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Brandenburg Berlin-Wahl: Einäugige und Blinde
Brandenburg Berlin-Wahl: Einäugige und Blinde
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00:01 19.09.2016
Die SPD wird trotz herber Verluste stärkste Kraft. Quelle: dpa
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Potsdam, Berlin

Schlangen vor Wahllokalen. Wann hat es das zum letzten Mal gegeben? Bis Mittag hatte jeder vierte wahlberechtigte Berliner seine Kreuzchen in einer Kabine seines Wahllokals gesetzt. Zuvor bereits gaben rund 21 Prozent ihre Stimme per Briefwahl ab. Erleben wir gerade eine Hoch-Zeit der Demokratie oder den Aufstand der Frustrierten?

So hat Berlin gewählt >

Liveticker vom Wahlabend >

Bereits in Mecklenburg-Vorpommern vor zwei Wochen hatten sich deutlich mehr Wahlberechtigte als bei den Urnengängen zuvor aufgefordert gefühlt zu wählen. Die Partei der Nichtwähler musste herbe Verluste hinnehmen. Gut so! Die meisten der ehemaligen Nichtwähler liefen ins Lager der Alternative für Deutschland über, die anderen wählten ex­tremer oder sie versuchten, gerade den Zuwachs der Rechtspopulisten zu verhindern. Bislang nutzte aber vor allem der AfD die steigende Wahlbeteiligung. Sie muss nun liefern.

In Berlin hatte die SPD das Glück, Partner mit Verlierer-Image an der Seite zu wissen. Der CDU sind offenbar zwei Dinge nicht bekommen: Die Angriffe auf die Kanzlerin aus den eigenen Reihen und die Große Koalition. Die Berliner straften die Christdemokraten auch dafür ab, dass sie an entscheidenden Stellen Verantwortung trugen, aber immer „Haltet den Dieb“ riefen, wenn es darauf ankam, diese Verantwortung wahrzunehmen. Das trifft vor allem auf den Spitzenkandidaten Frank Henkel zu, der als Innensenator eher palaverte als handelte oder wie zuletzt im Fall Rigaer Straße völlig überzog.

Die Sozialdemokraten sind die Einäugigen unter den Blinden – Wahlsieger mit nur rund 22 Prozent, das ist schon beinahe absurd. Denn egal, ob Pannenflughafen BER oder Wohnungsbau – eine glänzende Figur gaben weder der Regierende Müller noch irgendeiner seiner Crew am Kabinettstisch ab. Jetzt kann er als Verlierer weiter regieren, auch der in Berlin bislang eher unscheinbaren AfD sei Dank. Ihr zweistelliges Abschneiden in der bunten Hauptstadt ist ähnlich stark zu bewerten wie das zuvor in Schwerin oder Magdeburg. Zur Erinnerung: Die gehypten Piraten hatten 2011 knapp neun Prozent geholt.

Und hallo, die Liberalen feiern ausgerechnet in Berlin ein fröhliches Comeback und wechseln sich für die untergegangenen Piraten ein. Bislang wissen zwar die Berliner nicht viel mehr, als dass die FDP am liebsten Tegel in Betrieb lassen würden. Aber lieber demütige Liberale als unberechenbare AfDler, werden sich einige Wähler gesagt haben.

Der Berliner Bogen ist nun extrem gespannt. Er reicht im Abgeordnetenhaus von ganz links bis ganz rechts, wobei Mitte-Links vom Wähler mehr in die Waagschale gelegt worden ist. Die Hauptstadt hat den politischen Kurswechsel gewählt. Den wird sie bekommen. In Zeiten des bundesweiten Rechtsrucks rutscht Berlin nach links.

Alle Ergebnisse auf den Seiten der Landeswahlleiterin >

Von Thoralf Cleven

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