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Asylbewerber-Hütten kommen aus Brück

Interview zu Low-Cost-Häusern Asylbewerber-Hütten kommen aus Brück

Ludwig Feilmeier hat mit Low-Cost-Unterkünften für Asylbewerber eine Marktlücke entdeckt. In Brück (Potsdam-Mittelmark) stehen allein 60 solcher Blechhäuser - Anfragen gibt es aus ganz Deutschland. Doch wie kam der Unternehmer überhaupt auf die Idee? Und schlägt er daraus wirklich Profit? Das verrät Feilmeier im MAZ-Interview.

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Künftig stehen 60 Low-Cost-Häuser in Brück. Sie bieten Unterkunft für Flüchtlinge.

Quelle: dpa

Brück. Ludwig Feilmeier (52) ist Geschäftsführer des gleichnamigen bayrischen Unternehmens mit Filiale in Brück (Potsdam-Mittelmark). Die Firma stellt Trapezbleche her und hat im Brücker Gewerbegebiet daraus sogenannte Low-Cost-Häuser mit 32 Quadratmetern Wohnfläche für Flüchtlinge errichtet. Er hat damit eine Marktlücke erschlossen.

Ludwig Feilmeier.

Quelle: Privat

MAZ: Herr Feilmeier, wie oft ist Ihnen schon vorgeworfen worden, aus der Not der Flüchtlinge Profit zu schlagen?
Ludwig Feilmeier: Noch nie, im Gegenteil. Die Reaktionen sind sehr positiv, gerade aus den Kommunen, die händeringend Unterkunftsmöglichkeiten für Flüchtlinge suchen. Erst gerade eben hatte ich wieder einige Telefonate mit Gemeinden. Die Unterbringung in Zelten oder auch Turnhallen ist ja für niemanden eine gute Lösung, weder für die Flüchtlinge noch für die Stadt selbst, weil Sportmöglichkeiten für die Kinder und die Vereine blockiert werden.

Wie kamen Sie denn auf die Idee, aus Ihren Wellblechen Flüchtlingsunterkünfte zu machen?
Feilmeier: Die Idee stammt eigentlich von meiner Frau. Beim Fernsehen kam sie auf den Gedanken.  Wir sahen eine Sendung über Flüchtlinge in Syrien. Ein kleines Mädchen schaute aus einem Zelt, Sand in den Augen, die Haare zerzaust vom Wind. Da hat meine Frau gefragt: Kann man da nichts tun? Gibt es nicht eine bessere Lösung? Ein abgeschlossener, wetterfester Raum ist doch besser als ein Zelt. Die Low-Cost-Häuser waren ursprünglich gar nicht für den deutschen Markt gedacht, sondern sollten eigentlich direkt in die Krisenregionen geliefert werden. Auch nach Naturkatastrophen  könnten solche leicht aufzubauenden, stabilen Unterkünfte helfen.  Aber durch den Zustrom an Flüchtlingen kommen sie nun eben hierzulande zum Einsatz.

Wo stehen Ihre Häuser bereits?
Feilmeier: Bislang nur in Brück. Derzeit wohnen dort 72 Flüchtlinge in 28 Häusern. Weitere werden gerade aufgebaut. Kommende Woche sind dann insgesamt 60 Häuser in Brück fertig.  Es gibt mittlerweile aber Anfragen aus ganz Deutschland von Bamberg bis Krefeld. In Brandenburg haben zum Beispiel Ludwigsfelde und Oranienburg Interesse signalisiert und auch ein privater Investor aus der Nähe von Berlin hat angefragt.

