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Bauern warnen vor „verordneten Veganismus“

Debatte um Tierwohl und die Grüne Woche Bauern warnen vor „verordneten Veganismus“

In ungewohnt scharfer Form hat der Landesbauernverband auf Kritik an der Tierhaltung reagiert. Ziel von Tierrechtsorganisationen wie Peta sei die „Umerziehung der Menschen“ und ein „politisch verordneter Veganismus“, hieß es im Vorfeld der Grünen Woche. Haben die Brandenburger den Bezug zur Landwirtschaft verloren?

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Die Frage nach der richtigen Tierhaltung sorgt immer wieder für Diskussionen.

Quelle: dpa

Potsdam. Brandenburgs Bauern beklagen wachsende Anfeindungen und sehen ihren Berufsstand verunglimpft. Radikale Ideen von Tierrechtsorganisationen fielen vor allem in städtischen Gebieten mitunter auf fruchtbaren Boden, kritisiert der Landesbauernverband. „Grund hierfür ist die zunehmend naturferne Lebensweise vieler Menschen, für die der Genuss eines Steaks von der Vorstellung abgekoppelt ist, dass dafür ein Tier sterben musste“, sagte Verbandssprecher Tino Erstling aus Anlass der bevorstehenden Internationalen Grünen Woche.

„Wir müssen in den nächsten Tagen einmal mehr damit rechnen, in der Öffentlichkeit als schlimme Tierquäler diskreditiert zu werden“, so Erstling. Die weltgrößte Landwirtschafts- und Ernährungsmesse findet vom 19. bis 28. Januar in Berlin statt und wird in der Regel durch Aktionen von Umwelt- und Tierschutzorganisationen begleitet.

In ungewöhnlich scharfer Form kritisiert der Verband Tierrechtsorganisationen wie Peta, die durch heimlich gedrehte Aufnahmen aus Tierställen für Aufsehen sorgen. Ziel dieser Organisationen sei die „Umerziehung der Menschen und ein politisch verordneter Veganismus“, hieß es.

Landwirte pauschal als Tierquäler abgestempelt?

Bauernpräsident Henrik Wendorff verwies auf den ausgehandelten Landestierschutzplan, der für Brandenburg mehr Tierwohl verspricht. „Als Berufsstand nehmen wir die Herausforderungen an und sind zu Veränderungen bereit“, betonte er. Aber: „Radikalen und realitätsfernen Positionen erteilen wir eine klare Absage.“

Werden Bauern zu Unrecht kritisiert?

Haben Bauern Recht, wenn sie sich verunglimpft sehen?

Die Situation für Landwirte sei schwieriger geworden, beobachtet auch Silvia Wernitz, Chefin des Kreisbauernverbands Potsdam-Mittelmark. „Es gibt natürlich Betriebe, bei denen nicht alles in Ordnung ist. Aber bei uns wird ein ganzer Berufsstand verunglimpft und Landwirte werden pauschal als Tierquäler abgestempelt“, sagte sie. Gerade in den Städten sei das Gefühl dafür verloren gegangen, woher Lebensmittel kommen. „Wenn die Supermarktregale voll sind, macht man sich darüber keine Gedanken“, so Wernitz. Verbraucher seien mit ihrem Einkaufsverhalten aber mitverantwortlich dafür, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden.

Bauern üben Selbstkritik

Auch Benjamin Meise, Milchbauer aus Buchholz (Oder-Spree), berichtet von Kritik an der Tierhaltung, die ihn etwa über Facebook erreich. Darauf müsse man sachlich reagieren, nicht beleidigt, sagte er. Meise sieht eine Mitverantwortung bei seinen Kollegen. So seien geänderte Ernährungsgewohnheiten ignoriert worden. „Man kann den Bauern durchaus vorwerfen, dass sie lange Zeit unverbesserlich waren. Konventionelle Landwirte und Ökobauern haben sich Grabenkämpfe geliefert.“ Die Befindlichkeiten der Landwirte aber seien nicht ausschlaggebend. „Entscheidend ist, was der Verbraucher will“, so Meise. „Wenn er mehr Bio haben will, müssen wir es anbieten.“

Die konventionelle Landwirtschaft sei Opfer ihrer eigenen Maxime geworden, „immer größer, immer mehr, immer billiger“ produzieren zu wollen, sagte Michael Wimmer, Chef der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg. Dabei sei der Kontakt zu den Verbrauchern verloren gegangen. Mit dem Kompromiss zum Landestierschutzplan könne dieses Vertrauen zurückgewonnen werden. Das brauche aber Zeit. „Wenn man die Tierhaltung umstellen will, muss man mindestens zehn Jahre Zeit einplanen“, so Wimmer.

Verstörende Bilder aus dem Schweinestall

Ende November hatte Peta Aufnahmen veröffentlicht, die aus einem verwahrlosten Schweinestall Bärenklau (Spree-Neiße) stammen sollen und verstörende Bilder von blutenden Tieren mit teilweise abgebissenen Ohren und Schwänzen zeigen. Die Aufnahmen stammen vom 29. Juni 2017. Ein Amtstierarzt bescheinigte dem Betrieb jedoch nach einem Rundgang Anfang Dezember 2017, dass in der Anlage alles rechtmäßig sei. Laut Landkreis werde die Anlage derzeit nach Tierwohlkriterien umgebaut.

Während der Bauernverband angesichts solcher Aufnahmen von illegalen Stalleinbrüchen spricht, verteidigt die Organisation die Beschaffung und Veröffentlichung der Videos. „Wenn das Interesse der Tiere überwiegt, ist das für uns kein krimineller Akt“, sagte ein Peta-Sprecher auf Anfrage. Diese Auffassung ist zum Teil von Gerichten bestätigt worden. So sprach das Landgericht Magdeburg vergangenes Jahr Tierschutzaktivisten frei, die in eine Schweinemastanlage eingedrungen und massive Tierrechtsverstöße dokumentiert hatten. Das Gericht urteilte, dass derlei Taten gerechtfertigt seien, wenn die vorgesehenen staatlichen Kontrollen versagten.

Von Torsten Gellner

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