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Brandenburg bastelt am Essen der Zukunft

Ernährungswirtschaft in Brandenburg boomt Brandenburg bastelt am Essen der Zukunft

Marken wie Neuzeller Schwarzbier oder Beelitzer Spargel sind auch jenseits von Brandenburg ein Begriff. Die Lebensmittelbranche in Brandenburg erzielt Milliardenumsätze, steht aber wenig im Rampenlicht. Zu Unrecht: Es gibt einiges zu entdecken. So arbeiten Wissenschaftler und Wursthersteller gerade am Essen der Zukunft.

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Botschaft aus Brandenburg: Werbung für Werder Ketchup in Hamburg.

Quelle: MAZ

Potsdam. Es sind Marken, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind: Beelitzer Spargel, Spreewälder Gurken, Eberswalder Wurst, Werderaner Ketchup, Neuzeller Schwarzbier. Hinzu kommen zahlreiche Höfe, Manufakturen, Forschungseinrichtungen sowie Exoten wie ein Kakaoproduzent und die größte Bananenreiferei Ostdeutschlands: Brandenburgs Ernährungswirtschaft ist zu einem Milliardenmarkt geworden – zum Teil jedoch heimlich, still und leise, unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Detmar Leitow kennt das Phänomen. Er ist Manager des Clusters Ernährungswirtschaft der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB). „Es gibt Marken, die jeder sofort mit Brandenburg identifiziert, auch die Landwirtschaft ist gut sichtbar, die Felder und die Höfe“, erklärt er. „Aber daneben gibt es eben viele Produkte, von denen man gar nicht ahnt, dass sie aus Brandenburg kommen, Paprika oder Kakao zum Beispiel.“

58 000 Menschen in 3500 Unternehmen arbeiten in Brandenburg direkt oder indirekt im Bereich der Ernährungswirtschaft – vom Bauernhof über die Getränkeproduktion bis hin zu Logistik und Handel.

4,1 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten alleine die 170 größten Unternehmen der Branche (ab 20 Mitarbeiter). Vor elf Jahren waren es noch 2,5 Milliarden Euro. In diesen reinen Verarbeitungsunternehmen arbeiten 13 000 Menschen.

25,7 Prozent beträgt der Auslandsumsatz. Auch die Exportquote ist stark gestiegen. Sie lag 2005 noch bei 13,2 Prozent.

Umsätze wie in der Autobranche

Die prominenten Produkte seien Aushängeschilder, Botschafter der Region, so Leitow: „Andere beneiden uns darum, dass wir mit Unternehmen arbeiten, deren Endprodukte dem Kunden etwas sagen, die mitunter auch Emotionen wecken.“ Aber das gilt eben nur für die bekannten Namen. Die Umsätze werden aber auch im Verborgenen erzielt – und zwar nicht zu knapp: Die Branche setzt inzwischen Summen um wie die Automobilzulieferer in Brandenburg und kann beachtliche Steigerungsraten vorweisen.

2005 lag der Umsatz mit märkischen Getränken und Nahrungsmitteln noch bei 2,5 Milliarden Euro, 2014 wurden Produkte im Wert von knapp 4,1 Milliarden Euro umgesetzt – allein von den 170 größten Unternehmen. Auch international sind die Hersteller inzwischen gut vernetzt, die Exportquote liegt bei fast 26 Prozent und hat sich damit innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.

Fachkräfte werden gesucht, auch auf dem Land

Das Wachstum der Branche verursacht hier und da inzwischen auch leichte Schmerzen. Auch in der Ernährungswirtschaft fällt es Unternehmen zunehmend schwerer, geeignetes Personal zu finden. „Es ist noch nicht so akut wie in anderen Bereichen“, sagt Clusterexperte Leitow. „Aber auch wir müssen im Wettbewerb um hochkarätige Fachkräfte bestehen.“ Lebensmitteltechniker, aber auch Elektriker oder Anlagenfahrer werden gebraucht. Ein Problem: Es sei nicht immer leicht, Führungskräfte dazu bewegen, auf dem Land zu arbeiten, erklärt Detmar Leitow.

