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Märker haben im Osten das stärkste Wir-Gefühl

Bertelsmann-Studie: Zusammenhalt in alten Ländern höher Märker haben im Osten das stärkste Wir-Gefühl

Der Zusammenhalt im Osten hat sich einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge seit der Wiedervereinigung positiv entwickelt – wenn auch mit einem langsameren Tempo als im Westen. Auch die Zufriedenheit der Brandenburger sei deutlich gestiegen. Ob der Märker wirklich rundum zufrieden ist mit sich und der Welt wird auf der MAZ-Facebook-Seite heiß diskutiert.

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Quelle: dpa

Potsdam. 25 Jahre nach der Wende dominiert das Wir-Gefühl in Brandenburg: In keinem anderen ostdeutschen Bundesland ist der gesellschaftliche Zusammenhalt so stark wie in der Mark. So das Ergebnis einer am Montag   veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung, die die Entwicklung des Gemeinwesen in Deutschland seit der Wiedervereinigung untersucht. Auch das Vertrauen in Mitmenschen und staatlichen Institutionen wie Justiz und Polizei ist demnach in Brandenburg während der vergangenen zehn Jahre deutlich gestiegen.

Insgesamt wirkt die Vor-Wendeerfahrung im Osten aber noch deutlich nach: Nur langsam steige in den neuen Ländern das Vertrauen in Mitmenschen. Das sei typisch für Länder, in denen zuvor eher Kontrolle das gesellschaftliche Klima bestimmt hatte. „Eine Vertrauensbasis ist schnell zerstört – sie wieder aufzubauen, erfordert Zeit und Geduld“, sagt Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung.

Dass sich in Brandenburg Skepsis und Misstrauen angeblich schneller abgebaut haben als in den anderen neuen Ländern, erklärt sich Sozialminister Günter Baaske (SPD) so: „In Brandenburg hat Solidarität Tradition.“ Politiker wie Manfred Stolpe, Matthias Platzeck oder Regine Hildebrandt (alle SPD) hätten das Miteinander immer selbst gelebt und so „vererbt“. „Es liegt an den vielen Ehrenamtlern im Land, ob bei der Feuerwehr, im Sport oder in der Pflege“, begründet Baaske das vergleichsweise positive Abschneiden der Mark.

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Mit den alten Ländern kann Brandenburg aber nicht mithalten: Im Westen engagieren sich die Menschen mehr für andere als im Osten, befinden die Sozialwissenschaftler. In der Gesamtbewertung liegt Hamburg vor Baden-Württemberg und dem Saarland. Die Kluft zwischen Ost und West in Sachen „Gemeinsinn“ sei seit der Wende sogar größer geworden. „Je höher das Bruttoinlandsprodukt, je geringer das Armutsrisko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt“, so Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung in der Bertelsmann-Stiftung.
Warum Brandenburg dann das wirtschaftlich besser situierte und im Unterpunkt „Hilfsbereitschaft“ überlegene Sachsen insgesamt überholt, erklärt die Studie nicht. Ulrike Häfner, Vorstandsreferentin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Brandenburg, interpretiert das Ergebnis deshalb anders: „In schwierigen Zeiten rückt man zusammen.“

Denn obwohl die Märker sich angeblich mit ihrem Staat angefreundet haben und mehrheitlich nicht auf dem Ego-Trip sind, fühlen sich viele ungerecht behandelt. 39 Prozent sagen heute, dass sie einen gerechten Anteil am Wohlstand erhalten. Anfang der 1990er Jahre waren es nur 13 Prozent. Insgesamt sind mittlerweile zwar 61 Prozent der Brandenburger zufrieden mit ihrem Lebensstandard, doch in keinem anderen Bundesland sind mehr Menschen der Meinung, dass die Regierung Einkommensunterschiede zwischen Ost und West reduzieren müsse.

„Wir halten bessere Bezahlung schon lange für notwendig, aber die Politik kann keine Löhne vorschreiben“, sagt Sozialminister Baaske. Hier seien die Tarifparteien gefragt. Der künftige bundeseinheitliche Mindestlohn sei zumindest ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. „Es zeigt sich, wie wichtig die Angleichung der Löhne und Renten ist“, meint die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD).

In einem anderen Punkt ist die Aussagekraft der Studie begrenzt: Die politische Teilhabe in Brandenburg habe sich positiv entwickelt: So sei die Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen deutlich gestiegen, von 54 Prozent 1999 auf 67 Prozent in 2009. Das ist der höchste Wert aller Länder. Was die Forscher unerwähnt lassen: Die Landtagswahl 2009 fand parallel zur Bundestagswahl statt. Bei Doppelwahlen liegt die Beteiligung erfahrungsgemäß immer höher.

Abstriche gibt es auch bei der Toleranzentwicklung. Insgesamt würden die Brandenburger andere sexuelle Orientierungen und gesellschaftliches Engagement von Ausländern inzwischen besser akzeptieren als in den 90ern. Allerdings sehen es die heimatverbundenen Märker weniger gern, wenn Ausländer „ihren traditionellen Lebensstil pflegen“.

International liegt Skandinavien vorn

  • Das „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ ist ein Index der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung, den ein Forscherteam unter der Leitung der Professoren Klaus Boehnke und Jan Delhey von der privaten Jacobs University in Bremen erstellt hat.
  • Für den innerdeutschen Vergleich wurden verschiedene Befragungsstudien sowie Daten der amtlichen Statistik von 1990 bis 2012 in einer sogenannten Sekundäranalyse zusammengeführt und ausgewertet. Der Zusammenhalt wird durch 31 Einzelindikatoren erfasst.
  • Ein internationaler Vergleich ergab 2013, dass die skandinavischen Staaten einen besonders hohen Zusammenhalt aufweisen. Deutschland landete im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder, mit Schwächen bei der Toleranz verschiedener Lebensstile.

Von Marion Kaufmann

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