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Bierbrauer verteidigen den Haustrunk

Tradition der Brauer Bierbrauer verteidigen den Haustrunk

Seit mehr als 100 Jahren ist es üblich, dass Brauereien etwas Bier kostenlos an ihre Mitarbeiter ausgeben – als Motivation und auch als Belohnung. Doch geht es nach der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, ist bald schon Schluss damit.

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Jörg Kirchhoff von der Braumanufaktur im Forsthaus Templin hält am Haustrunk fest.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Doris Torn fällt partout keine Brauerei ein, bei der die Tradition des Haustrunks nicht gilt. „Grundsätzlich gibt jede Brauerei die Produkte an ihre Mitarbeiter aus, die sie selbst hergestellt haben“, sagt die rechtliche Beraterin der Sozietät Norddeutscher Brauereiverbände. „Es geht auch ein wenig darum, die Mitarbeiter zu motivieren.“ Die Tradition sei schon „sehr, sehr alt“ und oft sogar in den Tarifverträgen der Betriebe geregelt. Es ist also üblich, dass Brauereimitarbeiter einmal in der Woche einen Kasten Bier oder andere Getränke mit nach Hause nehmen dürfen – auch in Brandenburg, für das die Sozietät Norddeutscher Brauereiverbände ebenfalls zuständig ist.

Doch wenn es nach der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, geht, wird damit spätestens in zehn Jahren Schluss sein. Die Menge des an Betrieben ausgegebenen Biers sinke nämlich beständig, sagte die Drogenbeauftragte unlängst in einem Interview. „Das Zahlungsmittel in Europa ist der Euro und das ist auch richtig so“, fügte sie hinzu. Das bringt die Brauereibranche einigermaßen auf die Palme.

Jörg Kirchhoff, einer der beiden Geschäftsführer der Braumanufaktur im Forsthaus Templin, hält die Kritik am Haustrunk aus Sicht der Drogenprävention für unsinnig. „Den Haustrunk gibt es schon seit über 100 Jahren“, sagt er. Würde er zum Alkoholismus verleiten, müsste es in Brauereien nur noch Alkoholiker geben. Das sei nicht der Fall. „In unserer Brauerei gibt es während der Arbeit ein Alkoholverbot“, so Kirchhoff.

Auch andere Betriebe geben was aus

Die Biersteuer ist eine indirekte Verbrauchsteuer. Ihre Höhe richtet sich nach dem Stammwürzegehalt des Bieres, das ist der Anteil der aus dem Malz und Hopfen im Wasser gelösten, nicht flüchtigen Stoffe wie Malzzucker, Eiweiß, Vitamine und Aromastoffe vor der Gärung. Ein Liter übliches Vollbier kommt auf einen Stammwürzegehalt von etwa 12 Grad Plato. Dafür werden etwa 9,4 Cent Biersteuer erhoben. Die Biersteuer wird den Ländern zugesprochen. Sie ist seit Jahren rückläufig. Der von Brauereien ausgegebene Haustrunk ist von dieser Steuer befreit.

Vergünstigungen in Form von Naturalien geben auch andere Betriebe aus. Das auch in Potsdam ansässige Süßwarenunternehmen Katjes teilt mit, dass den Mitarbeitern im Arbeitsalltag Kalt- und Heißgetränke sowie frisches Obst zur Verfügung stehen. „Und selbstverständlich naschen wir auch Katjes Produkte.“ Das gesamte Jahr über haben die Mitarbeiter zudem die Möglichkeit die Produkte zu vergünstigten Preisen einzukaufen. Das sei zum Beispiel auch im Katjes-Shop in Potsdam möglich.

Die Braumanufaktur will an der Praxis des Haustrunks festhalten. Ab Juni werde es eine neue Regelung geben, nach der die zehn Mitarbeiter und die drei Lehrlinge pro Monat zwei Kisten Bier mit nach Hause nehmen dürfen. Tariflich geregelt sei das nicht, da die Kleinstbrauerei sowieso keiner Tarifbindung unterliegt. „Ich verstehe das als Motivation der Mitarbeiter“, sagt Kirchhoff. Die Brauer sollten zu dem Qualitätsprodukt stehen, das sie in Templin produzierten und nicht billiges Bier aus dem Discounter trinken müssen.

Dass die Haustrunkmenge zurückgehe, hat laut Kirchhoff keine moralischen, sondern gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Gründe: Erstens seien gesetzliche Regelungen strenger geworden, so dass, anders als früher, nicht mehr während der Arbeitszeiten der Haustrunk ausgegeben werden könne. Zweitens hätten die Brauereien wegen zunehmender Automatisierung schlicht weniger Mitarbeiter, an die sie etwas ausgeben könnten. Enden werde die Tradition aber deswegen nicht.

