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Brandenburg Gegen den Kommerz im Kiez: die Lausitzer Straße
Brandenburg Gegen den Kommerz im Kiez: die Lausitzer Straße
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00:20 20.03.2019
Im Vergleich zur Oranienstraße wirkt die Lausitzer Straße unscheinbar. Doch sie ist sehr lebendig. Quelle: Fotos: M. Müller
Berlin-Kreuzberg

Andy Wolff erinnert sich, wie er Ende der 70er-Jahre mit anderen Hausbesetzern auf dem UFA-Gelände in Tempelhof Wände einriss. Ihm ist noch die alte Kreuzberger Feuerwache präsent, die bis zur Zwangsräumung von obdachlosen Jugendlichen bewohnt wurde. Und er weiß, dass damals fünf Monate Arbeit bei der Post genügten, um ein Jahr davon leben zu können.

Wolff ist ein wandelndes Lexikon, was die linke Szene im West-Berlin der vergangenen vier Jahrzehnte angeht – aber nach damaligen Parolen gefragt, fällt dem 60-Jährigen erstmal keine ein. Er blickt gebannt in die Luft, als hingen dort die Transparente von einst, dann purzelt ihm doch noch ein Slogan ins Gedächtnis: „Lieber Instandbesetzen als Kaputtbesitzen.“

Andy Wolff von der Regenbogenfabrik in der Lausitzer Straße 22 in Berlin-Kreuzberg. Quelle: M. Müller

Wolff – weißer Stoppelbart, Pferdeschwanz, Skorpion als Ohrclip – sitzt im Innenhof der vor 38 Jahren besetzten Regenbogenfabrik. Hier in der Lausitzer Straße hat sich der Spruch von einst als realitätstauglich erwiesen. Dass er wieder an mehreren Hauswänden in dem Kreuzberger Kiez prangt, zeigt, dass der Protest wiedererwacht ist. „Die 90er-Jahre waren eine bleierne Zeit, die Globalisierung wurde als Naturkatastrophe hingenommen“, sagt Wolff, „aber mittlerweile engagieren sich die Menschen wieder stärker.“

Organisierter Protest gegen Google

Gruppen aus dem Kiez nutzen die Räume der Regenbogenfabrik, um über Aktionen gegen Gentrifizierung zu informieren. Beispiel Google. Der Milliardenkonzern hatte 2018 seine Pläne, einen 3000 Quadratmeter großen Campus in Kreuzberg zu öffnen, verworfen. Die Anti-Google-Aktivisten aus der Lausitzer Straße und Umgebung betrachten das als Erfolg.

„Die Regenbogenfabrik ist ein politischer Ort“, sagt Wolff, „aber auch ein Wirtschaftsunternehmen.“ In der offenen Küche hinter ihm klimpert Geschirr, es riecht nach Koriander. Zwei Mädchen laufen zur Schaukel auf dem Spielplatz, der für alle Kinder im Kiez zugänglich ist. Die Regenbogenfabrik finanziert sich und die 35 Beschäftigten, indem sie mehrere Kitas mit Essen beliefert, selbst eine Kita und eine Krippe sowie ein Hostel betreibt. Das ermöglicht es Wolff und Co., den Idealismus zu bewahren.

Die Regenbogenfabrik. Quelle: M. Müller

Sie bieten kostenlose Konzerte und Lesungen, eine Fahrrad- und eine Holzwerkstatt, die auf Spendenbasis beim Bau von Möbeln hilft. „Sich selbst zu organisieren – das ist der Kreuzberger Geist!“ Im Gegensatz zur bekannten Oranienstraße, die zur Fressmeile mutiert sei, herrsche dieser Geist hier noch. „Die Lausitzer Straße wirkt unscheinbar, aber geht man in die Häuser, ist sie sehr lebendig.“

Die Lausitzer Straße

Seit dem 13. Oktober 1866 trägt die Lausitzer Straße in Berlin-Kreuzberg ihren Namen. In dem Stadtteil gibt es zig Straßen, deren Namen mit Brandenburg in Verbindung stehen. Der Begriff Lausitz umfasst eine Region, die sich über das Bundesland Brandenburg hinaus erstreckt. Die Lausitz liegt heute auf dem Gebiet von Brandenburg und Sachsen sowie der polnischen Woiwodschaften Niederschlesien und Lebus.

