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Aus für die Heime der Firma Haasenburg

Ministerin Münch zieht Konsequenzen aus Abschlussbericht Aus für die Heime der Firma Haasenburg

Lange hatte Brandenburgs Jugendministerin Martina Münch eine Schließung der umstrittenen Haasenburgheime abgelehnt. Nun zieht sie doch Konsequenzen aus dem Bericht einer Untersuchungskommission, der schwere Missstände in den Heimen festgestellt hat. Alle Heime werden geschlossen, das Landesjugendamt werde überprüft.

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Der Untersuchungsbericht zu Misshandlungsvorwürfen gegen die umstrittenen Haasenburg-Heime in Brandenburg liegt seit vergangener Woche vor.

Quelle: dpa

Potsdam. Es war wohl das, was man eine alternativlose Entscheidung nennt. Nachdem ein Untersuchungsbericht die Spekulationen über Drill und Demütigungen in den drei Brandenburger Heimen der Haasenburg GmbH bestätigt hat, zog Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) gestern die Reißleine: Die Einrichtungen werden geschlossen, erklärte sie in Potsdam. Dafür spreche „insbesondere die latente Gefährdung der Jugendlichen durch jederzeit mögliche körperliche Zwangsmaßnahmen“, so die Ministerin. Die Verfehlungen reichten so weit, dass eine Reformierung der Einrichtungen unrealistisch sei. Brisant: Ihr eigenes Ressort hat offenbar keine geringe Mitschuld an den Missständen.

Zuvor hatte der Vorsitzende der Expertenkommission, Martin Hoffmann, die Ergebnisse der monatelangen Untersuchung zusammengefasst. In die finstersten Ecken der „schwarzen Pädagogik“ sei man dabei vorgedrungen. Teils erinnerten die Zustände in den Heimen an die DDR-Jugendwerkhöfe. „Es herrscht kein freundlicher und wohlwollender Geist“, sagte Hoffmann. Das Landesjugendamt (LJA), das dem Bildungsministerium unterstellt ist, hätte nach Ansicht der Kommission viel früher eingreifen müssen.

„Beschämend“, nannte Marie Luise von Halem, jugendpolitische Sprecherin der Grünen im Brandenburger Landtag, diese Versäumnisse. Gordon Hoffmann von der CDU-Fraktion wurde noch deutlicher: „Ministerin Münch muss sich fragen lassen, welche Verantwortung sie für das Versagen trägt.“

Heime der Haasenburg GmbH

  • Die Haasenburg GmbH ist ein freier Träger der Jugendhilfe. Sie hat in Brandenburg an drei Standorten Heime mit insgesamt 114 Plätzen und einem intensivpädagogischem Angebot für Kinder und Jugendliche. Auch aus anderen Ländern haben Jugendämter schwer erziehbare Kinder in die Einrichtungen geschickt.
  • In 56 Fällen handelt es sich um geschlossene Plätze mit der Möglichkeit zum Freiheitsentzug, davon allein 24 in Müncheberg (Märkisch-Oderland). In Neuendorf am See (Dahme-Spreewald) können 60 Kinder und Jugendliche untergebracht werden. Das dritte Haasenburg-Heim in Jessern (Dahme-Spreewald) mit 30 Plätzen wurde vom Betreiber bereits stillgelegt.

Diese hat Konsequenzen zumindest angekündigt. Die Heimaufsicht werde „neu aufgestellt“ und personell verstärkt, versprach Münch. Dazu habe sie jetzt eine interne Untersuchung gestartet. Momentan sind drei Mitarbeiter beim LJA für die Kontrolle von 400 Einrichtungen der Jugendhilfe in Brandenburg zuständig.

In den kommenden zwei Wochen werde das Ministerium den Entzug der Betriebserlaubnis vorbereiten, so die Ministerin weiter. Die Haasenburg GmbH will rechtlich dagegen vorgehen. Bis die verbliebenen 37 Jugendlichen die noch offenen Häuser in Müncheberg (Märkisch-Oderland) und Neuendorf (Dahme-Spreewald) verlassen, können noch Monate verstreichen. Die entsendenden Jugendämter in den Bundesländern, aus denen sie kommen, müssen zunächst Alternativen finden – was nicht leicht werden dürfte, schließlich heißt es auch im Untersuchungsbericht, dass die Haasenburg eine Endstation für all diejenigen ist, „die keiner wollte“. Schon deshalb wird der Fall die Politik, auch bundesweit, noch lange weiter beschäftigen. Martina Münch hat angekündigt, eine Diskussion über diese Art der Unterbringung auf Bundesebene anzustoßen.

