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BER: 10 Jahre und noch immer nicht fertig

5. September 2006: Spatenstich für Flughafen BER: 10 Jahre und noch immer nicht fertig

Am 5. September 2006 stiegen sechs Männer in dunklen Anzügen in eine Sandgrube in Schönefeld und hofften, dass hier bald ein Großflughafen für Berlin und Brandenburg entstehen werde. Ursprünglich war eine Bauzeit von fünf Jahren geplant. Doch nach zehn Jahren ist der BER noch immer nicht in Betrieb.

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Der Spatenstich am 5. September 2006 (v.l.): der damalige Flughafenchef Rainer Schwarz, Bahnchef Hartmut Mehdorn, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Thomas Weyer von der Flughafengesellschaft.

Quelle: dpa-Zentralbild

Schönefeld. Ob eine Arbeit gelingt, hängt nicht zuletzt von der Wahl des richtigen Werkzeugs ab. Erfahrene Heimwerker wissen: Wer billig kauft, kauft zweimal. Oder richtet damit großen Schaden an. Beim Betrachten des Werkzeugs, mit dem das epochemachendste Bauwerk Brandenburgs angegangen wurde, hätte man deswegen schon vor zehn Jahren stutzig werden müssen.

Am 5. September 2006 stiegen sechs Herren in dunklen Anzügen in eine Sandgrube in Schönefeld, um den modernsten Flughafen Europas zu bauen. Also griffen die Landesväter Brandenburgs und Berlins, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit, der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn, Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee sowie die beiden Flughafenchefs Rainer Schwarz und Thomas Weyer zum Spaten, wirbelten ein wenig Sand auf und riefen den Baubeginn für den BER aus, der damals noch BBI hieß.

Der Spaten zum Start: Wirklich arbeiten kann man damit nicht

Einer dieser Spaten steht heute in der MAZ-Redaktion. Der inzwischen verstorbene Wirtschaftsredakteur Martin Usbeck hatte das Stück seinerzeit mitgebracht – als Erinnerung an das Ereignis. Auf den ersten Blick ein normaler Spaten mit hellbraunem Holzstiel und dunkelgrauem Blech. Bei genauerer Betrachtung aber erkennt man: Wirklich arbeiten kann man damit nicht. Kein Wunder, dass das mit dem Flughafen nichts wurde.

Flughafenchef Karsten Mühlenfeld im Terminal des geplanten Hauptstadtflughafens im Jahr 2015

Flughafenchef Karsten Mühlenfeld im Terminal des geplanten Hauptstadtflughafens im Jahr 2015.

Quelle: dpa-Zentralbild

Es ist ein Gerät, das nur für symbolische Spatenstiche angefertigt wurde. Es gibt Firmen, die so was verkaufen. Ein, zwei Schippen Sand kann man damit schadlos vor die Objektive werfen. Mehr aber nicht, sonst macht der Spaten schlapp. Das Spatenblech ist mit dem Stiel nur durch eine Schraube verbunden, und die sitzt auch noch schief. Wer damit versuchte, ein Quittenbäumchen im Garten umzusetzen, bekäme rasch die Quittung.

Der BER und seine Geschichte

Der Flughafen Berlin Brandenburg hat eine lange Geschichte. Die wichtigsten Termine:

Januar 1992: Beginn der Planungen für den Flughafen.

September 2006: Erster Spatenstich. Der 30. Oktober 2011 wird als Eröffnungstermin festgelegt.

Juni 2010: Unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma wird die Eröffnung auf den 3. Juni 2012 verschoben.

Mai 2012: Vier Wochen vor dem Termin wird wegen Problemen mit der Brandschutzanlage die Eröffnung abgesagt. Wenige Tage später wird der 17. März 2013 als neues Datum für die Inbetriebnahme genannt.

September 2012: Eine Analyse bringt zahlreiche Mängel über den Brandschutz hinaus ans Licht. Der Aufsichtsrat verschiebt die Eröffnung auf den 27. Oktober 2013.