Im Sorbischen steht der Begriff für sumpfige Wiesen. Die Niederlausitz ist der Teil der Lausitz, der in Brandenburg liegt, wobei der Spreewald seinen nördlichsten Bereich bildet. Das Zentrum der Niederlausitz ist Cottbus. Dort finden sich auch einige Hinweise auf das westslawische Volk der Sorben. Zum Beispiel gibt es dort das einzige Gymnasium, in dem in niedersorbischer Sprache unterrichtet wird.

Die MAZ stellt Berliner Straßen vor, die nach Orten in Brandenburg benannt sind, und beschreibt das Leben vor Ort.

„Lause bleibt“ – Ärger mit Investor

Beim Bummel durch die Straße fällt auf, dass es kaum einen Hauseingang gibt, in dem kein Aufkleber mit politischer Aufschrift zu sehen ist. Immer wieder sind zwei Worte zu lesen: „Lause bleibt.“ Gemeint sind die Lausitzer Straße 10 und 11. Wieder einer dieser alten Fabrikbauten. In den Hinterhöfen hängen Blusen und Hemden an den Fenstern, wo vorher Transparente zum Widerstand gegen die 20-Millionen-Euro-Verkaufspläne des Hausbesitzers Jan Tækker aufriefen.

Das Café der Regenbogenfabrik. Quelle: M. Müller

Der Däne hatte seine Gesprächsbereitschaft davon abhängig gemacht, dass die Transparente wegkommen. Die Mieter ersetzten sie durch Klamotten. „Nach dem Motto: Wir geben unser letztes Hemd“, sagt der Grafikdesigner Felix Link. Der Freiberufler gehört zu den rund 150 Mietern. Darunter sind Bewohner, aber auch Berufstätige mit Büroplätzen und Werkstätten.

Drastische Mieterhöhung vs. kreativer Protest

Der 37-Jährige zeigt im Treppenhaus auf Fotos, die Demonstranten im Protest gegen Zwangsräumungen abbilden. „An einem Tag, an dem potenzielle Käufer durch das Haus geführt wurden, haben wir die Vernissage der Ausstellung gefeiert. Die haben zur Kenntnis genommen, dass es hier Menschen gibt, die Widerstand leisten.“

Tækker hat mittlerweile seine Verkaufsabsichten revidiert, allerdings soll er bei einigen die Miete um mehr als 50 Prozent erhöht haben. Einem Eisverkäufer, der im dritten Hinterhof seine Ware lagerte, soll er ganz gekündigt haben. Als Protest dagegen marschierten die Aktivisten von der Lause eisschleckend vor die Räume der Hausverwaltung.

Felix Link vom Projekt Lause bleibt. Quelle: Martin Müller

„Und einmal sind wir mit einem Präsentkorb dorthin gegangen“, sagt Link, der seine schwarze Mütze auch im Büro trägt. Im Korb lagen weder Wein noch Naschereien, sondern Arbeitsproben von all den Kreativen aus dem Haus, in dem Fotografen und Journalisten, aber auch Klavierbauer und Tischler arbeiten. Wie sie sich gegenüber der Hausverwaltung verhalten haben? „Freundlich, aber bestimmt“, sagt Link und lächelt wie ein Schuljunge, der seinen Stolz über den letzten Streich nicht verbergen kann.

Lesen Sie hier die weiteren Teile der MAZ-Serie zu Brandenburger Straßennamen in Berlin.

Von Maurice Wojach

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