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Brandenburg Baaske geht – lieber auf Klassenfahrt
Brandenburg Baaske geht – lieber auf Klassenfahrt
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02:15 29.09.2017
Bildungsminister Günter Baaske hat selbst den Lehrerberuf erlernt – er unterrichtete Mathe und Physik. Quelle: dpa/MAZ
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Potsdam

Bei der SPD-Wahlparty am Sonntag in Potsdam fiel es angesichts der allgemeinen Depression nur scharfsichtigen Beobachtern auf: Günter Baaske wirkte ungewohnt in sich gekehrt – schon vor der ersten Hochrechnung. „Was ist mit Hugo los?“, fragten sich einige Genossen. Aber dann brach ohnehin die Welt zusammen.

Hugo, das ist Günter, der zivile Teil jenes Ministers, der ohne Zweifel der volksnaheste aller Ressortchefs ist. Der 59-Jährige aus Lütte bei Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) verlässt jetzt die Landesregierung auf eigenen Wunsch. Damit verliert Ministerpräsident Dietmar Woidke eine politische Allzweckwaffe und einen Landespolitiker, den man ohne Sprechzettel und Vorbereitung auf jede Bühne stellen kann, ohne dass es peinlich wird. Sozialminister, Fraktionschef, Bildungsminister – 15 Jahre hat der gelernte Mathe- und Physiklehrer auf hohen Posten in der Landespolitik gedient. Bei Wahlen gehörte er stets zu den Zugpferden auf allen Listen.

Baaske will mit auf Klassenfahrten

Jetzt ist Schluss. „Ich habe eine fünf Jahre alte Tochter. Wenn die in die Schule kommt, möchte ich mit auf Klassenfahrten“, sagt Baaske. Seine drei erwachsenen Kinder (25, 28 und 35) habe er viel zu wenig gesehen. Dann sagt Baaske etwas Erstaunliches für einen Vollblut-Berufspolitiker: Einen Ministerjob, „den muss man nicht gerade machen, wenn man kleine Kinder hat.“ Was wohl die jungen Eltern und Parteigenossen Andrea Nahles, Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig dazu sagen würden?

Im Urlaub sei die Idee zum Ausstieg gereift, sagt der Mann, der am 8. September seine langjährige Lebensgefährtin Anne Böttcher (39) – Geschäftsführerin bei der Arbeiterwohlfahrt – geheiratet hat. Auf einem Facebook-Bild knutscht sie ihn, beide stehen mit nackten Füßen in der Meeresbrandung.

Das Ehepaar Baaske am Meer. Quelle: privat (Quelle: Facebook)

Alles persönliche, private Gründe, wie es regierungsseitig heißt? Es ist kein Geheimnis: Ministerpräsident Dietmar Woidke, der aus Forst in der Lausitz stammt, misstraut bis heute jenen Potsdamer Partei-Zirkeln, in denen unter Matthias Platzeck Landespolitik beim Rotwein Gestalt annahm. Baaske wird – gemeinsam mit Ex-Finanz- und Innenminister Rainer Speer – zu dieser Runde gezählt. Doch sie ist weitgehend entmachtet. Speer trat nach seinem Unterhalts-Skandal zurück, Platzeck ist in Polit-Rente, Generalsekretär Klaus Ness starb 2015, Ex-Staatskanzlei-Chef Albrecht Gerber musste 2014 die Schaltzentrale der Macht verlassen und wurde Wirtschaftsminister. „Boy-Group“-Mitglied Baaske, der etliche Jahre zu den möglichen Kronprinzen mit Chance aufs höchste Regierungsamt gezählt wurde, weiß seither: Hinterm Horizont geht’s nicht so richtig weiter. Der Generationenwechsel in der SPD macht auch vor dem Discjockey und jahrelangen ehrenamtlichen Manager der Popgruppe Keimzeit („Kling klang“) nicht halt.

„Gut eingearbeitet“ ins Bildungsministerium

Parteifreunde sagen: Der erzwungene Wechsel vom Sozialministerium ins Bildungsministerium 2014 habe Baaske nicht gefallen. Zwar bescheinigt selbst Lehrergewerkschafts-Chef Günther Fuchs dem Ex-Lehrer Baaske, er habe „sich gut eingearbeitet. Ob dieses Ministerium allerdings sein Lieblingskind war, ist eine andere Frage“, so Fuchs. Vielleicht reicht es dem 59-Jährigen nun auch mit dem Ruf der Pflicht.

Schließlich hatte er 2004 bis 2009 den Fraktionsvorsitz für die SPD inne – einen Job, von dem er laut einem Parteifreund einmal sagte: „Es ist wie Flöhe hüten!“ Platzeck hatte mit Baaske einen seiner stärksten Mitstreiter eingesetzt, um die schwierige Koalition mit der Schönbohm-CDU zusammenzuhalten. Und Baaske machte den Job gut. Die Rolle des möglichen ­Platzeck-Nachfolgers aber war Baaske immer unangenehm, belastet ihn. Dazu fehlt ihm der bedingungslose Wille zur Macht, die sprichwörtliche Hornhaut an den Ellenbogen.

Politische Konkurrenten wie der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Gordon Hoffmann, bescheinigen dem passionierten Paddler Fairness: „Er ist hart im Nehmen, man kann sich mit ihm gegenseitig ordentlich einen einschenken, ohne dass die Arbeitsebene drunter leidet“, so Hoffmann. Wegen Pannen beim diesjährigen Mathe-Abi – 2600 Schüler wiederholten die Prüfung – hatte Hoffmann dem Minister „unterirdische Aktenführung“ vorgeworfen.

Baaske will bis 70 berufstätig sein

Landtagsabgeordneter will Baaske auf jeden Fall bis zur Landtagswahl 2019 bleiben. „Ich werde jetzt meinen Fuß in den Arbeitsmarkt setzen – bis 70 will ich auf jeden Fall berufstätig sein“, sagte Baaske gestern bei seinem Abschied in der Staatskanzlei. Eine Bewerbung habe er in den vergangenen 27 Jahren noch nie verfassen müssen. „Und ein schönes Ehrenamt suche ich mir“, sagt der langjährige ehrenamtliche Präsident des Frauenfußball-Vereins Turbine Potsdam. Wirtschaftlich muss er sich keine Sorgen machen: Die Abgeordnetendiät bleibt, mit ihr werden die Ansprüche aus Ministerämtern und Baaskes Zeit als Sozialdezernent in Potsdam-Mittelmark verrechnet.

Baaske empfahl seine Nachfolgerin

Dass die in Brandenburg unbekannte Hamburgerin Britta Ernst Amtsnachfolgerin werden soll, läuft eigentlich dem Prinzip Baaske entgegen: der Ortskenntnis bis ins Detail. Immerhin, so betont Ministerpräsident Dietmar Woidke bei der Stabübergabe in der Staatskanzlei, habe Baaske die Fachkollegin aus dem hohen Norden empfohlen.

Reaktionen auf den Rücktritt von Günter Baaske >

Von Ulrich Wangemann

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