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Brandenburg Surfer, Model, Provokateur: Das ist Steffen Königer
Brandenburg Surfer, Model, Provokateur: Das ist Steffen Königer
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00:25 02.12.2018
29.11.2018, Brandenburg, Potsdam: Steffen Königer, ehemaliges Mitglied im AfD-Bundesvorstand, nimmt an einer Pressekonferenz zu seinem Parteiaustritt teil. Zur Begründung seines Austritts führte der Brandenburger Landtagsabgeordnete die von ihm empfundene Ohnmacht der Gemäßigten gegenüber radikalen Kräften in der AfD an. Foto: Christoph Soeder/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: dpa
Potsdam

Es war schöner Tag im Mai, die Stimmung im Brandenburger Landtag war gut, fast ein wenig feierlich. Nach langen Debatten stimmten die Abgeordneten mit großer Mehrheit für die Abschaffung der Kita-Gebühren im letzten Vorschuljahr. So viel Einigkeit war selten, selbst die Opposition fand lobende Worte dafür, dass die lange erhobene Forderung nun endlich umgesetzt wurde. Nur einer störte die Harmonie: Steffen Königer.

Der Abgeordnete mit den langen Haaren und der sportlichen Statur trat ans Rednerpult und pöbelte los. Das Gesetz sei eine Mogelpackung und überhaupt eine „Volksverarsche“, rief er und forderte, das Vorhaben zurückzuziehen, ohne dies näher zu begründen. Es wirkte, als sei er in einer Rolle gefangen – eben in der Rolle des Provokateurs, der provoziert, weil es von ihm erwartet wird. Im Plenum herrschte Verständnislosigkeit angesichts von Königers Ausbruch. Andererseits: Man kannte das schon von ihm. Auf einem Parteitag in Hannover hatte er in bewusster Anspielung auf die Goebbelsche Sportpalast-Rhetorik von einem „totalen Krieg gegen das Volk der Dichter und Denker“ gesprochen, den die 68-Generation angeblich führe. Seine Bewerbungsrede kam gut an. Er wurde als Beisitzer in den Vorstand gewählt.

Richtungsstreit mit Kalbitz

Heute beklagt Königer selbst eine „grundsätzlich-dagegen-Haltung“ seiner Partei. Heute beklagt er „krude Äußerungen“ von einzelnen AfD-Mitgliedern, die der Partei schaden würden. Heute beklagt er, dass die konservativen Kräfte mehr im Stillen arbeiten würden, während die unsinnigsten Redebeiträge bei Parteitagen den größten Jubel auslösten. Deswegen sei er aus der AfD ausgetreten.

Windsurfer, Drogenverfechter, Ex-Model und knallharter Provokateur: Das ist Steffen Königer (46), der abtrünnige AfD-Abgeordnete aus Brandenburg. Er ist durchaus eine schillernde Figur in dem Reigen erzkonservativer bis nationalistischer Abgeordneter der Brandenburger Landtagsfraktion, die von Andreas Kalbitz geführt wird. Gegen Kalbitz hatte sich Königer 2015 einen Kampf um den stellvertretenden Parteivorsitz geliefert. Er hatte das als Richtungsstreit verstanden, als Votum über den künftigen Kurs seiner Partei. Königer verlor klar. Die Richtung war vorgegeben. Wenig später übernahm Kalbitz dann den Landesvorsitz von Alexander Gauland, der in den Bundestag einzog. Der Landesverband rückte noch weiter nach rechts.

Kritik am Holocaust-Mahnmal

Seit 2014 sitzt Königer im Landtag. Er war dort für seine Fraktion unter anderem für Bildungsthemen zuständig. Im Wettstreit mit Kalbitz, der zum völkischen Höcke-Flügel der Partei zählt, inszenierte sich der Mann aus Werder/Havel (Potsdam-Mittelmark) gerne als liberaler Gegenpol. Doch ein Linker ist er gewiss nicht, auch wenn er für die Freigabe von Cannabis eintritt, lange Haare trägt und lieber Zivildienst in einer Potsdamer Kita geleistet hatte als wie Kalbitz zur Bundeswehr zu gehen.

