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Bauern leiden unter „Ferkeltourismus“

Tiermast in Brandenburg Bauern leiden unter „Ferkeltourismus“

Demnächst muss sich der Brandenburger Landtag mit einem Thema befassen, dass viele Menschen bewegt – der Massentierhaltung. Mehr als 100.000 Menschen haben sich in einem Volksbegehren gegen diese ausgesprochen. Ein Landwirt erzählt, was er von der Massentierhaltung hält und wie der Preis für Fleisch zustande kommt.

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Landwirt Hans-Christian Daniels in seinem Stall in Wollin.

Quelle: Julian Stähle

Wollin. Hans-Christian Daniels ist kein aufbrausender Mann. Aber wenn die Rede auf das Volksbegehren gegen Massentierhaltung kommt, hebt er seine Stimme: „Soll den Leuten das Fleisch essen verboten werden?“ Der Landwirt steht auf seinem Hof in Wollin (Potsdam-Mittelmark) und stemmt zornig die Hände in die Hüften. Er züchtet Schweine. Zu DDR-Zeit war hier ein volkseigenes Gut. Der 56-Jährige kommt aus Schleswig-Holstein. 1991 hat er den Betrieb von der Treuhand übernommen und 1,5 Millionen Mark investiert – in neue Kastenstände für die Tiere, die automatische Fütterung und Lüftung sowie eine Biogasanlage für die Fußbodenheizung. Von außen verbreiten die Typenbauten immer noch reichlich Ostcharme, innen ist es Tierzucht nach aktuellen Maßstäben. Investitionen in einen Zuchtplatz schlagen heute mit wenigstens 1500 Euro zu Buche. „Das Geld muss man erst mal erwirtschaften“, sagt Daniels.

2000 Sauen hält der Agraringenieur in zwölf Ställen. Jeder ist 45 Meter lang und 15 Meter breit. In vier Quadratmeter großen Boxen stehen die bis 250 Kilogramm schweren Tiere. Sie können ein Stück vor und zurück und sich hinlegen. Mehr Platz ist nicht. „Das ist der übliche Standard“, erklärt Daniels. Weitere 1750 Sauen hält er in Lindenberg (Oder-Spree). Alle für die Ferkelproduktion. Eine Sau hat zwei Würfe im Jahr mit durchschnittlich je 12 Nachkommen. „Wir sind weit entfernt von den kritisierten Massenhaltungen mit 6000 oder mehr Sauen.“ In Lindenberg wohnt Daniels auch. Er pendelt jeden Tag 270 Kilometer und hofft, dass sein Sohn (28) nach seinem Abschluss als Agrartechniker Chef in Wollin wird.

Forderungen des Aktionsbündnisses Agrarwende

103 891 gültige Unterschriften hat das Aktionsbündnis Agrarwende in Brandenburg bis Mitte Januar gesammelt. Damit waren die Initiatoren des Volksbegehrens gegen Massentierhaltung außerordentlich erfolgreich. Nur 80 000 wären erforderlich gewesen.

Der Landtag muss sich innerhalb von zwei Monaten nach Entgegennahme des Volksbegehrens damit befassen. Sollte er es ablehnen, will das Aktionsbündnis einen Volksentscheid initiieren. Dieser wäre angenommen, wenn die Mehrheit der Teilnehmer dafür stimmt. Die Mehrheit muss jedoch mindestens ein Viertel der stimmberechtigten Brandenburger umfassen.

Die Hauptforderungen des Aktionsbündnisses Agrarwende:

Nur die artgerechte Haltung von Tieren soll finanziell gefördert werden.

Das Abschneiden (Kupieren) von Schwänzen bei Mastschweinen und von Schnäbeln bei Geflügel wird verboten. (Mit dem Kupieren soll Kannibalismus vorgebeugt werden. Die Geflügelwirtschaft will ab 1. August 2016 auf das Kürzen von Schnäbeln bei Legehennen und Mastputen verzichten).

Das Land soll einen Tierschutzbeauftragten berufen und den Tierschutzverbänden künftig ein Mitwirkungs- und Klagerecht einräumen.

Die Landesregierung wird aufgefordert, mit einer Reihe von Gesetzentwürfen im Bundesrat Neuregelungen auf Bundesebene zu erwirken. Das betrifft die Verschärfung des Immissionsschutzrechts, um Menschen und Natur besser zu schützen.

Die Dünge-Verordnung des Bundes soll novelliert werden, um Nährstoffüberschüsse in der Landwirtschaft zu begrenzen. Das Aktionsbündnis fordert auch, den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung zu senken.

