären. Natürlich gab es auch beunruhigende Entwicklungen. Ich erinnere mich an die Debatten darüber, ob man ausländerfeindliche Übergriffe nicht besser vertuschen sollte, um keine Investoren abzuschrecken. Das hielt ich für unklug. Nein, darüber musste man reden, es war der einzige Weg, das zu überwinden. Freiheit ist ein großes Geschenk, Freiheit meint aber nicht Beliebigkeit, sondern verantwortliche Gestaltung.

Sie sind 1994 Bischof geworden. Mit welchen Problemen haben sich die Menschen in Brandenburg damals an Sie gewandt?

Das Wichtigste war ihre Hoffnung darauf, dass ihnen Leute mit einer Westbiografie zuhören und ihre Geschichte ernst nehmen. Die Vorstellung, dass es heute – 25 Jahre später – dieses Problem nicht mehr gäbe, ist trügerisch. Das Gefühl, nicht verstanden, nicht wertgeschätzt zu werden, gibt es noch immer, und es vererbt sich sogar. Ich treffe auf junge Leute, die erst nach dem Mauerfall geboren wurden, aber dieses Gefühl in sich tragen.

Wolfgang Huber im Gespräch mit MAZ-Chefredakteurin Hannah Suppa. Quelle: Bernd Gartenschläger

Sie haben nach der Wende stark den missionarischen Gedanken der Kirche betont, als Reaktion auf die Entkirchlichung in der DDR-Zeit. Würden Sie eine Missionierung heute anders angehen als damals, als Sie Bischof waren?

Es braucht noch immer einen langen Atem und ein Stück Vertrauensbildung, damit niemand das Wort Mission mit Überwältigung gleichsetzt. Es geht darum, andere teilhaben zu lassen an dem, was Christen wichtig ist, und darin ein Angebot zum Dialog zu sehen. In der Zeit der DDR mussten die christlichen Gemeinden zusammenhalten, um der Bedrängnis durch den SED-Staat zu widerstehen. Man musste sich als Kirche abgrenzen von dem Staat und einer Gesellschaft, sie sich als atheistisch verstand. Daraus ist eine Tradition erwachsen, stärker nach innen zu wirken als nach außen. Das änderte sich mit der Entstehung der Bürgerbewegung, den Friedensgeboten und der Friedlichen Revolution von 1989. Daran wollte ich anknüpfen. Deshalb trat ich1994 mit der Leitidee an, dass wir eine offene und öffentliche Kirche sein wollen. Und zwar im Wortsinn: Dass die Kirchengebäude geöffnet sind für die Menschen, und dass die Botschaft der Kirche vernehmbar ist. Das ist nach wie vor eine große Aufgabe.

In Berlin ist gerade der Frauentag zum Feiertag erklärt worden, nicht der Reformationstag. Wenn die Kirche in solchen Debatten keine Rolle mehr spielt, ärgert Sie das?

Ich finde die Entscheidung bedauerlich. Der Reformationstag hat sich bewährt. Es wäre ein Zeichen von Großzügigkeit des Landes Berlin gewesen zu sagen: Auch wir gehen den Weg, den Brandenburg und andere Länder gegangen sind.

Haben wir uns heute daran gewöhnt, atheistisch zu sein? Man muss sich heute rechtfertigen, wenn man glaubt.

Bischof Wolfgang Huber im Gespräch mit der MAZ. Quelle: Bernd Gartenschläger

Es ist schon bemerkenswert, dass die Pluralität in Teilen Deutschlands scheinbar nicht jene einschließt, die sich zum Glauben bekennen. Der öffentliche Diskurs findet dort weitgehend unter Ausklammerung der Fragen von Religion und Weltanschauung statt. Als normal gilt der Verzicht auf einen Glauben an Gott, das hält man dann für rational. Dabei hat jeder – auch ein Mensch der sich als „säkular“ versteht – tiefgreifende Überzeugungen, die sein Handeln bestimmen. Und diese Überzeugungen sind nicht einfach rational, sondern sie prägen unseren Umgang mit der Vernunft.

Haben wir verlernt, Dinge differenziert zu betrachten?

Ob wir darin je besonders gut waren, weiß ich nicht. Aber natürlich trägt die leichte Vervielfachung und Verbreitung einfacher Antworten in den „sozialen Netzwerken“ zur Entdifferenzierung und Vereinfachung bei. Ich spreche übrigens lieber von digitalen Netzwerken, weil ich das Soziale darin manchmal nicht erkennen kann.

Wir leben in einer Zeit, in der die Demokratie in einer Art Vertrauenskrise steckt, obwohl es uns wirtschaftlich blendend geht. Wo führt das hin, wenn die Wirtschaft mal am Boden liegt oder die Digitalisierung zu Verwerfungen führt?