Ein Schlüssel für künftige Erfolge sieht der Clustermanager in der weiteren Zusammenarbeit von Lebensmittelherstellern und der Wissenschaft. Ein Beispiel einer solchen Kooperation ist die Software „RegioFood_Plus“, die im Herbst an den Start gehen soll. Sie soll den vielen Klein- und Kleinstunternehmen, die regionale Produkte vertreiben, den IT- und Dokumentationsaufwand erheblich erleichtern. Herkunfts- und Inhaltsangaben von Produkten können per Cloud digital an Handelspartner wie Supermärkte übermittelt werden, lästiger Papierkram entfällt.

„Die Verbraucher wollen die Region unterstützen“

Sebastian Kühn, Sprecher des Clusters Ernährungswirtschaft und Chef des Unternehmens Eberswalder Wurst, über einen unterschätzten Wirtschaftsfaktor.

Fast 60.000 Menschen arbeiten in Brandenburg in der Ernährungswirtschaft, das ist vielen nicht bekannt. Stellt die Branche ihr Licht unter den Scheffel?

Sebastian Kühn: In der Tat: Gemessen an Mitarbeitern und Umsatz ist die Ernährungsbranche neben dem Automotivesektor der wichtigste Industriezweig Brandenburgs, kommt aber in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu kurz. Auch in der Politik scheint die Bedeutung der Branche noch nicht überall angekommen zu sein.

In der Politik fühlen Sie sich nicht gut aufgehoben?

Kühn: Es fängt schon damit an, dass wir nicht wissen, wer eigentlich unser zuständiges Ministerium ist – Wirtschaft, Landwirtschaft, Forschung? Aber was unsere Wahrnehmung angeht, ist es ein Problem, bei dem wir uns an die eigene Nase fassen müssen.

Inwiefern?

Kühn: Die Ernährungswirtschaft besteht aus vielen unterschiedlichen Akteuren, reicht vom kleinen Handwerker und Ein-Mann-Betrieb bis zum Forschungsinstitut und großen Produzenten. Wir alle können die Zusammenarbeit verbessern, dazu müssen wir mehr miteinander reden. Nur so können wir voneinander profitieren. Die Voraussetzungen sind gut, wir haben Marken, die überregional bekannt sind und mit Berlin einen riesigen Absatzmarkt vor der Tür.

Der Trend zur regionalen Kost kommt Ihnen sicher entgegen?

Kühn: Das ist eigentlich kein neuer Trend, das geht schon seit einigen Jahren so. Aber da steckt noch viel Bewegung drin. Immer mehr Verbraucher wollen die Region unterstützen, der Handel hat das inzwischen auch erkannt und räumt Regale für Produkte von hier frei. Man muss ja gar nicht über die Grenzen schauen, in Brandenburg findet man so gut wie alles vor der Haustür – auf qualitativ hohem Niveau.

Kommenden Montag trifft sich die Branche zum Tag der Ernährungswirtschaft. Worum geht es?

Kühn: Wir wollen möglichst viele Akteure an einen Tisch bekommen und neue Ideen entwickeln. Ein Höhepunkt wird sicher die Verleihung des Innovationspreises Ernährungswirtschaft.

Wurst trifft Wissenschaft

Ein weiteres Projekt ist Nutriact, bei dem Forscher und Hersteller gemeinsam an gesünderen Lebensmitteln arbeiten. An Bord sind unter anderem das Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Rehbrücke, die Berliner Charité, aber auch die Golßener Fleisch- und Wurstwaren GmbH oder Gut Schmerwitz. Der Grundgedanke dahinter: „Es ist schwer, die Ernährung umzustellen. Also arbeiten wir daran, die Produkte gesünder zu machen“, erklärt Leitow.

Die Rückbesinnung auf heimische Produkte hat der Branche einen zusätzlichen Schub gegeben. Aber da dies ein deutschlandweites Phänomen ist, wird es für kleine Unternehmen auch schwerer, jenseits der Landesgrenzen Fuß zu fassen. Dafür hat sich der Einzelhandel stärker geöffnet. „Handelsketten wie Rewe oder Edeka lassen die Händler vor Ort entscheiden, ob sie ein Regionalprogramm anbieten“, erklärt Leitow. „Sie sind deutlich gesprächsbereiter als vor 15 Jahren.“

Von Torsten Gellner

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