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Berufsziel Rabbinerin

Neues Institut für Jüdische Theologie Berufsziel Rabbinerin

Jasmin Bruck gehört zum ersten Jahrgang von jungen Leuten, die am neu eröffneten Institut für Jüdische Theologie, der „School of Jewish Theology“ an der Universität Potsdam lernen. Brucks Ziel: Rabbinerin einer Gemeinde werden. Das Besondere des Instituts: Es ist die einzige Ausbildungsstätte für Rabbiner weltweit, die sich quasi in staatlicher Trägerschaft befindet.

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Die Torarolle als Lehrbuch: Jasmin Bruck (30) lässt sich in Potsdam zur Rabbinerin ausbilden.

Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert

Potsdam. Lässig, mit Jeans und blauer Bluse, die brünetten Haare zusammengebunden, sitzt die junge Frau in einem Berliner Café vor ihrem Orangensaft. Eine typische Studentin halt. Nicht ganz. Jasmin Bruck gehört zum ersten Jahrgang von jungen Leuten, die am neu eröffneten Institut für Jüdische Theologie, der „School of Jewish Theology“ an der Universität Potsdam lernen. Brucks Ziel: Rabbinerin einer Gemeinde werden.

Jasmin Bruck hat einen langen Weg hinter sich. Er führte sie als Kind von Tel Aviv nach West-Berlin, später als Erwachsene nach Harare in Simbabwe und wieder zurück nach Berlin. „Ich war mein Leben lang auf der Suche“, sagt die 30-Jährige. Bruck suchte aber keinen Ort zum Leben. Sie meint eine geistige Heimstatt. Die hat sie jetzt gefunden.

Insgesamt 36 Studenten hat die neue „School of Jewish Theology“. Nicht alle von ihnen werden später Rabbiner. Da es auch historische Schwerpunkte innerhalb des Studiums gibt, können sogar Christen und Muslime an dem neuen Institut lernen, das am 19. November feierlich eröffnet wird.

„Dafür kämpft die jüdische Aufklärung schon seit über 200 Jahren“, sagt Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos). Es sei ein historischer Einschnitt, wenn ausgerechnet in Brandenburg, in der Nähe der Schaltzentrale des Holocaust, erstmals eine staatliche Hochschule Jüdische Theologie anbiete. Unipräsident Oliver Günther spricht von einem „Meilenstein“, der in Europa seinesgleichen suche und der Dekan der Philosophischen Fakultät, Johann Hafner, meint: „Auf Potsdam fällt jetzt das Licht der Geschichte“.

Tatsächlich: Bislang wurde nirgendwo in Europa Jüdische Theologie als Uni-Fach unterrichtet. Es gab zwar in Potsdam die historisch ausgerichteten Jüdischen Studien. In Kombinationen mit ihnen konnten sich an dem angegliederten Abraham-Geiger-Kolleg junge Menschen sogar zum Rabbiner oder Kantor ausbilden lassen. Aber nun wird der theologische Schwerpunkt erstmals an die Universität geholt. Laut dem Rektor des Geiger-Kollegs, Walter Homolka, ist die „School of Jewish Theology“ damit die einzige Ausbildungsstätte für Rabbiner weltweit, die sich quasi in staatlicher Trägerschaft befindet.

Bei Jasmin Bruck kam der Gedanke, dort zu studieren recht spät, obwohl sie schon immer in Verbindung mit ihrer jüdischen Kultur war. In Berlin besuchte sie in den 80er-Jahren den Jüdischen Kindergarten, die Eltern gingen mit den Kindern oft in die Synagoge. Das Kiddusch-Fest wurde jeden Schabbat, also freitags, gefeiert. Doch obwohl ihre Eltern ihr Judentum bewusst lebten, waren sie nicht fromm. Brucks Vater hatte einmal gesagt: „Entweder es gibt Gott nicht oder er hat den Holocaust zugelassen.“ Auch wegen der deutschen Verbrechen am jüdischen Volk blieb er ungläubig.

