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Brandenburg Bedienungsanleitung für den deutschen Mann
Brandenburg Bedienungsanleitung für den deutschen Mann
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13:48 07.02.2018
Der deutsche Mann ist – milde ausgedrückt – eher zurückhaltend. Quelle: stock.adobe.com (Symbolbild)
Berlin-Friedrichshain

Eines mal vorab, wir sind wirklich furchtbar, ja, geradezu penetrant zurückhaltend, flirtunfähig und so locker wie ein Stützkorsett. Wir gehen nicht aus uns raus und horchen nicht in uns rein. Pingelig achten wir auf unsere Privatsphäre, auch dann, wenn keiner da ist, der sie stören könnte. Wir lassen unsere Frauen nicht unsere Briefe öffnen, führen getrennte Konten und wollen ja nichts überstürzen. Alles müssen wir bis ins Detail vorbereiten: Zusammenziehen, heiraten, Kinderkriegen. Ist der erste Schritt getan, diskutieren wir, ob in der gemeinsamen Wohnung die Bücher im Regal nach Autor, Titel oder Genre zu ordnen sind.

Verzweiflung an den „German Men“

Im Café Sibylle in Friedrichshain sitzen fast 20 Frauen aus dem Ausland, die einen großen Fehler gemacht haben: Sie haben sich mit einem deutschen Mann eingelassen. Im schlimmsten Fall haben sie sich sogar in einen von uns verliebt und leben mit ihm zusammen. Das kann die Betroffenen in die Verzweiflung treiben – oder eben in diesen Workshop mit dem schlichten Titel „German Men“, also „Deutsche Männer“.

Tal Gibbesch hat sie: die Bedienungsanleitung für den deutschen Mann. Quelle: Maurice Wojach

Die Israelin Tal Gibbesch, 39, hat ihn organisiert. Sie ist vor vier Jahren nach Berlin gezogen und mit einem Deutschen verheiratet. So weit so schlimm, an diesem Abend aber teilt sie ihr Leid und liefert eine Bedienungsanleitung für komische Kerle wie mich. Draußen nieselt der deutsche Regen, drinnen vergleichen Frauen aus aller Welt ihre Erfahrungen. Ich sitze schuldbewusst am Rand.

Blickkontakt? Fehlanzeige!

Als es ums Flirten geht, beziehungsweise die Abwesenheit dessen, meldet sich die Mexikanerin Cecilia Hernández zu Wort. Sie hat lange dunkle Haare, ihre Augen sind ebenso ausdrucksstark geschminkt, beim Erzählen reißt sie sie immer wieder auf. Sie berichtet, wie sie in der U-Bahn Blickkontakt zu einem Mann aufbauen wollte, der ihr gefiel.

Die 27-Jährige imitiert Posen, mit denen sie den Typen erreichen wollte. Spitzt die Lippen, nickt keck mit dem Kopf, bewegt im Stehen auch Hüfte und Oberkörper. „Ich habe am Ende fast an der Stange getanzt, aber er schaute mich nicht an“, sagt Cecilia Hernández – und schiebt eine verzweifelte Frage hinterher: „Was läuft falsch mit den Männern hier?“

Verzweifelte am deutschen Mann: Cecilia Hernández aus Mexiko. Quelle: Maurice Wojach

Sie sei mal mit einem zusammen gewesen, der mit ihrem Temperament nicht klarkam. Er ermahnte sie, beim Essengehen leiser zu sprechen – „dabei war das Restaurant leer“ – und wenn er fürs Studium lernen musste, legte er eine Stunde pro Woche fest, um sich zu treffen.

Passivität, Pessimismus und Pellkartoffeln

Die nächsten Haltestellen des Ritts durch die verworrene deutsche Psyche: Passivität, Pessimismus und Pellkartoffeln. Eine Südafrikanerin empfindet das Gejammer über knapp verpasste S-Bahnen in einer mobilitätsverwöhnten Stadt wie Berlin als „First World Problem“, eine andere sagt, Resignation und Traurigkeit gehörten zur deutschen Kultur – sie spricht englisch, aber sagt „Weltschmerz“.

Amüsant ist der Ärger über Kerle, denen der Sinn für ein romantisches Abendessen fehlt. „Kommt mein Mann nach Hause, sagt er nur, dass er schon bei der Arbeit gegessen hat“, sagt Freja Stein, 30. Die Dänin, die mit einem Brandenburger verheiratet ist, redet sich in Rage. Wenn er sich überhaupt mal was wünscht, seien das – und jetzt kommt’s – Kartoffeln mit Quark. Freja Stein versucht mehr Entsetzen in ihre Stimme einfließen zu lassen und wiederholt es: „Einfach nur Kartoffeln und Quark!“

Für deutsche Männer braucht man Geduld

Aus all den Grausamkeiten, die mich und meine Geschlechtsgenossen einen, versucht Tal Gibbesch, eine Erkenntnis zu ziehen. „Als gemischtes Pärchen ist es besonders wichtig, einander zuzuhören.“ Deutsche Männer seien von Natur aus zurückhaltend. „Gerade, weil sie von sich aus so wenig Privates offenbaren, musst du sie selbst fragen und mit ihnen geduldig sein.“

Hinter der Zurückhaltung verberge sich eine liebenswerte Höflichkeit, sagt Tal Gibbesch. Auch zwei Chileninnen betonen, wie angenehm es sei, im Minirock durch das sommerliche Berlin zu spazieren, ohne dumme Anmachen zu kassieren. „Die Männer hier sind voller Respekt.“

Und auch die in der U-Bahn so schmerzvoll ignorierte Cecilia Hernández verlässt das Café nicht, ohne eine Pointe ihrer Geschichte zu verraten. Nach dem Ausstieg kam der Mann doch noch zu ihr gehuscht. „Du hast die schönsten Augen, die ich je gesehen habe“, sagte er – und rannte davon.

Von Maurice Wojach

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