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Brandenburg nimmt neuen Anlauf für Inklusion

Bildungspolitik Brandenburg nimmt neuen Anlauf für Inklusion

Mangelhaftes Konzept, zu wenig Geld, geringe Akzeptanz: Die bisherigen Ansätze für eine Schule für alle in Brandenburg gelten als gescheitert. Jetzt unternimmt Bildungsminister Günter Baaske (SPD) mit dem Konzept „Gemeinsames Lernen“ einen neuen Anlauf. Diesmal soll es klappen mit der Inklusion.

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Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD)

Quelle: dpa

Potsdam. Günter Baaske muss die Kandidaten aus jener Zeit kennen, als der SPD-Bildungsminister noch selbst als Mathelehrer an der Tafel stand. „Manche Schüler schlagen plötzlich über die Stränge und gehen über Tische und Bänke.“ Hat man Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten früher nur allzu leichtfertig auf Förderschulen abgeschoben, sollen sie künftig mit den anderen gemeinsam lernen – um dem Grundsatz der Inklusion gerecht zu werden.

Mitte 2017 startet zweijährige Projektphase

Das kostet viel Kraft und guten Willen, vor allem aber Geld. Mit Beginn des Schuljahrs 2017/18 plant Baaske eine zweijährige Projektphase, in der bis zu 162 der landweit rund 800 Schulen Geld für zusätzliches Personal erhalten sollen, um Schüler mit Lernschwierigkeiten und Durchhalteproblemen einen allgemeinen Schulabschluss zu ermöglichen. Festgeschrieben ist das in einem Entwurf des Landeskonzepts „Gemeinsames Lernen in der Schule“, das Baaske am Mittwoch in Potsdam vorgestellt hat. Das gut 80-seitige Papier kommt aus seinem Ministerium und befindet sich derzeit unter den rot-roten Ressorts in Abstimmung.

„Wir möchten, dass Mädchen und Jungen, egal wie fit sie sind, die Chance auf einen Schulabschluss haben“, sagt Baaske. Das politische Ziel dahinter ist, die Schulabbrecherquote zu senken. Am Ende des Schuljahres 2014/15 verließen in Brandenburg 7,9 Prozent der Schüler eine allgemeinbildende Schule ohne Hauptschulabschluss oder Berufsbildungsreife.

Gut 430 zusätzliche Fachkräfte für mehr als 160 Schulen

Konkret können sich in den Schuljahren 2017/18 und 2018/19 jeweils bis zu 55 öffentliche Grund-, 20 Ober- und sechs Gesamtschulen um eine Teilnahme an dem Projekt bewerben. Für beide Schuljahre stellt das Land Geld für insgesamt bis zu 432 zusätzliche Stellen zur Verfügung, etwa für Sonderpädagogen und pädagogische Unterrichtshelfer. In den Kalenderjahren 2017 und 2018 soll das insgesamt 23 Millionen Euro zusätzlich kosten.

Inwiefern das Projekt anschließend fortgesetzt wird, hängt laut Bildungsministerium davon ab, wie viele Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf sich für den Besuch einer allgemeinen Schule entscheiden – wodurch im Gegenzug automatisch der Bedarf in den Förderschulen sinkt. Sollte das Konzept fortlaufend umgesetzt werden, können dem Baaske-Ressort zufolge innerhalb von etwa sechs Jahren sämtliche der Brandenburger Grund-, Ober- und Gesamtschulen das „Gemeinsame lernen“ anbieten und entsprechend ausgestattet werden.

Vorerst aber liegt der Fokus auf den Schulen, die von sich aus auf ein inklusives Profil setzen – auch um die Bildungsstätten nicht zu überfordern. Schließlich hat es um das Thema Inklusion in den vergangenen Jahren immer wieder erbitterte Streitigkeiten gegeben: Es fehlte an einem Konzept, der finanziellen Ausstattung und auch an der Aufgeschlossenheit in den Schulen vor Ort.

Millionen für Ausbau von Schulen

„Nur die besten sollen zunächst den Zuschlag kriegen. Wir können nicht alle 800 Schulen anschließen“, sagt der Bildungsminister. Am Geld soll es diesmal nicht scheitern. Neben dem Baaske-Konzept spendiert das Land 24 Millionen Euro für den Ausbau der Schulzentren und 56 Millionen Euro für den Bau inklusiver Schulgebäude.

Aus Reihen von Regierung wie Opposition gibt es einmütiges Lob für das Konzept. „Wir wollen keine Trennung von Kindern aufgrund ihrer unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen. Wir wollen ein Schulsystem, in dem alle Kinder willkommen sind, unabhängig von ihren Stärken und Schwächen“, erklärt die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag, Kathrin Dannenberg. „Ich begrüße ausdrücklich den von der Landesregierung vorgenommenen Paradigmenwechsel: künftig werden alle Schulen so ausgestattet, dass sie den unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen Rechnung tragen.“

Lob auch aus Reihen der Opposition

Eine Inklusion in kleinen Schritten stößt bei der oppositionellen CDU auf Zuspruch. Unter der früheren Ministerin Martina Münch sollte das Projekt mit der Brechstange durchgesetzt werden, ihr Nachfolger gehe umsichtiger vor, sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Gordon Hoffmann. „Mit verantwortungsvoller Planung können wir es schaffen, dass alle Beteiligten – die Kommunen, die Eltern, Lehrer, Mitschüler – gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung oder Förderbedarf akzeptieren.“

Seine Grünen-Kollegin Marie Luise von Halem erklärt: „Es hat zwar lange gedauert, aber was Baaske jetzt vorlegt, ist ein gelungenes Konzept.“ Die Freiwilligkeit der Schulen in einem wettbewerblichen Verfahren sei guter Ansatz. Die grüne Bildungsexpertin begrüßt es, dass sich das Konzept nicht nur an Schüler mit Förderbedarf richte, sondern dass davon auch die übrigen profitieren würden. Nach den Grundschulen seien erstmals auch Ober- und Gesamtschulen in die Inklusionspläne einbezogen. Ohne Hausaufgaben will von Halem den Bildungsminister aber nicht in die Sommerferien entlassen. „Ungelöste Fragen gibt es allerdings beim Ausbau des gemeinsamen Lernens an den Gymnasien, bei der Einbindung der freien Schulen und bei der Deckung des immensen Lehrkräftebedarfs.“

Inklusion: Ein Platz in der Mitte der Gesellschaft

Inklusion bezeichnet die uneingeschränkte und gleichberechtigte Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Demnach sollen sich mit Menschen mit geistigen, körperlichen oder psychischen Einschränkungen ausdrücklich nicht an die Mehrheitsgesellschaft anpassen müssen.

In zentralen Regelwerken von UN und EU sowie im deutschen Grundgesetz und in der märkischen Landesverfassung ist Inklusion jeweils verankert.

Das Konzept „Gemeinsames Lernen“ fokussiert sich auf Schüler mit konkreten Lernbeeinträchtigungen, nicht etwa mit Behinderungen.

Von Bastian Pauly

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