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Baaske will Gedenkstättenlehrer abziehen

Im Kampf gegen Unterrichtsausfall Baaske will Gedenkstättenlehrer abziehen

Bildungsminister Günter Baaske (SPD) will Aufarbeitungspädagogen gegen Unterrichtsausfall einsetzen. Nicht nur seine Kabinettskollegin, Kulturministerin Sabine Kunst (SPD), hält davon wenige. Auch von anderer Seite erntet Baaske harsche Kritik.

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Schüler sprechen in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße mit einem Zeitzeugen.

Quelle: Foto: MAZ

Potsdam. Umstrittenes Vorgehen gegen Unterrichtsausfall: Bildungsminister Günter Baaske (SPD) erwägt im Kampf gegen Lehrermangel, Pädagogen abzuziehen, die an den Brandenburger Gedenkstätten beider deutscher Diktaturen eingesetzt sind. „Die Absicherung des Unterrichts in der Schule hat Priorität“, erklärt sein Sprecher Florian Engels. Brandenburgs Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, sowie der Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Sachsenhausen, Günter Morsch, kritisieren die Pläne scharf.

„Das ist ein Rückschritt bei der Vermittlung von DDR-Geschichte“, so Poppe. Baaskes Vorhaben stünde „in vollkommenem Widerspruch zu den einstimmig beschlossenen Empfehlungen der Enquetekommission“, so Poppe. 2014 empfahl die Enquetekommission des Landtags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Gedenkstättenbesuche von Schulklassen auszubauen und die Gedenkstättenlehrer zu stärken.

Dasselbe gelte für die Gedenkstätten, in denen sich Schüler mit den Schrecken des Nationalsozialismus auseinandersetzen sollen, so Morsch. „Wir sind sehr irritiert, dass die von der Gedenkstätte Sachsenhausen gemeinsam mit dem Bildungsministerium und dem Landkreis Oberhavel Anfang der neunziger Jahre initiierten und erstmals dort eingesetzten Lehrer zur Disposition gestellt werden sollen“, sagte Morsch am Donnerstag der MAZ. Er könne sich gar nicht vorstellen, dass dieses Erfolgsmodell, dem andere Länder wie Berlin nacheifern, abgeschafft werden könnte.

Aktuell sind 13 Lehrkräfte an den elf Brandenburger Gedenkstätten eingesetzt und betreuen dort Schulklassen. „Es geht um Demokratieerziehung. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man dem keine Bedeutung zumessen will“, sagt Catrin Eich, Lehrerin an der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße. Vergangenes Schuljahr besuchten 4900 Schüler das ehemalige Stasi-Gefängnis. Eich hält mit den Jugendlichen Unterrichtsstunden vor Ort ab und organisiert Zeitzeugengespräche. „Die Gruppen erwarten qualifiziertes Personal“, sagt die Deutsch- und Geschichtslehrerin. Ins Klassenzimmer könne man diese hautnahe Geschichtsaufarbeitung nicht so einfach transferieren.

„Die Gedenkstättenlehrer leisten seit vielen Jahren eine sehr gute und wichtige Arbeit“, betont auch Ministeriumssprecher Engels. Angesichts des drängenden Lehrkräftebedarfs an Schulen sei aber zu überlegen, ob künftig andere Modelle zur Umsetzung der gedenkstättenpädagogischen Arbeit in Betracht gezogen werden können. Hierzu habe es ein Gespräch mit Kulturministerin Sabine Kunst (SPD) gegeben. Sprich: Das Kulturressort soll ab 2017 Mitarbeiter bereitstellen, die die Jugendlichen betreuen. Die Kosten liegen laut Bildungsministerium bei rund 290 000 Euro für zwei Haushaltsjahre.

Im Haus von Ministerin Kunst kann man Baaskes Idee erwartungsgemäß nicht viel abgewinnen. Die Gedenkstätten- und Museumspädagogen entwickeln passgenaue Angebote für Schülergruppen und helfen so, Wissen zu vertiefen, betont Sprecher Stephan Breiding.

Während der aktuellen Haushaltsverhandlungen war bekannt geworden, dass an der Stasi-Gedenkstätte Cottbus Stunden für einen Pädagogen gekürzt werden sollen. Zudem erwog Baaske, eine Pädagogin am Kleistmuseum in Frankfurt (Oder) abziehen, wenn sich keine andere Lösung für eine Grundschule abzeichnet, an der eine Deutschlehrerin fehlt.

Nicht nur die Grünen und die CDU in der Opposition kritisieren das. Auch der Koalitionspartner wendet sich gegen den SPD-Minister. „Selbstverständlich muss auch Unterrichtsausfall in der Schule verringert werden“, sagt der stellvertretende Fraktionschef der Linken, René Wilke. Das dürfe aber nicht zu Lasten außerschulischer Bildungsarbeit gehen.

Einsatz in elf Gedenkstätten

135 Lehrerwochenstunden stehen für die pädagogische Arbeit in den Gedenkstätten aktuell zur Verfügung. Die Lehrer sind einen bis maximal vier Tage an den Erinnerungsorten eingesetzt. Einige arbeiten nur dort und nicht in der Schule.


In elf Gedenkstätten plus Außenstellen kommen die Lehrer zum Einsatz. Darunter sind die Gedenkstätten Seelower Höhen, Ravensbrück, Zuchthaus Brandenburg und der Waldfriedhof Halbe.

Von Marion Kaufmann

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