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Mythos Sperenberg

Besuch im ehemaligen Sperrgebiet Mythos Sperenberg

Um ein Haar wäre der Pannenflughafen BER nicht in Schönefeld, sondern im 40 Kilometer südlich von Berlin gelegenen Sperenberg gebaut worden. Die Preußen testeten hier neue Granaten, Wernher von Braun erprobte Raketenantriebe aus Kartoffelschnaps, und die Russen schickten dröhnende Antonows in die Luft. Ein Besuch im ehemaligen Sperrgebiet.

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Im Mai 1995 werden die GUS-Truppen, hier der 16. Luftarmee, auf dem Flughafen in Sperenberg verabschiedet.

Quelle: Ullstein

Sperenberg. Die Natur hat Fakten geschaffen. Wenn man nicht nach ihm suchen würde, könnte man den Tower auf dem Flugplatz Sperenberg glatt übersehen. Die Bäume sind dem Turm über den Kopf gewachsen. 20 Jahre hatten sie dafür Zeit: Am 1. September 1994 schickten die Fluglotsen von hier aus die letzten Funksprüche in den Äther, holte Generaloberst Matwej Burlakow, der letzte Oberkommandierende der russischen Streitkräfte in Deutschland, persönlich die russische Flagge ein und bestieg die letzte Maschine nach Moskau. Seither ist Schicht in Sperenberg.

Sperenberg ist ein Mythos. Rund 50 Jahre lebten die Russen hier, bauten sich eine Kleinstadt mit etwa 5000 Einwohnern auf, Schule, Kino und Kegelbahn inklusive. Was hinter Mauern und Stacheldraht vor sich ging, davon drang kaum etwas nach draußen ins benachbarte 500-Einwohnerdorf Kummersdorf. "Wir wussten nix von den Sachen, die hier passiert sind", erinnert sich der Kummersdorfer Werner Nietschmann. "Wir konnten ja erst nach dem Abzug der Russen rein."

Der Traum vom ganz großen Flughafen

Sperenberg ist aber auch ein Traum. Noch immer glauben manche daran, dass dort, wo heute Kiefern zwischen den Fugen der Rollbahn wachsen, irgendwann wieder Flugzeuge starten. Starten müssen, um das Desaster von Schönefeld zu beenden. Baustopp dort, Neuanfang in Sperenberg. Selbst Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) hatte Sperenberg als „Ergänzungsstandort“ für Schönefeld vergangenes Jahr noch mal ins Spiel gebracht.

Besuchermagnet: Der große Hangar in Sperenberg.

Quelle: Julian Stähle

Anwohner wie Ralf Kaim, der für den Förderverein des Museums Kummersdorf Besuchergruppen über das Sperrgebiet führt, halten nichts von derlei Plänen. "Wer will schon einen Flughafen vor der Haustür haben?", sagt er. An diesem Donnerstagmittag lotst Kaim wieder Gäste durch das baumumstandene Areal, Brandenburgs Finanzstaatssekretärin Daniela Trochowski ist unter ihnen. 2012 ging das Gelände, das stark munitionsverseucht ist, vom Bund in das Eigentum des Landes über. "Der Flughafen Sperenberg ist vom Tisch", sagt Trochowski. "Wir wollen das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich machen."

Preußische Soldaten probten in Sperenberg für den Krieg

Vor 20 Jahren hatte Sperenberg noch eine andere Perspektive. Der Flugplatz hatte 1993 in einer Art Casting ("Raumordnungsverfahren") als bester Standort für den künftigen Großflughafen abgeschnitten. Schönefeld galt als weniger geeignet, zu nah am Stadtrand, zu viele Lärmopfer, beschränkte Entwicklungsmöglichkeiten. Doch es kam anders. 1996 fiel der berüchtigte „Konsensbeschluss“: Der Bund einigte sich mit Stolpe und Berlins Regierungschef Eberhard Diepgen (CDU) auf Schönefeld. Dabei war Stolpe strikt gegen diese Option. Und, wie erst vergangenes Jahr bekannt wurde: Auch Diepgen hätte für Sperenberg votiert. Der Bund aber favorisierte insgeheim den begrenzten Standort Schönefeld, weil der sich nicht zu einer Konkurrenz der Luftdrehkreuze Frankfurt und München entwickeln würde. Außerdem machte die gescheiterte Länderfusion von Berlin und Brandenburg Stolpe einen Strich durch die Rechnung: Er wollte den Bund überzeugen, dass das erste gemeinsame Länderparlament für Sperenberg votieren würde.

Für Geschichtsliebhaber ist der ehemalige russische Militärflughafen Sperenberg ein Traum: Hunderte verlassene Gebäude zeugen von einer zu Ende gegangenen Ära. Fast wäre auf dem Areal der neue Großflughafen BER entstanden. Doch es kam anders und 20 Jahre nach dem Abzug der Roten Armee erobern sich die Bäume verlorenes Terrain zurück. Ein Besuch im ehemaligen Sperrgebiet.