Januar 2013: Auch der Termin 27. Oktober platzt, inzwischen gibt es eine Liste mit Zehntausenden Baumängeln.

Januar 2014: Hartmut Mehdorn, inzwischen Flughafenchef, sagt, Ziel sei ein Betriebsbeginn noch im Jahr 2015.

Dezember 2014: Auf Vorschlag Mehdorns beschließt der Aufsichtsrat einen Zeitplan mit Ziel einer Eröffnung im zweiten Halbjahr 2017. Baulich sollte das Milliardenprojekt danach im März 2016 fertig sein.

August 2015: Der neue Flughafenchef Karsten Mühlenfeld räumt ein, die Baufertigstellung werde nicht bis März 2016 gelingen. Grund sei die Insolvenz des Gebäudetechnikausrüsters Imtech Deutschland.

März 2016: Der Flughafen muss umfangreiche Genehmigungsunterlagen an mehreren Stellen nachbessern, teilweise auch noch umbauen. Das ergibt sich aus Nachforderungen des Bauordnungsamts. Es ist fraglich, ob 2017 noch zu schaffen ist.

Das Werkzeug, mit dem der intelligenteste Flughafen der westlichen Halbwelt initiiert wurde, tut also nur so, als wäre es ein Werkzeug. Es ist ein potemkinscher Spaten, genauso, wie der Flughafen nur ein potemkinscher Flughafen ist, eine funktionslose Hülle, hübsch anzusehen zwar, aber mit Rolltreppen, die ins Nichts führen und einem Bahnhof, durch den die Geisterzüge rauschen.

Es gibt tolle Fotos vom spätsommerlichen Spatenstich mit den sechs Herren im Sand. Sie haben Spaß, wahrscheinlich weil sie damals noch an das glaubten, was das Bauplakat im Hintergrund versprach: „Realisierungszeitraum: September 2006 bis Oktober 2011“.

Aus fünf Jahren sind inzwischen zehn Jahre geworden, und niemand weiß, wie lange in Schönefeld noch so realisiert wird. Und was genau. Ist das aktuelle Problem nun der Salat im Kabelschacht, das Rätsel der drei einfahrenden Züge im Schnittstellenbereich oder die Frage, ob die vierte Nachreichung zum fünften Bauantrag akzeptiert wurde und damit der erste Schritt zum sechsten Bauantrag getan ist? Kein Wunder, dass sich der Realisierungszeitraum unter der Last solcher Probleme ins Unermessliche ausdehnte.

Schon der Spatenstich hatte sich verzögert

Wie euphorisch damals doch die Wortmeldungen, als Matthias Platzeck zum Lügenspaten griff. „Heute können wir uns einfach nur freuen“, rief er. Und Wowereit, philosophisch gestimmt, ergänzte: „Die Region Berlin-Brandenburg bekommt mit dem BBI Perspektiven, die sie ohne diesen Flughafen nicht hätte.“ Hätte, hätte, Fehlerkette.

Schon der Spatenstich hatte sich geringfügig verzögert. Matthias Platzeck wollte die Sandkastenperformance eigentlich schon zur Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) ein paar Monate früher abziehen, weil da, dem Anlass angemessen, die Weltpresse anwesend gewesen wäre. Die Welt aber würde noch früh genug erstaunten Anteil nehmen an dem Schönefelder Versuchsbau.

Und was wurde aus den Männern im Sand? Thomas Weyer war der Klügste von allen, er hatte frühzeitig den Abflug nach München gemacht. Rainer Schwarz leitet jetzt die Geschicke des Flughafens Münster-Osnabrück (keine Angst, der steht schon). Platzeck und Wowereit haben der Politik den Rücken gekehrt. Hartmut Mehdorn kümmert sich um sein Weingut „Beauchamp“ in Südfrankreich, und Wolfgang Tiefensee interpretiert derweil die „Einstürzenden Neubauten“ auf seinem Cello.

Von Torsten Gellner

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