Seine Tochter Jasmin fühlte sich dagegen von der religiösen Weltauslegung angezogen. „Ich hatte dazu immer den größten Hang in unserer Familie“, sagt sie. Trotzdem schrieb sie sich nach dem Abitur an der Freien Universität in Berlin zunächst für Jura ein. Doch spätestens nach dem Ersten Staatsexamen war ihr klar, dass sie ihr Leben nicht mit Gesetzbüchern verbringen würde. Sie und ihr Mann lebten dann ein Jahr im afrikanischen Simbabwe, wo sie eine kleine Firma betrieben und sich um soziale Projekte kümmerten. Sie wurden aber von dem weißenfeindlichen Regime Robert Mugabes vertrieben. Erst nach ihrer Rückkehr nach Berlin lernte Bruck über einen Freund das Abraham-Geiger-Kolleg kennen. Konstantin Pal hatte dort studiert. Er ist jetzt Landesrabbiner von Thüringen.

„Ich schaute im Internet nach und fand das ganz toll“, sagt Bruck. Am Abraham-Geiger-Kolleg lernen Studierende zum Beispiel predigen, besondere Formen der Pädagogik und erwerben die Fertigkeiten für die Arbeit in der Synagoge. Am Institut für Jüdische Theologie der Uni Potsdam wird Geschichte und Kultur des Judentums sowie Jüdische Religion und Philosophie gelehrt.

Vor 15 Jahren hätte sich Jasmin Bruck einen solchen Werdegang nicht vorstellen können. „Ich habe erst mit 15 Jahren davon gehört, dass es auch Rabbinerinnen gibt“, sagt sie. „Damals dachte ich: Das sind keine richtigen Juden.“ Selbst in ihren Gesprächen mit dem befreundetenRabbiner Konstantin Pal formulierte sie die Möglichkeit, auch als Frau Rabbinerin zu werden, noch als Witz. Sogar zum Vorstellungsgespräch 2011 am Geiger-Kolleg erschien sie mit einem langen schwarzen Rock – „ganz züchtig“, weil sie glaubte, dass das so erwartet werde.

Heute weiß sie, dass das Rabbiner-Studium ein normales Hochschulstudium ist. Sie studiert schon seit vier Semestern Jüdische Studien in Potsdam. In ihrer jüngsten Hausarbeit hat sie die Ehe in der jüdischen Enklave Elephantine in Ägypten mit der in der Tora propagierten Ehe verglichen. Dass sie und 19 Kommilitonen ausgerechnet in Potsdam zum Rabbiner ausgebildet werden, berührt sie. „Ich bin dankbar für diese Entwicklung“, sagt sie. In einer liberalen Gemeinde modernes Denken mit dem Glauben zu versöhnen, darin sieht sie ihre künftige Aufgabe. „Ich hoffe, dass ich das den Menschen meiner Generation vermitteln kann, dass man nicht sagen muss: Entweder Evolution oder Gott.“ Und die Zweifel ihres Vaters wegen des Holocaust? „Ich glaube, dass wir Gottes Plan einfach nicht kennen können“, antwortet sie.

„Ich glaube, meine Großmutter wäre stolz auf mich“, meint Bruck weiter. 1918 im damals deutschen Breslau aufgewachsen, konnte die Mutter des Vaters noch das Abitur machen, aber nicht mehr studieren. Ihre Familie floh vor den Nazis nach Palästina. Sie hätte es wunderbar gefunden, dass so etwas in Deutschland, 70 Jahre nach dem Massenmord an den Europäischen Juden, wieder möglich ist, meint die Enkelin. „Sie hat Deutschland als ihre Heimat angesehen und es immer geliebt“, sagt Bruck. Jetzt blühe hier, auch dank des Studiums an der Uni Potsdam, wieder jüdisches Leben auf.
Von Rüdiger Braun

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