Was kostet denn so ein Haus?
Feilmeier: Die einfachste Variante ist für etwas unter 10 000 Euro zu haben, bei dieser sind die Wände nicht ganz so dick. Die Version für fünf Personen, die wir in Brück aufgestellt haben, kostet 15 000 Euro. Der Landkreis hat die Häuser für 1000 Euro im Monat gemietet, für eine Dauer von viereinhalb Jahren. Bei dem Preis handelt es  aber nicht nur um die reine Miete für das Haus. Sämtliche  Einrichtungen wie Sanitärcontainer oder auch Häuser für  Sozialarbeiter und einen Wachmann  sowie die Grundstücksmiete für eine Fläche von insgesamt 12 000 Quadratmeter sind inbegriffen.

Und woraus bestehen die Häuser?  
Feilmeier: Sie bestehen aus Sandwich-Paneelen, wie sie im Indus-triebau verwandt werden, sowie einem Schaumkern: 100 Millimeter am Dach, 80 an der Wand und 60 am Boden.

Was unterscheidet Ihre Häuser denn von Wohncontainern?
Feilmeier: Sie sind viel leichter und einfach aufzubauen. Zur Not reichen, etwa in einem Erdbebengebiet, ein Eselkarren und drei Leute und innerhalb von drei Stunden steht die Unterkunft. Die Komponenten für die Häuser sind zudem durch eigene Fertigung sofort lieferbar. Bei einem Container muss man mittlerweile acht Monate Lieferzeit einkalkulieren. Und,  im Winter wichtig: Die Low-Cost-Häuser sind, was ihren Energieverbrauch und die Brandschutznormen angeht, zertifiziert. Sie sind leicht beheizbar, etwa durch eine Pelletheizung. Mit einem nur 1650 Watt Heizkörper können 32 Quadratmeter  ausreichend beheizt werden.

Familienunternehmen mit Brück-Filiale

Die Feilmeier AG   wurde im Jahr 1999 im bayrischen Osterhofen bei Passau gegründet.
Die Firma hat Niederlassungen in Tauberbischofsheim (Baden-Württemberg), Suhl (Thüringen) und seit 2012 auch in Brück (Potsdam-Mittelmark).
Insgesamt beschäftigt Feilmeier 70 Mitarbeiter, in Brück sind es acht Beschäftigte.

Hergestellt werden Trapezbleche, Wellprofile, Kantteile, aber auch Hochbeete, Low-Cost-Häuser und Sanitärcontainer aus Blech. Mit moderner 3D-Technologie hilft das Unternehmen seinen Kunden bei der Projektplanung.
Auf seiner Homepage verspricht das Familienunternehmen wirtschaftliche Lösungen für die Dacheindeckung und Fassadenverkleidungen für Industrie, Handel und Privatkunden

Sanitäranlagen müssen aber trotzdem dazugemietet werden?
Feilmeier: Ja, die Häuser haben in ihrer Rohversion keine Toiletten oder Waschbecken, aber eine Aufputz-Installation für Wasser- und Abwasser ist ohne großen Aufwand möglich. In Brück stehen auch Solo-Low-Cost-Häuser, in die eine kleine Küchenzeile inte-griert wurde. Das ist technisch nicht so schwierig.

Im Grunde sind es ja Blechhütten. Ist das nicht laut in so einem Haus?
Feilmeier: Nein. Das stellt man sich nur so vor, wenn man das Wort Blech hört. Aber da scheppert nichts beim Rumlaufen und auch von draußen dringen  durch die Stärke der Isolation nicht viele Geräusche ins Innere.

Und wie lange hält so ein Haus?
Feilmeier: Die verwendeten Werkstoffe sind innen wie außen verzinkt und kunststoffbeschichtet und halten  30 bis  40 Jahre  bei normaler Beanspruchung.

Würden Sie denn selbst  darin leben wollen?
Feilmeier: Sie werden lachen, meine Frau und ich haben wirklich schon überlegt, ob wir im Alter nicht in ein Low-Cost-Haus ziehen, um unsere Kosten zu minimieren. Man muss sich das vorstellen wie eine karg möblierte Wohnung. Darin lässt es sich schon leben, wenn man sich einschränkt.

Interview: Marion Kaufmann

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