Der Landesbauernverband als größte Standesvertretung der Landwirtschaft in Brandenburg lehnt die Forderungen des Aktionsbündnisses strikt ab

Zum 35 Mitarbeiter zählenden Unternehmen gehört auch eine Ferkelaufzucht in Drahnsdorf (Dahme-Spreewald). Die Natur schreibt Züchtern ein akribisch geplantes System vor. Jede Woche erblicken in den Ställen von Daniels 1200 Ferkel das Licht der Welt. Die Wolliner Jungtiere werden nach der Säugezeit in Drahnsdorf großgezogen, die Lindenberger verbringen ihre kurze Kindheit am Geburtsort. Mit einem Gewicht von rund 26 Kilo werden die Tiere sechs Wochen später an Mastbetriebe verkauft. Schlachtreif sind sie bei 120 Kilo Lebendgewicht.

Fleischpreis kann sich wöchentlich ändern

„Wir schaffen 60.000 Ferkel im Jahr“, sagt Daniels stolz. Was für sensible Zeitgenossen hart klingt, beschreibt die Basisgröße, damit das Geschäft funktioniert. Mit 200 bis 300 Ferkeln pro Woche könne man allein als Züchter nicht überleben. „Das geht nur bei Betrieben, die noch ein weiteres Standbein haben, etwa in der Pflanzenproduktion.“ Je nach Angebot und Nachfrage könne der Fleischpreis sich wöchentlich verändern, erläutert der Landwirt. Von den Einnahmen – der Kilopreis für Mastschweinefleisch liege bei durchschnittlich 1,30 Euro – könnten weder Züchter noch Mäster reich werden. „Wir müssen auch Mitarbeiter, Futter, Energie und Wasser bezahlen und Zeiten überstehen, in denen die Preise lange im Keller sind. Da bricht einem schon mal der Angstschweiß aus“, so Daniels. Allein seit August 2015 habe er 500.000 Euro verloren.

„Ferkeltourismus“ aus Holland und Dänemark

„Wenn ich dann Lockangebote mit Billigpreisen in den Fleischtheken der Supermärkte sehe, kriege ich einen richtigen Hals“, grollt der Züchter. „Ich will vernünftige Preise, damit sich auch Leute mit schmalem Geldbeutel Fleisch leisten können, aber nicht so.“ Erschwert werde das Geschäft zudem durch „Ferkeltourismus“ aus Holland und Dänemark. „Wir haben schon sehr hohe Standards in Deutschland. Aber es werden immer neue Richtlinien erlassen, die die Konkurrenz in ihren Heimatländern nicht erfüllen muss.“ Allein die Verordnung, dass Sauen nach dem Besamen vier Wochen in Gruppen gehalten werden müssen, habe erhebliche Zusatzkosten verursacht. Auch das geplante Freihandelsabkommen mit den USA werde sich auswirken. „Dort sind die Futtermittelpreise extrem niedrig.“ Fleischimporte etwa aus Brasilien verursachten Transportkosten von nur drei bis vier Cent pro Kilogramm, rechnet Daniels vor.

Viele Dörfer leben von der Landwirtschaft

Bei den Anhängern des Volksbegehrens vermisst der Landwirt Sachkenntnis. „Viele denken offenbar, das Fleisch kommt aus der Ladentheke. Kaum einer weiß, unter welchen Bedingungen wir arbeiten.“ Vor allem das geforderte Klagerecht für Tierschutzverbände könnte für viele Betriebe das Aus bedeuten, befürchtet er. In Nordrhein-Westfalen, wo Tierschützer ihr Veto einlegen können, seien allein im Münsterland im Vorjahr 30 von 31 Bauanträgen für Schweinehaltung blockiert worden.

„Wir haben in Brandenburg schon jetzt einen Genehmigungsstau in den Behörden. Es traut sich kaum noch einer, was zu entscheiden. Noch ein Klagerecht und es herrscht Stillstand“, schimpft Daniels, der im Präsidium des Landesbauernverbandes sitzt. Der Verband vertritt als größte Berufsorganisation der märkischen Agrarwirtschaft landesweit 2500 Betriebe und damit etwa 12 000 Mitglieder und deren Angestellte.

„Die Dörfer leben von den noch vorhandenen Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft“, hält Daniels Kritikern industrieller Methoden entgegen. Dabei komme es vor allem auf die Tierproduktion an, weil Brandenburg wegen der leichten Böden im Ackerbau kaum konkurrenzfähig sei.„Fallen die Jobs weg, gehen noch mehr Lichter aus.“

Von Volkmar Krause

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