Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Anwohner wollen „endlich gehört werden“

KZ-Gedenkstätte Saschenhausen Anwohner wollen „endlich gehört werden“

Anwohner der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg leiden unter dem zunehmenden Besucherstrom. Die Bedeutung der Gedenkstätte steht für sie außer Frage, sie seien auch „keine Meckertruppe“. Doch die Anwohner wollen endlich mit ihren Bedenken und Vorschlägen gehört werden. Die MAZ hat sich vor Ort umgehört.

Voriger Artikel
Der Fingerabdruck eines Steinschlags
Nächster Artikel
Henry Maske & 200 Promis auf „Tour der Hoffnung“

In Spitzenzeiten rangieren 20 bis 30 Busse auf dem engen Parkplatz der Gedenkstätte

Quelle: Robert Roeske

Oranienburg. An manchen Tagen reicht es Waltraut Krienke. Dann geht sie zum Parklatz und bittet die Busfahrer, die Motoren abzustellen, weil Lärm und Dieselgestank nicht mehr auszuhalten sind. „Die Fahrer warten auf ihre Fahrgäste und halten mit laufendem Motor die Klimaanlage in Betrieb.“ Waltraut Krienke und ihr Mann Horst wohnen seit 40 Jahren im Sandhausener Weg in Oranienburg. Der Eingang zur Gedenkstätte des einstigen Konzentrationslagers ist nur wenige Hundert Meter von ihrem Haus entfernt.

Waltraud Krienke

Waltraud Krienke

Quelle: MAZ/Volkmar Krause

Dazwischen liegen zwei Parkplätze, neben dem für Busse auch einer für Autos – 35 Jahre alte, rissige Betonflächen, längst viel zu klein. Um sie zu erreichen, muss sich der motorisierte Besucherverkehr durch schmale Anliegerstraßen zur Gedenkstätte quälen – durch den Sandhausener Weg, den Schäferweg oder die Straße der Nationen. Einschließlich der Besucher, die zu Fuß oder mit der Stadtlinie vom Bahnhof kommen, zählt die Gedenkstätte täglich knapp 2000 Gäste, 700 000 im Jahr – Tendenz steigend. Die Autokennzeichen weisen auf halb Europa hin, dazu Schüler auf Klassenfahrt und Jugendgruppen aus der ganzen Welt. Auch an diesem Freitagvormittag ist der Info-Tresen im Besucherzentrum am Eingang dicht umlagert. Junge Spanier holen sich Audioguides für den Rundgang ab.

„So kann es nicht weitergehen“

„Die Belastung für die Anwohner ist zu groß. So kann es nicht weitergehen“, sagt Waltraut Krienke. Parkplatz und Zufahrt zur Gedenkstätte müssten verlegt werden – auf jeden Fall für die Busse, in Spitzenzeiten seien es 20 bis 30 Fahrzeuge täglich. Mitte Juli hat sich eine Anwohnerinitiative gegründet, Waltraut Krienke und Christian Wollank aus dem Schäferweg wurden deren Sprecher. „Für Leute vom rechten Rand bleibt unsere Tür zu“, stellt Waltraut Krienke klar. „Die Bedeutung der Gedenkstätte steht für uns außer Frage, sie gehört zu Oranienburg und ist Teil unserer Geschichte. Ich bin selbst oft dort, bei neuen Ausstellungen oder Filmvorführungen.“

„Keine Meckertruppe“ und „keine Gedenkstättengegner“

Die Rentnerin ärgert sich, dass über mögliche Alternativvorschläge der Anwohner noch nie gesprochen worden sei. „Wir müssen endlich gehört werden. Wir sind keine Meckertruppe und schon gar keine Gedenkstättengegner.“ Denkbar sei, dass die Busse die Besucher an nahegelegenen öffentlichen Haltestellen absetzen und dann auf einem zentralen Parkplatz warten. Eine Brache an der benachbarten Landespolizeischule böte dafür Platz. Dort könne laut Plan der Bürgerinitiative auch eine alternative Zufahrtsstraße zum Gedenkstättengelände eingerichtet werden.

