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Brandenburg Arme Kinder bleiben arm
Brandenburg Arme Kinder bleiben arm
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18:21 23.10.2017
Kinder in einkommensschwachen Haushalten finden kaum aus der Armutsfalle heraus. Quelle: dpa
Potsdam

Mehr als jedes fünfte Kind in Brandenburg ist arm oder gilt zumindest als armutsgefährdet. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts als hervor. „Über 61000 Kinder im Land Brandenburg lebten im Jahr 2015 in Haushalten, die Grundsicherungsleistungen erhielten, viele davon in Familien mit nur einem Elternteil“, bestätigt die Sprecherin des Brandenburgischen Sozialministeriums, Marina Ringel.

Trifft zu, was das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung herausgefunden hat, dann bleiben diese rund 61000 Kinder auch weiterhin arm. Die Forscher hatten die Einkommenslage im Haushalt von insgesamt 3180 Kindern über fünf Jahre untersucht. 21 Prozent der Kinder lebten über diese gesamte Zeitspanne hinweg oder immer mal wieder in Armut. Weitere 10 Prozent waren immerhin zeitweise von Armut betroffen.

21,1 Prozent der brandenburgischen Kinder sind armutsgefährdet

Als arm gelten in Deutschland Familien, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens ausmacht. Damit fällt Armut verglichen zu anderen Ländern in Deutschland vergleichsweise milde aus. Arme Menschen haben hier zumeist eine Unterkunft und auch genügend zu essen. Aber Kinder aus armen Familien müssen überwiegend auf das verzichten, was für Kinder sonst zum Leben gehört. Die von der Stiftung ermittelten Zahlen treffen im Groben auch auf Brandenburg zu. Das Sozialministerium teilt mit, dass die Armutsgefährdungsquote von Kindern unter 18 Jahren 2016 in Brandenburg bei 21,1 Prozent lag.

Marlon Brandt, Experte für Kinderarmut und Existenzsicherung bei der Bertelsmann-Stiftung, nennt vier maßgebliche Faktoren für die Armut von Kindern: den Bildungsstatus der Eltern, die Berufstätigkeit der Mutter, ein Migrationshintergrund und schließlich mehrere Kinder im Haushalt. „Alleinerziehende haben ein deutlich höheres Risiko, arm zu werden“, sagt Brandt. Das Risiko sinkt aber, wenn die Mutter erwerbstätig ist. Erstaunlicherweise sei umgekehrt das Armutsrisiko bei erwerbslosen Müttern selbst dann höher, wenn ein erwerbstätiger Vater anwesend sei. Sehr viel größer sei das Risiko zu verarmen auch dann, wenn es im Haushalt drei und mehr Kinder gibt.

Runder Tisch gegen Kinderarmut

Das Brandenburger Sozialministerium bestätigt, dass insbesondere Alleinerziehende gefährdet sind. Sozialministerin Diana Golze (Linke) bringt in dem von ihr 2015 initiierten Runden Tisch zur Bekämpfung der Kinderarmut Akteure wie Sozialarbeiter, Schuldnerberater und Vertreter von Kommunen für kleinteilige Lösungen zusammen. Das Sozialministerium verweist darauf, dass schon jetzt die Gefährdungsquote für Armut zurückgegangen sei. Anfang 2018 will das Ministerium im Landtag einen Sachstandsbericht zum Runden Tisch vorlegen und Mitte 2019 die weiteren Handlungsempfehlungen vorstellen, teilte Sprecherin Marina Ringel mit.

Die oppositionellen Grünen im Landtag fragen, warum sich die Landesregierung so viel Zeit lässt: „Wir würden uns in diesem Bereich deutlich mehr Engagement wünschen“, sagt die sozialpolitische Sprecherin Ursula Nonnemacher. Die Grünen selbst wollen den „Teufelskreis“ mit besserer Bildung durchbrechen und fordern für Kitas einen besseren Betreuungsschlüssel und Beitragsfreiheit. Ausgebaut werden müssten auch Ganztagsschulen und Schulsozialarbeit. Hinzu kommen müssten Gesundheitsfachkräfte an Schulen. „Auch der Übergang von der Schule in die Ausbildung muss stärker in den Blick genommen werden“, so Nonnemacher.

Die Sozialpolitikerin der Linken im brandenburgischen Landtag, Bettina Fortunato, weist darauf hin, dass Brandenburg schon mehrfach an den Bund appelliert, die Sozialpolitik zu überdenken. Insgesamt sei die Lage in Brandenburg zwar nicht schlechter aber auch nicht besser als im Bund. Lediglich in einigen Städten wie Frankfurt (Oder) zeichneten sich verschärfte Problemlagen ab. „Kinder wie halbe Erwachsene zu behandeln, reicht nicht aus“, so Fortunato. Alle Kinder müssten zum Beispiel an Klassenfahrten teilnehmen können oder auch musische Bildung bekommen. „Das Bildungsgesetz ist gut gedacht, aber schlecht umgesetzt“, so Fortunato. Das seit 2011 gültige Bildungspaket müsse wirklich dazu beitragen, die Situation der Kinder zu verbessern. Zum Beispiel sieht Fortunato im dazu notwendigen Gang zum Sozialamt eine Stigmatisierung der betroffenen Kinder.

Öffentlich geförderte Beschäftigung als Möglichkeit

„Die Ergebnisse der Studie überraschen mich nicht“, sagt auch die Vorsitzende des Arbeitslosenverbandes Deutschland Brandenburg, Inga-Karina Ackermann. „Wenn wir in den letzten Jahren von einer verfestigten Langzeiterwerbslosigkeit reden, resultiert daraus auch die verfestigte Betroffenheit der Kinder.“ Gerade alleinerzeihende Mütter entkämen in Brandenburg kaum ihrer prekären Lage: „Die Aufnahme einer Vollzeitarbeit ist oft wegen nicht abgesicherten Kinderbetreuungszeiten oder auch zu langen Fahrwegen zur Arbeit nicht möglich.“ Ackermann fordert daher eine öffentlich geförderte Beschäftigung und bessere Kinderbetreuungszeiten.

Die Bertelsmann-Stiftung selbst empfiehlt der Bundesregierung, Sozialhilfe nicht von der Einkommens- und Verbraucherstichrobe, sondern vom tatsächlichen Bedarf der Kinder abhängig zu machen. Brandt fasst ihn unter „Teilhabe“ zusammen. „Dazu gehört zum Beispiel die Teilnahme an Sportkursen, am Musikunterricht oder auch einfach mal die Möglichkeit, Freunde nach Haus zum Essen einzuladen.“ Eben all das, was für andere Kinder Selbstverständlich ist.“ Brandt räumt ein, dass gesellschaftliche Teilhabe selbst in der Demokratie an finanzielle Voraussetzungen gekoppelt ist. „Zum Beispiel erzählen zu können, wie der Film war, den sie neulich gesehen haben, ist ein essenzieller Teil für das Leben von Kindern in der Gemeinschaft.“ Das koste aber auch.

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Von Rüdiger Braun

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