Von Angelika Pentsi

Untersuchungsbericht zeichnet erschreckendes Bild von Zuständen in den Heimen

Was berichten Bewohner über die Heime?
Die Schilderungen aus dem Bericht zeugen von Drill, Demütigungen und Machtmissbrauch. Eine Bewohnerin berichtet: „Habe mich in Anwesenheit von 7 oder 8 Betreuerinnen vollständig entkleiden müssen.“ Ein anderer Junge erklärt, er habe tagelangen Stubenarrest, Briefzensur und Strammstehen erlebt. Ein weiteres Mädchen sagt: „Die Erzieher hatten einen anderen Rang, es waren die ,Übermenschen’ und wir die ,Untertanen’.“ Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass sich viele der Betroffenen „als tief beschädigt erleben“. Einzelne positive Stimmen werden aber auch zitiert.

Wie beurteilt die Kommission das Konzept der Haasenburg GmbH?
Das Konzept sei holzschnittartig, schematisch und überreguliert, so der Bericht. Auf die jeweiligen Biografien der Kinder und ihre speziellen Bedürfnisse werde nur unzureichend eingegangen.
Die Kinder und Jugendlichen würden „als Objekte korrektiver Maßnahmen“ der Umerziehung verstanden. Gerade in der sogenannten „roten Phase“ am Beginn eines Aufenthalts müssten sich die Jugendlichen an sehr rigide Regeln halten, wie „kein eigenmächtiges Öffnen der Tür“, die Hausordnung oft mehrmals abschreiben und würden stark isoliert.
Gleichzeitig fehle es an Wärme sowie an ausreichenden therapeutischen Angeboten. Auch die schulische Förderung weise Defizite auf.

Was sagt der Bericht zum Einsatz von Gewalt und Drill?
Bestrafungsmaßnahmen werden nach Ansicht der Kommission unverhältnismäßig eingesetzt. Jugendliche berichten von zahlreichen Fixierungen am Boden schon aufgrund geringer Regelverstöße. Zum Teil sollen Erzieher diese Fixierungen auch selbst provoziert haben.  

Welcher Eindruck entsteht vom Unternehmen und seinen Mitarbeitern?
Zum Teil habe das Unternehmen gut kooperiert, zum Teil sei es aber auch wichtige Unterlagen schuldig geblieben, so die Kommission. Zahlreiche Dokumente seien fehlerhaft oder unklar. Außerdem gebe es Hinweise, dass Personalausstattung und -qualifizierung nicht durchgängig den Auflagen des Landesjugendamtes (LJA) entsprachen. Die Pädagogen sind nach Einschätzung der Experten „weitgehend unfähig zu kritischer Selbstreflexion“.

Welche Versäumnisse werden dem Landesjugendamt konkret vorgeworfen?
Laut Untersuchungskommission hat es erhebliche Mängel in der Heimaufsicht gegeben. So sei es beispielsweise nicht glaubhaft, dass das LJA von Fixierungen in den Heimen nichts gewusst hat. Problematisch sei insbesondere die Doppelfunktion, die das LJA eingenommen habe – als Berater und Aufsichtsinstanz des Heimes.

Wie stellen Mitarbeiter die Zustände dar?
Gegenwärtig Beschäftigte äußerten sich positiv und waren überzeugt, alles richtig zu machen. Ehemalige Beschäftigte berichteten dagegen von Missständen.

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Bericht ab Mittwoch öffentlich

In den umstrittenen Brandenburger Jugendheimen der Haasenburg GmbH hat eine Untersuchungskommission eklatante Missstände festgestellt. Diese hätten in den Heimen die Ausübung von Willkür gegenüber Minderjährigen ermöglicht, heißt es nach MAZ-Informationen in dem Bericht, der am Mittwoch der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

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