Gedenkstätte lehnt Verlegung des Eingangs ab

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten unter ihrem Vorsitzenden Günter Morsch lehnt eine Verlegung des Zugangs strikt ab. Das Konzept der Anlage folge dem historischen Weg der Gefangenen des Nazi-Regimes, so die Begründung. Sie seien über genau diese Straßen unter schweren Misshandlungen und unter den Augen der damaligen Anwohner zum Lager gebracht worden, erklärte Dik de Boef, Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, das frühere Häftlinge und Hinterbliebene vertritt. Verhandlungen darüber seien „tabu“.

Busse begegnen sich im Zentimeterabstand

Auch Jessica und André Meffert hoffen, dass das nicht das letzte Wort gewesen sei. Das junge Paar – 30 und 32 Jahre – werkelt gerade am neuen Haus im Schäferweg. In drei Wochen soll Einzug gefeiert werden. Der Schäferweg hat keine Bürgersteige und kann von beiden Seiten befahren werden. „Hier begegnen sich Busse im Zentimeterabstand. Einfahrten werden zugeparkt, und um die Ecke ist der Kindergarten“, sagt Jessica Meffert. „Die Busfahrer sind oftmals selbst ratlos und wissen nicht, wo sie ihre Fahrzeuge abstellen sollen. Ich sorge mich um meine Kinder.“ Die Mefferts wollen die Anwohnerinitiative unterstützen. „Man muss doch miteinander reden können.“

Schwere Busse über Kopfsteinpflaster

Sigurd Kattner wohnt in einem gelb verputzten Haus an der Straße der Nationen, die direkt zur Gedenkstätte führt. Er leidet unter dem Lärm, den die schweren Busse auf dem Kopfsteinpflaster verursachen. „Besonders heftig ist es an Wochenenden und wenn in der Gedenkstätte Veranstaltungen sind. 30 Stundenkilometer fährt hier kaum einer“, klagt der 66-Jährige. Eine Asphaltierung der Straße, wie von der Gedenkstättenstiftung gefordert, würde den Lärm mindern, die Menge des Verkehrs bliebe aber gleich, sagt Kattner.

Stadtverwaltung setzt auf Dialog

Die Stadtverwaltung agiert in der Auseinandersetzung erkennbar vorsichtig. Das Thema sei heikel, heißt es. Ein falsches Wort und man stecke in der Schublade, in die man nicht gehöre. Das Verhältnis zwischen dem Historiker Morsch und Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD) gilt als angespannt. Die Interessen von Kommune und Gedenkstätte unter einen Hut zu bringen, ist schwierig. Laesicke, der zur Neuwahl des Rathauschefs im September nach 24 Jahren im Amt nicht mehr antritt, hat Morsch doch noch einmal zum Dialog aufgefordert. „Die Besucherzahlen zeigen: Wir haben eine neue Situation. Den Anwohnern ist die Belastung kaum noch zuzumuten“, sagt er. Laesicke will Stadt, Kreis, Gedenkstätte und die Anwohnerinitiative an einen Tisch bringen.

Das Potsdamer Kulturministerium teilt uneingeschränkt den Standpunkt der Gedenkstättenstiftung, zu der auch das einstige Frauen-KZ Ravensbrück, die Gedenkstätte im früheren Zuchthaus Brandenburg/Havel und das Museum des Todesmarsches im Belower Wald gehören. Das Konzept der Gedenkstätte Sachsenhausen sei international anerkannt, heißt es.

Etwa 200 000 Häftlinge wurden während der NS-Zeit ins KZ Sachsenhausen deportiert, mehrere Zehntausend dort ermordet. Nach dem Krieg diente das Lager als sowjetisches Speziallager.

Streit um Zugang zur KZ-Gedenkstätte

Von Volkmar Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Erwarten Sie, dass sich nach Einführung der einheitlichen Postleitzahl in der Gemeinde Gumtow die Qualität der Zustellung verbessert?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg