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Brandenburg Dieser Märker war der jüngste Bootsbauer der DDR
Brandenburg Dieser Märker war der jüngste Bootsbauer der DDR
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01:15 13.08.2018
Bootsbauer Fritz Rietz kann mit Holz umgehen: „Ich sehe das Potenzial in jedem Stamm.“ Quelle: Ulrich Wangemann
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Potsdam

„Ein Affenfelsen!“, sagt Fritz Rietz, als eine weiße Jacht an der Steganlage vorbeigleitet. Junge Frauen in Badesachen räkeln sich auf dem Deck, am Steuer ein gebräuntes Alphatier. Rietz, 61 Jahre alt, Bart und dichtes Haupthaar ineinander übergehend, hat sich ein Mittagsbier aus dem Kühlschrank geholt und sich auf einer Bank im Schatten niedergelassen. Freier Blick auf den Zernsee. Im hinteren Teil des Wassergrundstücks trottet ein Pony um einen Bootsanhänger. Eine Motorjacht aus Holz wartet auf einen neuen Anstrich. Ein 60er-Jahre-Traum in der Farbe von Tannenhonig – Alain Delon gäbe einen würdigen Steuermann ab.

Hier, am Stadtrand von Werder/Havel (Potsdam-Mittelmark), auf einem verwunschenen Seegrundstück voller abgedeckter Holzstapel, das von einer 110 Jahre alten Jugendstilvilla mit Türmchen dominiert wird, lebt und arbeitet der einst jüngste Bootsbauer der DDR. Da war er 21 Jahre alt.

Der Bootemarkt boomt

Heute ist er einer von ganz wenigen in der Region, die noch mit Mahagoniholz und Teer umgehen können – wer in Brandenburg und Berlin einen schwimmenden Oldtimer besitzt, der kennt mit einiger Sicherheit die kleine Rietz-Werft. Der Bootemarkt boomt, getragen von zehn Jahren ungebrochenen Wirtschaftswachstums – und die Klassiker-Szene profitiert davon. „Man merkt: es ist Geld da, die Leute investieren“, sagt Rietz. „Durch Sparen verdient man wegen der niedrigen Zinsen nichts mehr. Also heißt es: hoch die Tassen!“

Stil kostet eben extra

Ein klassisches Holzboot ist ein lupenreines Luxus-Objekt – auch wenn es sich bei Ausfahrten bescheiden ausnimmt neben den Kunststoffkähnen, die Rietz „Rama-Becher“ nennt. Stil kostet eben extra. Sieben Lackschichten pro Jahr sind keine Seltenheit – und jede Lage sollte vor dem Überstreichen angeschliffen werden. Sonst bröselt sie im Wechselspiel von Sonne, Kälte, Algenfraß und Wellengang schnell ab. „Wenn man ein Jahr lang nichts macht, hat man im nächsten doppelt zu tun“, erklärt der Bootsbauer.

Holzjacht in der Werft Rietz in Werder/ Havel (Potsdam-Mittelmark). Quelle: Ulrich Wangemann

Unter einer Persenning verborgen ist ein Motorboot aufgebockt, das es ohne die Intervention von Fritz Rietz wohl nicht mehr gäbe. Eine neue Heckpartie hat er der Mahagoni-Jacht an der Backbordseite verpasst. Als der hölzerne Patient eingeliefert wurde, war nur an einer kleinen Stelle Fäulnis zu erkennen. Der Meister und seine beiden Gesellen jedoch entdeckten schnell: Etliche der Planken bestanden nur noch aus „Lebkuchen“, wie Rietz sagt. Nun schimmert das neu eingepasste Edelholz in der Sonne.

Freunde klassischer Jachten gäben „alle paar Jahre Summen für die Instandsetzung aus, die über dem Zeitwert der Boote liegen“, sagt Rietz. 400 Euro pro Arbeitskraft und Tag kostet eine Renovierung – vier Wochen Schönheitskur oder Grundsanierung kosten 10.000 Euro.

Rietz lässt sich neue Bäume kommen

Doch wer kann eine solche Leidenschaft besser verstehen als Rietz, der die Bootsbauerei von einem angeheirateten Onkel übernahm? Vier größere Holzboote gehören der Familie, darunter ein Schärenkreuzer aus den 20er-Jahren – schlank, schnittig, unter Segeln pfeilschnell. Außerdem ein holländischer Frachtkahn, ehemals Eigentum eines Notars vom Ku’Damm – mit Schnitzereien am Giebel der Kajüte und einer Vitrine mit Schnapsgläsern im Inneren.

Die Bootskonjunktur ist so gut, dass Rietz ein paar neue Baumstämme gekauft hat – alles harte, fäulnisabweisende Tropenhölzer, der Festmeter kostet mehr als 1000 Euro. Jetzt liegen sie, in Bretter geschnitten gestapelt, als hätte ein Riese die Stämme durch den Eierschneider gedrückt. Zwischen jedem Brett ein Querholz, damit Luft drankommt.

Manches Plankenholz trocknet seit Jahrzehnten

Manche der älteren Stapel trocknen schon seit Jahrzehnten. Rietz kennt die Faserstruktur, die Härte eines jeden Stamms. „Ich habe sie alle selbst gestapelt“, sagt er. Ob Deckholz, Planke oder nur Zierleiste, Rietz weiß, welche Qualität er wo findet. Im Sägewerk steht er immer daneben, wenn seine Bäume zerteilt werden. „Ich sehe das Potenzial in jedem Stamm“, sagt der Bootsbauer.

Der 14 Jahre alte Sohn soll, so hofft der Seniorchef, den Betrieb einmal übernehmen. Der Filius hat in einem Schulprojekt kürzlich zwei wunderschöne Ruder für den offenen Fischerkahn gebaut. Ansonsten interessiere sich der Jüngste gerade vor allem für Computer, sagt sein Vater. Vier ältere Töchter haben sich für andere Berufe entschieden, haben Design, Kunstgeschichte und Spanisch studiert. „Bis 70 werde ich wohl noch weitermachen“, sagt Rietz. Vielleicht werde er noch ein paar Bäume nachkaufen.

Von Ulrich Wangemann

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