Das bereitet mir große Sorgen. Das Verhältnis der Deutschen zur Zukunft kann man mit einem Paternoster vergleichen. Wir fahren nach oben, denken aber ständig daran, was passiert, wenn es wieder nach unten geht. Es gibt eine Grundangst, obwohl wir die Krisen bislang erstaunlich gut überwunden haben. Es grenzt an ein Wunder, wie gut wir aus der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 gekommen sind. Dazu hat die Agenda 2010 beigetragen. Ich kann nicht begreifen, dass die SPD sich von dieser Reform lossagt, ja sich dieses Verdienstes schämt. Wir müssen weg vom Paternoster-Denken, positiver werden, und uns klarmachen, dass man schwierige Situationen überwinden kann. Das gilt auch für die Digitalisierung. Das ist eine komplexe Aufgabe. Nur wenn sich alle um deren verantwortliche Gestaltung bemühen, wird es gelingen. Es werden Berufe verschwinden, neue entstehen. Für viele Menschen müssen wir Weiterbildungsangebote und Umschulungen anbieten.

Was halten Sie von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens?

Davon halte ich gar nichts. Ein bedingungsloses Grundeinkommen sagt den Menschen: Du wirst nicht mehr gebraucht. Mich ärgert, dass inzwischen auch Chefs großer Unternehmen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen. Sie entziehen sich damit der Verantwortung für künftige Arbeitsplätze, statt dazu einen relevanten Beitrag zu leisten. Das finde ich grundverkehrt.

Sie sind Kuratoriumsvorsitzender für den
Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam
. Ein wegen seiner Geschichte umstrittenes Bauwerk. Jetzt wird der Turm gebaut, aber er ist im Verzug, und die komplette Finanzierung durch Spenden ist noch nicht geklärt.

Dass der Bau eine große Herausforderung wird, war klar. Wir nutzen die Zeit des äußeren Aufbaus dazu, den inneren Aufbau, die Nutzung, klarer zu überlegen. Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben – das soll mit dieser Kirche verbunden sein. Das sind großartige Themen, an denen sich hoffentlich auch die Skeptiker beteiligen.

Dennoch fließen die Spenden für den Aufbau zögerlicher als erhofft. Sind Sie enttäuscht?

Wenn der Turm aus dem Boden wächst und man ihn sehen kann, werden die Menschen sich stärker beteiligen und überlegen, ob sie nicht einen der 2,3 Millionen Ziegelsteine finanzieren. 365 Treppenstufen hat der Turm, so viele Stufen wie das Jahr Tage hat, und jeder kann sich eine Treppenstufe kaufen. Und wir bekommen auch jetzt schon, obwohl man den Turm noch nicht sehen kann, Spendenzusagen. Ich bin zuversichtlich.

Warum sind Sie für den Wiederaufbau? Sie waren doch zunächst skeptisch.

Am Anfang stand ein Beschluss der Stadtverordneten von Potsdam, dass zur Wiederherstellung des Stadtbildes nicht nur das Stadtschloss, sondern auch die Garnisonkirche gehört. Ganz ehrlich, das stand damals nicht ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Ich hatte als Bischof Mitverantwortung für gut 2000 Kirchen, von denen viele dringend restauriert werden mussten. Ich habe eingewilligt, Schirmherr zu werden, allerdings unter der Bedingung, dass wir als Kirche entscheiden, was an diesem Ort geschieht. Daraus entstand der Slogan: Wo Kirche draufsteht, muss auch Kirche drin sein. Seitdem ist klar, dass es keine Fremdbestimmung dieses Ortes geben darf.

Der Ort ist historisch belastet: Der symbolische Händedruck von Paul Hindenburg mit Adolf Hitler am Tag von Potsdam ist im kollektiven Gedächtnis mit diesem Ort verbunden.

Dass die Geschichte dieses Ortes kritisch diskutiert werden muss, gehörte für mich immer zur Grundbedingung eines Wiederaufbaus. Die Frage ist doch, ob der 21. März 1933, der Tag von Potsdam, einen städtebaulichen Ort für alle Zeiten mit einem Tabu belegen kann. Ein Tag soll dazu führen, dass in der Stadt eine Leerstelle bleibt? Ich glaube, so kann man nicht argumentieren, denn das ist eine magische Vorstellung. Am 30. Januar 1933 zogen die Nationalsozialisten mit Fackeln durch das Brandenburger Tor. Dieser Fackelzug symbolisierte das Bündnis zwischen den Nationalsozialisten und der jungen Generation. Trotzdem konnte das Brandenburger Tor für uns zum Symbol der Einheit und der Freiheit werden. Aber wir sind auch bei der Garnisonkirche zum Glück über diese Diskussion hinaus.

Viele Menschen begreifen den Wiederaufbau der historischen Mitte Potsdams als eine Art „Hobby“ von Eliten. Können Sie das verstehen?

Ich kann verstehen, dass sich Menschen bei einer isolierten Betrachtung des preußischen Architekturerbes ihrerseits mit der eigenen Lebensgeschichte isoliert fühlen. Daraus entsteht der Eindruck, nicht ernst genommen zu werden. Deswegen trete ich dafür ein, dass auch Bauten aus der DDR-Zeit geachtet werden. Die Diskussionen verändern sich aber auch, wenn umstrittene Gebäude erst einmal stehen. Das hat sich beim Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses gezeigt, in dem seit fünf Jahren der Brandenburger Landtag sitzt. Ich finde es großartig, dass dort, wo früher der monarchische Souverän residierte, heute der demokratische Souverän seinen Platz gefunden hat.

Von Hannah Suppa und Torsten Gellner

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