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Amadeu Antonio: Daheim in Eberswalde

Sein Vater wurde von Neonazis zu Tode geprügelt Amadeu Antonio: Daheim in Eberswalde

Vor 25 Jahren wurde der Angolaner Amadeu Antonio in der Kleinstadt Eberswalde (Barnim) von Rechtsextremisten äußerst brutal getötet. Er war gerade 28 Jahre. Seinen Sohn konnte er nicht mehr kennenlernen. Der wurde geboren, als der Sarg gerade nach Angola verschifft wurde. Sein Name: Amadeu Antonio. Und er lebt heute noch in Eberswalde. Eine Reportage.

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Vor wenigen Tagen in Eberswalde: Amadeu Antonio Schimansky neben der Gedenktafel für seinen Vater.

Quelle: Foto: dpa

Eberswalde. Seinen Vater hat Amadeu Antonio Schimansky nie kennengelernt. Er kennt ihn nur aus den Erzählungen der Mutter. Als „liebevoll, aufgeschlossen“ habe die ihn beschrieben, erinnert sich der junge Mann, der noch nicht geboren war, als sein Vater in der Nacht zum 25. November 1990 in Eberswalde (Barnim) von einem rechten Mob zusammengeschlagen wurde. So schwer, dass er elf Tage später starb. Amadeu Antonio war noch zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter aus Angola in die Kleinstadt rund 50 Kilometer nordöstlich von Berlin gekommen. Er gilt als eines der ersten ausländischen Opfer rassistisch motivierter Gewalt nach der Wende in Ostdeutschland.

Vor der Jahrtausendwende

Vor der Jahrtausendwende: Mit Kerzen und Blumen gedachten Freunde von Amadeu Antonio und Einwohner von Eberswalde des am 6. Dezember 1990 von Neonazis getöteten Angolaners .

Quelle: dpa-Zentralbild

Der damals 28 Jahre alte Antonio wurde auf offener Straße von mehreren Rechtsextremen zu Tode geprügelt, obwohl sich in der Nähe Polizisten aufhielten. Diese Tatsache und die Brutalität der Täter machten den Fall deutschlandweit publik. Dazu kamen später die umstrittenen Urteile gegen die Täter. Was nicht wenigen als Mord erschien, blieb für den Richter eine Körperverletzung mit Todesfolge. Die Haftstrafen reichten von zwei bis viereinhalb Jahren.

Amadeu Antonio jr. als „Negerbastard“ bezeichnet

„Wenn ich der Richter gewesen wäre, wären die nicht so früh rausgekommen“, sagt Amadeu Antonio Schimansky. Der 24-Jährige trägt den Nachnamen seiner Mutter. Groll hört man bei ihm nicht ­heraus. Er wurde angeblich an dem Tag geboren, an dem der Sarg mit der Leiche seines Vaters nach Angola verschifft wurde. Genau lässt sich das heute nicht mehr rekonstruieren.

Zum 25. Mal jährt sich der Tod seines Vaters in diesem Jahr. „Es ist immer dasselbe“, sagt der Sohn. Mit Schimansky ins Gespräch zu kommen, ist nicht ganz einfach. Er ist zurückhaltend, hat wenig Lust auf Journalisten. Schon in seiner Kindheit haben sie ihn begleitet. An damals kann er sich nicht mehr erinnern. Vielleicht will er es auch nicht. Bedrückend liest sich ein Bericht, der den Alltag des neunjährigen Amadeu Antonio junior im Dezember 2000 beschreibt, der sich auf der Straße als „Negerbastard“ bezeichnen lassen und viele Eberswalder Stadtteile wegen seiner Hautfarbe meiden muss. Als Kind bekam er Probleme in der Schule, die Familie wurde zeitweise durch die Behörden gegängelt, die anzweifelten, dass Amadeu Antonio junior tatsächlich der Sohn seines Vaters ist.

„Eberswalde war ein übles Nest“

„Eberswalde war bis zur Jahrtausendwende ein übles Nest“, sagt Kai Jahns, der Amadeu Schimansky zum Gespräch begleitet. Jahns ist der städtische Koordinator für Toleranz und kommt selbst aus Eberswalde. Es habe sich einiges geändert. So gingen Zivilgesellschaft und Verwaltung gemeinsam gegen rechts vor. Seitdem trete der Rechtsextremismus nicht mehr so unverblümt und dominant auf wie in den 90er-Jahren.

Der Sprecher der Amadeu Antonio Stiftung, Robert Lüdecke

Der Sprecher der Amadeu Antonio Stiftung, Robert Lüdecke.

Quelle: dpa-Zentralbild

Bei der nach Amadeu Antonio benannten Stiftung in Berlin sieht man es ähnlich. „Sichtbare Minderheiten sind jetzt akzeptiert. In den 90ern wollte man die weghaben“, sagt der Sprecher der Stiftung, Robert Lüdecke. Der Rassismus sei auf ein kleinstädtisches Niveau geschrumpft, wie man ihn überall finde. Auch aus Sicht des zuständigen Polizeiprä­sidiums ist Eberswalde kein „ausgewiesener rechtsextremistischer Ort“.

Das Gefühl, Zuhause zu sein

Für Amadeu Antonio Schimansky blieb die Stadt seine Heimat. Zwar verließ er Eberswalde zwischenzeitlich für ein Jahr mit der Mutter und den drei Halbschwestern in Richtung Berlin, kehrte aber wieder zurück. „Ich fühle mich als Eberswalder“, sagt er. Er führt keineswegs das Leben eines Außenseiters. Seit 16 Jahren kickt er beim örtlichen FV Preussen.

Mit Rassismus habe er gelernt zurechtzukommen. Wenn er bestimmte Jugendliche sehe, achte er darauf, ob Gefahr drohe, höre aber weg, falls Beleidigungen fielen. Er könne sich frei in Eberswalde bewegen, „außer in den Dörfern, da sind die Dorfnazis“.

Amadeu hat gelernt, mit Rassismus zurechtzukommen

Amadeu hat gelernt, mit Rassismus zurechtzukommen. Dörfer meidet er allerdings.

Quelle: dpa-Zentralbild

Die Stadt hat ihr Bürgerbildungszentrum nach Amadeu Antonio benannt. Doch es ist nicht alles vorbei: Die Gedenktafel zu Ehren Antonios wird immer mal wieder beschmiert, zuletzt erst vor einigen Wochen. Amadeu Schimansky kommt regelmäßig an der Stelle vorbei, doch seine Empörung hält sich in Grenzen.

Von Ben Reichardt

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