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Brandenburg „Jeder Bombenentschärfer muss für sich eine rote Linie ziehen“
Brandenburg „Jeder Bombenentschärfer muss für sich eine rote Linie ziehen“
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00:22 25.01.2019
Frank Pestel Quelle: privat
Potsdam

Brandenburg hat noch immer mit den gefährlichen Hinterlassenschaften zweier Weltkriege zu kämpfen. Rund 320 Tonnen an Kampfmitteln werden jährlich geborgen. Frank Pestel ist technischer Einsatzleiter beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD), der zum Innenministerium des Landes gehört und seine Sitz in Wünsdorf (Teltow-Fläming) hat.

Herr Pestel, in welchen Gebieten Brandenburgs gibt es wohl noch die meisten Kampfmittel im Boden?

Frank Prestel: Im gesamten Land Brandenburg gelten rund 370 000 Hektar als Verdachtsfläche, das entspricht etwa 13 Prozent der Landesfläche. Die meisten Kampfmittel vermutet man in den ehemaligen Kampfgebieten in Richtung Berlin, in denen sich die damalige Rote Armee auf Berlin zubewegte. Aber wir haben auch südlich von Berlin große Flächen, wo Kampfmittel vermutet werden und auch gefunden wurden, zum Beispiel der ehemalige Kessel von Halbe. Es gibt eine Vielzahl früherer Truppenübungsplätze, die teilweise 150 Jahre genutzt wurden, und wir haben städtische Bombardierungsgebiete, zu denen unter anderen Oranienburg, Potsdam, Brandenburg/Havel, Neuruppin sowie Cottbus und Umgebung gehören. Damit müssen sich aber die großen Städte Brandenburgs weiterhin auf Unannehmlichkeiten einstellen. In den großen Städten, die bombardiert wurden, kann das der Fall sein.

300 Blindgänger in Oranienburg

Gibt es Schätzungen von Seiten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, was da noch so alles liegen könnte?

Nein, denn das ist sehr schwer zu schätzen. Wir wissen nicht, wie viel tatsächlich abgeworfen wurde und auch nicht, was im Boden zurückgeblieben ist. Es gibt aber ein Gutachten der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg zu Oranienburg. Dort vermutet man noch etwa 300 Bombenblindgänger unter der Stadt.

Gibt es denn weitere Quellen, die Sie für Schätzungen auswerten können?

Wir haben Luftbilder aus englischen und amerikanischen Archiven, die bei uns für die entsprechenden Gebiete systematisch ausgewertet werden.

Wie werden die meisten Kampfmittel entdeckt? Durch Suche oder durch Zufall?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Die Suche im Zuge von Bauvorhaben und dann die Zufallsfunde, die sogenannten Einzelfundstellen. Bei der Suche gerade in Kampfmittelverdachtsgebieten wird aber in einem kurzen Zeitraum sicher sehr viel mehr gefunden als anderswo. Auch auf ehemaligen Truppenübungsplätzen wird in kurzer Zeit mehr gefunden als sonstwo.

Wie muss man damit umgehen, wenn man auf so einen Fund stößt?

Wenn einem etwas unbekannt vorkommt: Finger weg! Und das gilt erst recht, wenn es sich schon erkennbar um Kampfmittel handelt oder auch nur, wenn man glaubt, es könnte sich um ein Kampfmittel handeln. Dass ein Finder zu Schaden gekommen wäre, ist mir persönlich im Land Brandenburg für die letzten Jahre aber nicht bekannt. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Verletzten geben kann.

Manchmal wird Sprengstoff gefährlicher

Warum gibt es überhaupt Blindgänger?

Die Gründe sind relativ vielfältig. Es können die Zündsysteme versagt haben, es kann aber auch von der Füllung her nicht so hochwertiges Material verwendet worden sein, vielleicht gab es Fehler beim Einbau der Zündsysteme und möglicherweise war auch die Bodenbeschaffenheit oder die Position des Kampfmittels beim Aufschlag ungünstig. Auf jeden Fall sind diese Kampfmittel gefährlich und nur fachkundige Personen können sie richtig einschätzen.

Warum gehen die Kampfmittel eigentlich nicht von alleine kaputt?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Der Sprengstoff war natürlich zum schnellen Einsatz bestimmt, aber er hat auch eine gewisse Lagerfähigkeit. Im Laufe der Zeit wandeln sich einige eingefüllte Stoffe auch um. Dabei werden Abbauprodukte gebildet, die mitunter noch gefährlicher sind als der ursprünglich eingefüllte Sprengstoff. Und dann gibt es schließlich noch das Problem der Langzeitzünderbomben, die sowieso später detonieren sollten.

Was hat es damit auf sich?

In diesen Zündern läuft ein chemischer Prozess ab. Ein Lösungsmittel (Aceton) löst langsam einen Zelluloidring auf, in dem der unter Federspannung stehende und durch Haltekugeln gesicherte Schlagbolzen eingebettet ist. Und wenn dieser Zelluloidring aufgelöst ist und die Kugeln zur Seite austreten können, wird der Schlagbolzen nach vorne getrieben und löst so die Detonation der Bombe aus. Ursprünglich sollte das zwischen 2 und 144 Stunden nach Abwurf erfolgen. Wenn so eine Bombe tief im Boden liegt, ruht sie dort bei einer bestimmten Temperatur. Das verlangsamt den Auflösungsprozess, hebt ihn aber nicht auf. Auch die Lage der Bombe spielt eine Rolle, wenn zum Beispiel das Heck der Bombe nach unten zeigt. Aber irgendwann ist auch der Prozess zu Ende und dann kommt es zur Auslösung.

Bomben könnten einfach so explodieren

Und es gibt garantiert noch solche Blindgänger mit Langzeitzündern im Boden?

Die haben wir insbesondere in Oranienburg. Es ist eine der Städte in Deutschland, die am meisten mit Bomben mit chemischen Langzeitzündern bombardiert wurden. Aber auch andere Städte können davon betroffen sein.

Mit anderen Worten: In Oranienburg könnte plötzlich einfach so etwas explodieren.

Ja, das könnte passieren. Wie groß die Detonation sein wird, lässt sich natürlich nicht sagen, die Bomben liegen ja drei bis vier Meter oder mehr in der Tiefe. Aber es wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Krater bilden und Sachschaden entstehen, wenn die Bombe nicht gerade im Wasser oder in freiem Gelände detoniert. Aber davon abgesehen: Alle Bombenblindgänger, die noch im Boden liegen, sind gefährlich, ob mit oder ohne Langzeitzünder.

Reagiert die Bevölkerung bei Evakuierung wegen Bombenentschärfung verständnisvoll?

In der Regel ja. Sie wissen um die Gefahr und um diejenigen , die sich daran machen, diese Gefahr zu beseitigen. Es gibt natürlich immer wieder Leute die sagen: Es ist noch nie was passiert. Das ist aber die falsche Einstellung, denn Blindgänger sind gefährlich. Wenn Leute nicht aus den Sperrkreisen hinausgehen oder zu früh wieder zurückkommen, behindert das natürlich unsere Arbeit. Wenn man bei einer Entschärfung ist und diese unterbrechen muss, weil einer meint, er muss wieder in den Sperrkreis hineingehen, dann ist das für die Entschärfer nicht wirklich angenehm. Das sind zwar die Ausnahmen, aber es gab sie.

Es starben auch schon Entschärfer

Was war aus Ihrer Sicht das bisher tragischste Ereignis, das der Kampfmittelbeseitigungsdienst in den vergangenen Jahren hatte?

Wir hatten 2011 einen schweren Unfall. Einem Kollegen detonierte ein Kampfmittel in der Hand. Noch schlimmer war der tödliche Unfall 2004 auf dem Sprengplatz in Kummersdorf. Das sind die Sachen, die in meine Zeit beim KMBD fallen. Aber es gab auch schon in den 90er-Jahren in Brandenburg einen schweren Unfall, außerdem 2010 einen in Göttingen mit drei Toten, als eine Bombe explodierte, bevor sie entschärft werden konnte.

Wenn man das hört, fragt man sich, wie überhaupt jemand nervlich dazu in der Lage sein kann, eine Bombe zu entschärfen.

Ich würde sagen: Wir wissen, was wir können, wir wissen aber auch genau, was wir nicht können. Wir haben eine gute Ausbildung, aber wir sind keine Supermänner. Jeder Bombenentschärfer muss für sich eine „rote Linie“ ziehen. Er muss genau wissen, wie weit er für sich verantworten kann, was er gerade macht. Man muss den Ehrgeiz haben, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen, aber nicht um jeden Preis. Das heißt: Wenn man trotz aller Bemühungen und Fähigkeiten die Bombe eben nicht entschärfen kann oder das von vorn herein gar nicht möglich ist, dann muss man sagen: Das schaffen wir so nicht, wir müssen sprengen. Jeder, der diese Arbeit macht, weiß, dass er sich in eine gewisse Gefahr begibt, aber er weiß auch, dass er über eine gewisse Grenze nicht hinausgehen soll.

Wie lange werden uns die Blindgänger im Land Brandenburg noch beschäftigen?

Genau lässt sich das natürlich nicht sagen, aber wir haben sicher für die nächsten Jahre noch genug Arbeit, um die Kampfmittel im Boden zu bergen. Wir haben in den vergangenen Jahren jedes Jahr im Schnitt 320 Tonnen Kampfmittel geborgen. Das wird noch viele Jahre so weiter gehen und könnte sehr, sehr lange dauern.

Können Brandenburger beim Suchen der Kampfmittel irgendwie helfen?

Nicht direkt. Laut Kampfmittelverordnung des Landes ist es ja verboten, nach Kampfmitteln zu suchen. Wenn jemand aber so etwas zufällig entdeckt, gilt zunächst: Was ich nicht kenne, fasse ich nicht an. Sollte es sich eventuell um Kampfmittel handeln, muss man die Behörden verständigen. Laut Kampfmittelverordnung sind diese Funde anzeigepflichtig, entweder beim zuständigen Ordnungsamt oder bei der Polizei. Die informieren uns dann – und wir sind diejenigen, die dann rausfahren, das gefundene Objekt identifizieren und dann mit den entsprechenden Maßnahmen diese Sache beseitigen. Wichtig zu wissen ist auch, dass, wenn sich herausstellt, es handelt sich doch nicht um ein Kampfmittel, dem Finder keine Unannehmlichkeiten entstehen – und die Beräumung dieser Einzelfunde ist für den Finder kostenfrei.

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Von Rüdiger Braun

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