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Die Geschichte des Areals reicht fast 140 Jahre zurück, als preußische Soldaten hier anfingen, für den Krieg zu proben und neue Waffen zu testen. Die "Dicke Bertha", das legendäre Geschütz von Krupp, bombte sich hier in den sandigen Grund. Zwölf Kilometer lang war eine der Schießbahnen, wo die Soldaten Mörser und Granaten testeten. Heute ist es eine mit Farnen bewachsene Kraterlandschaft. 1884 ließ das Militär eine vierhundert Meter lange Test-Festung errichten, nur um sie an einem Tag in Schutt und Asche zu legen.

Blaubeeren leuchten vor den Raketenprüfständen

Als der Schießplatz unter den Nationalsozialisten zur „Heeresversuchsanstalt“ wurde, forschte Raketenpionier Wernher von Braun an den ersten Flüssigraketen. Angetrieben mit Kartoffelschnaps statt Kerosin. Doch weil auch die angebliche Wunderwaffe "V2" den Kriegsverlauf nicht mehr wenden konnte, standen bald die Russen in Kummersdorf und im benachbarten Sperenberg. Und heute? Heute leuchten reife Blaubeeren vor dem moosbewachsenen Raketenprüfständen.

Am 1. September 1994 rollte die letzte Maschine über das Flugfeld von Sperenberg. Statt einer Start- und Landebahn gibt es heute nur noch eine Huckelpiste, in der die Natur ihren Weg gefunden und die Witterung ihre Spuren hinterlassen hat.

Quelle: Julian Stähle

Die wechselhafte Geschichte hat gefährliche Spuren hinterlassen: Benzin und Bomben schlummern im Grund. Man darf man nur mit Genehmigung und unter Begleitung eintreten ins geheimnisumwitterte Sperrgebiet. Was eine Munitionsberäumung kosten würde? "Das lässt sich seriös nicht beziffern", sagt Andreas Isenburg, Altlastenexperte der Brandenburgischen Bodengesellschaft. Nur soviel ist klar: Ganz kann man die 3600 Hektar ohnehin nicht von dem explosiven Erbe befreien.

Ein Freilichtmuseum statt "BER II"

Im Herbst will das Land eine Machbarkeitsstudie zur Zukunft von Sperenberg präsentieren. Ein Szenario à la „BER II“ spielt bei der Prüfung keine Rolle. Die Flughafenträume sind ausgeträumt. Geplant sind stattdessen ein Freilichtmuseum, Windräder auf den Schießbahnen und ein Solarpark.

Chronik

  • Um 1870 wird der Schießplatz der preußischen Armee in Berlin-Tegel zu klein, da die Geschosse eine immer größere Reichweite erreichen. Der Kummersdorfer Forst wird vom Kriegsministerium zum Aufbau eines neuen Übungsgeländes auserkoren.
  • 1875 wird der Eisenbahnverkehr nach Kummersdorf aufgenommen: Die Königlich-Preußische Militäreisenbahn verbindet das Areal mit Berlin-Schöneberg.
  • Vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt sich das Gelände zu einer der größten militärischen Versuchsanlagen der Welt. Die Schießbahnen sind bis zu zwölf Kilometer lang.
  • 1932 lebt der Raketenforscher Wernherr von Braun in Mellensee (heute Teltow-Fläming), um die Flüssigraketen A1 und A2 zu entwickeln.
  • 1945 erobert die Rote Armee der Sowjetunion das Gelände.
  • 1946 bis 1956 nutzen die sowjetischen Streitkräfte das Areal unter anderem als Militärfahrschule.
  • Ab 1958 wird das Areal Stück für Stück zum Flugplatz ausgebaut und entwickelt sich zu einer sowjetischen Kleinstadt.
  • 1991 versteckt sich der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, auf dem Gelände, als er per Haftbefehl gesucht wird. Die russischen Streitkräfte fliegen ihn nach Moskau. Das Gästehaus erhält später den Spitznamen „Hotel Honecker“.
  • Nach der Wende konkretisieren sich die Pläne für einen neuen Hauptstadtflughafen. Es kommt auch Sperenberg als Standort in Frage.
  • 1993 empfiehlt das Raumordnungsverfahren des Brandenburger Umweltministeriums (Hausherr: Matthias Platzeck) Sperenberg als besten Standort, gefolgt von Jüterbog. Vor Schönefeld wird wegen der Lärmbelastung gewarnt.
  • 1994 hebt die letzte Maschine – eine Antonow AN-12, vom Flugplatz Sperenberg ab. Der Bund übernimmt das Areal.
  • 1996 fällt die Entscheidung, dass der Flughafen Schönefeld „ausgebaut“ wird. Sperenberg ist aus dem Rennen.
  • Bis 2006 wird Sperenberg dennoch als Reservefläche für den neuen Flughafen vom Bund vorgehalten. Das schreckt potenzielle Investoren ab.
  • 2007 wird das Gelände der Heeresversuchsanstalt unter Denkmalschutz gestellt.
  • 2012 übernimmt das Land Brandenburg die munitionsbelastete Liegenschaft. Die CDU kritisiert, dass Sperenberg als „Ergänzungsstandort“ für den zu klein geratenen BER vorhalten soll. Vor kurzem wurden Pläne bekannt, dass dort ein Solarpark entstehen könnte.

Von Torsten Gellner

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