Er war einst Redakteur bei der neu-rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Im Internet kursieren Fotos von ihm, die ihn bei einer Demonstration gegen das Holocaust-Mahnmal in Berlin zeigen, jenes Denkmal, das der Thüringer Landeschef Björn Höcke als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet hatte. Er habe das Mahnmal seinerzeit kritisch gesehen, wie es auch Kritiker in den Reihen von CDU oder SPD gegeben habe, sagt Königer dazu heute. Er habe sich mit dem Denkmal arrangiert. „Es ist sehr wichtig, an die Taten von damals zu erinnern.“

Kritik am „Herrn aus Thüringen

Seinen Austritt erklärt er insbesondere mit dem Personenkult um Björn Höcke, den Königer gerne den „Herrn aus Thüringen“ nennt. Es sei ein unverzeihlicher Fehler gewesen, dass der Parteiausschluss Höckes vom Parteischiedsgericht abgeschmettert worden sei, sagt er. Aber auch auf mehrfache Nachfrage wird Königer bei der Pressekonferenz, die er am Donnerstag in einem Seminarhotel in Potsdam gibt, nicht wirklich konkret. Er distanziert sich damit auch nicht inhaltlich von grenzwertigen Äußerungen. Vielmehr sagt er, die rechten Provokationen seien „politisch unklug“. Das kann vieles heißen. Geht es Königer also weniger um das, was gesagt wird, als darum, dass man es aus strategischen Gründen manchmal lieber nicht öffentlich sagt – etwa, damit der Verfassungsschutz nicht geweckt wird?

1995 trat Königer bei der Wahl zum Mister Brandenburg an. Er wurde zum schönsten Mann Brandenburgs gewählt. Ansonsten gibt sich der durchtrainierte Mann mit den langen Haaren sportlich. Er ist leidenschaftlicher Surfer, holte sogar einmal den Landestitel im Windsurfen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder.

Vergleich der AfD mit verfolgten Juden

Etwas Polemik müsse schon sein, sagt Königer selbst. Das werde er auch weiterhin so halten, wenn er als fraktionsloser Abgeordneter bis zum Ende der Legislaturperiode im Landtag sitzt. Er weiß ja, wie das geht. Gerade erst war das zu beobachten: Im Landtag beklagte er bei einer Gedenkstunde zur Reichspogromnacht die Ausgrenzung der AfD und zog indirekt Vergleiche zur Ausgrenzung der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. „Woran erinnert uns das?“, fragte er vielsagend.

Kann er diese Ausgrenzung der anderen Parteien nicht nachvollziehen, jetzt, da er sich selbst von der AfD distanziert? Nein, sagt Königer. Wenn es Cafés oder Restaurants gebe, in denen per Aufkleber signalisiert werde, dass AfD-Mitglieder unerwünscht seien, dann gehe das zu weit. „Das ist zutiefst undemokratisch. Dagegen würde ich auch vorgehen, wenn es die CDU oder die Grünen betreffen würde. Da haben Sie mit mir einen Vorkämpfer für Meinungsfreiheit.“ Königer ist auch der Mann, der das umstrittene Meldeportal gegen Lehrer verantwortet, die angeblich gegen die AfD im Unterricht hetzen.

Im Landtag brachte er einmal Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) aus der Fassung, der auf einen Redebeitrag Königers sagte. „Ich frage mich manchmal, was Sie so nehmen.“ Königer hatte Bevölkerungsprognosen des Landes in Zweifel gezogen, Schröter ihm daraufhin Verschwörungstheorien vorgeworfen. Schröter erhielt für seine Unterstellung, Königer konsumiere gelegentlich Drogen, eine Rüge. Königer nahm es sportlich: Er bevorzuge Kirschbier, gab er zu Protokoll.

Von Torsten Gellner

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