Qualitätskontrolle und Belohnung der Mitarbeiter

Stefan Fritsche, Juniorchef der Klosterbrauerei Neuzelle in Frankfurt (Oder) meint: „Das Bierdeputat wird es auch in zehn Jahren noch geben und wohl länger als die jetzige Drogenbeauftragte der Bundesregierung.“ Seine 45 Mitarbeiter können jede Woche einen Kasten mit nach Hause nehmen – und zwar neben Bier auch alkoholfreie Getränke wie Mineralwasser oder Kirschsaft.

„Ich sehe das als Belohnung meiner Mitarbeiter und als Qualitätskontrolle“, sagt Fritsche. „Es ist doch gut, dass die Mitarbeiter ihre eigenen Produkte probieren“, so Fritsche. Solle es jemals gar ein Verbot des Haustrunks geben, sei das nicht gegen Alkoholismus, sondern gegen die Mitarbeiter gerichtet. Die würden sich ihr Bier so oder so besorgen, müssten aber ohne Haustrunk zusätzlich die Biersteuer entrichten. Fritsche mutmaßt sogar, dass in Wirklichkeit Steuerbegehrlichkeiten eigentlicher Grund für die kritischen Äußerungen der Drogenbeauftragten sein könnten. Trotzdem werde man in der Klosterbrauerei weiterhin die Mitarbeiter mit Getränken versorgen – auch ohne eigenen Tarifvertrag.

Jeden Monat ein 30-Literfass Bier

„Natürlich“ wird auch Peter Seifert, Besitzer der Rathausbrauerei in Fürstenwalde/Spree, die Tradition des Haustrunks in seiner Kleinstbrauerei fortführen. „Das ist eine mindestens hundertjährige Tradition. Wo liegt das Problem?“ Seinem Braumeister stellt er jeden Monat ein 30-Literfass zur freien Verwendung zur Verfügung. Tariflich geregelt ist die steuerfreie Abgabe des Bieres in seinem kleinen Hause nicht. Bedenken hat Seifert, der zunächst als Gastronom, dann als Brauereibesitzer seit 45 Jahren mit Bier zu tun hat, keine. „Wenn Sie nur Bier alleine trinken, können Sie gar nicht Alkoholiker werden“, sagt er. „Das schaffen Sie von der Menge gar nicht.“ Er verstehe den Haustrunk als Belohnung und geldwerten Vorteil seines einen Angestellten.

Auch die Justiziarin der Sozietät Norddeutscher Brauereiverbände, Doris Torn, hält Kritik an der Bierabgabe für fehl am Platze. „Bier ist ein legal hergestelltes Produkt“, sagt sie. Natürlich unterliege es als alkoholisches Getränk besonderer Verantwortung. „Aber das ist individuell verschieden, wie man damit umgeht.“ Kein Mitarbeiter sei darauf festgelegt, Bier als Teil des Lohnes mit nach Hause zu nehmen. Man könne auch die nicht alkoholischen Getränke einer Brauerei nutzen.

Immer weniger Bier als Deputatlohn

Aus Berlin kommen derweil versöhnliche Töne. Die Bild-Zeitung sei mit ihrer Darstellung völlig übers Ziel hinausgeschossen, betont die Drogenbeauftragte Marlene Mortler. „Ich habe den Haustrunk überhaupt nicht gegeißelt, dies ist eine Wortschöpfung der Bild-Zeitung“, betont Mortler gegenüber der MAZ. „Alles, was von meiner Seite kommentiert wurde, waren die Abgabezahlen für Bier als Deputatlohn, und diese zeigen ganz klar einen Abwärtstrend.“ So seien laut Statistischem Bundesamt im Jahr 1991 noch 600 000 Liter Bier an die Mitarbeiter deutscher Brauereien ausgegeben worden, im Jahr 2016 waren es nur noch 137000 Liter.

Andererseits sei es ihr als Drogenbeauftragte ein wichtiges Anliegen, „dass wir in Deutschland zu einem verantwortungsvolleren und maßvolleren Umgang mit Alkohol kommen“. Dabei spiele die Präventionsarbeit eine zentrale Rolle. „Der sogenannte Haustrunk ist in dieser Debatte ein absolutes Randthema.“ Mit anderen Worten: Die märkischen Brauereien dürfen auch weiterhin mit ruhigem Gewissen eine Runde Bier an ihre Mitarbeiter ausgeben – nur werden sie das aller Voraussicht nach von sich aus immer weniger tun.

Von Rüdiger Braun

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