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Brandenburger heißen Flüchtlinge willkommen

Integration Brandenburger heißen Flüchtlinge willkommen

Dutzende Willkommensinitiativen machen sich in Brandenburg um die Integration von Flüchtlingen verdient – mit Sportangeboten und Hilfestellungen bei alltäglichen Problemen. Vielerorts führt das zu einem besseren Miteinander, wie im havelländischen Friesack.

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Faya Majid mit einem Mitglied der Nordic-Walking-Gruppe.

Quelle: Anja Meyer

Friesack. Mindestens drei neue Worte hat Faya Majid beim Nordic Walking im Wald um das Naturschutzgebiet „Friesacker Zootzen“ gelernt: Buschwindröschen, Specht und Waldmeister. Faya Majid lernt erst seit wenigen Wochen Deutsch. Sie wurde als Asylbewerberin dem Landkreis Havelland zugewiesen und lebt jetzt in Friesack. Von den Sozialarbeiterinnen im Übergangswohnheim hatte sie von der Nordic-Walking-Gruppe „Die Stockenten“ erfahren. „Das wollte ich ausprobieren“, sagt Faya Majid. Seitdem holt „Stockentenvater“ Armin Groß, der die bis zu zehn Mitglieder starke Gruppe koordiniert, sie mit dem Auto zum Training ab.

Faya Majid schätzt die ein- bis anderthalbstündigen Nordic-Walking-Touren in der Friesacker Umgebung. „Ich liebe die Natur“, sagt die gelernte Apothekerin, die aus einer Kleinstadt im Norden Syriens stammt und ihr Alter nicht verraten will. Außerdem kommt sie so mit Friesackern in Kontakt. In der Gruppe – in der vor allem Rentner walken – fühlt sie sich sehr wohl. Faya Majids Muttersprache ist Kurdisch, daneben spricht sie etwas Russisch, Französisch, Deutsch und Englisch. In einer der Fremdsprachen, meistens Russisch, verständigt sie sich mit den anderen.

„Rüdiger, schalte mal einen Gang runter, die kommen ja gar nicht hinterher“, ruft Armin Groß seinem Freund Rüdiger Croux zu. Armin Groß blickt nach hinten: Faya Majid steht mit Karin Müller am Waldesrand und riecht am Waldmeister. Die Natur überwindet manche Sprachbarriere, immer wieder erklärt jemand aus der Gruppe, wie die einzelnen Pflanzen heißen. „Ich freue mich, dass Faya jetzt mit uns mitkommt“, sagt Armin Groß. „Wir wollen ja Kontakt zu den Flüchtlingen haben, schließlich leben wir alle in einer Stadt.“ Sport sei eine gute Möglichkeit, um miteinander in Kontakt zu kommen.

Der Friesacker Armin Groß, 72, lädt Asylbewerber zum Nordic Walking

Der Friesacker Armin Groß, 72, lädt Asylbewerber zum Nordic Walking.

Quelle: Anja Meyer

Deshalb hatte sich der 72-Jährige über den Friesacker „Runden Tisch“ an die Heimleitung des von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betriebenen Übergangswohnheims gewandt. Sie vermittelt Alltagshilfen von Ehrenamtlern und örtliche Freizeitangebote an Asylbewerber. Der „Runde Tisch“ hatte sich Ende 2013 nach der ersten Bürgerversammlung des Landkreises zum Asylbewerberheim gegründet. Damals stand gerade erst fest, dass 90 asylsuchende Frauen und Männer in die knapp 2500 Einwohner große Stadt Friesack kommen.

Zu Beginn war viel Missmut zu spüren. „Das lag vielleicht auch daran, dass die Friesacker erst spät informiert wurden“, mutmaßt René Buschow, der den „Runden Tisch“ mitinitiierte. Bevor es eine offizielle Mitteilung des Landkreises gab, kursierte schon die vermeintliche Bürgerinitiative „Nein zum Heim in Friesack“ – eine Hetzseite auf Facebook. Darüber hatte auch René Buschow von dem Heim erfahren. Der 32-Jährige wuchs in Friesack auf und lebt mittlerweile in Potsdam. Weil er sich von jeher in seiner Heimatstadt engagiert, war es für ihn klar, zur ersten Bürgerversammlung zu gehen.

Was er dort erlebte, schätzt er als sehr interessant ein. Zu Beginn sei viel Unmut laut geworden, erinnert sich Buschow. Jeder Bürger konnte sagen, was er über das Asylbewerberheim denkt. „Einige hatten Angst vor steigender Kriminalität, andere vor großer Lautstärke“, sagt Buschow. Doch dann sei die Stimmung irgendwann ins Positive gekippt: „Es war klar, dass da Menschen zu uns kommen, die in großer Not sind“, erzählt René Buschow. „Und dass es eine Situation ist, die mit uns allen passiert und mit der wir umgehen müssen.“

Nach der Bürgerversammlung schloss René Buschow sich mit Friesackern und Awo-Vertretern zusammen. „Irgendwie muss es doch weitergehen“. Der „Runde Tisch“ sollte zur Kommunikationsplattform werden. Über einen E-Mail-Verteiler bringen die Mitglieder rund 60 Friesacker auf den aktuellen Stand. „Wenn man in Friesack 60 Leute erreicht, ist das enorm viel“, weiß René Buschow. Jeder kann sich auf seine Weise einbringen. Dafür hat der „Runde Tisch“ eine Art Portfolio entwickelt, in der alle sich und ihre jeweiligen Angebote vorstellen: Deutschunterricht, Fußballspielen im Verein und ein Ärzte-Begleitservice sind dort zum Beispiel aufgelistet.

Einen Begleitservice zum Arzt bietet Egon Buddelmann an. Der 56-Jährige war früher Krankenpfleger in der Berliner Charité, seit 2007 lebt er in Friesack. „Wenn ich Menschen in Not sehe, bin ich da“, sagt Buddelmann. Deshalb sagte er damals zu den Sozialarbeiterinnen im Übergangswohnheim: „Sagt Bescheid, wenn irgendwas mit Krankheiten ist“. Kurz darauf begleitete Egon Buddelmann den ersten Asylbewerber zum Arzt. „Für mich war das sehr interessant, sowohl menschlich als auch medizinisch“, sagt Buddelmann. Er lernte Krankheiten kennen, die es hierzulande gar nicht gibt. Und er erfuhr viel über die Verhältnisse in den Heimatländern der Asylbewerber.

Dass das Begleiten zum Arzt oder zu Behörden vor allem am Anfang wichtig ist, merkte Egon Buddelmann schnell. „Als die ersten im Heim wussten, wo was ist, hat sich das schnell verselbstständigt“, erzählt er. Jetzt hilft er immer mal wieder zwischendurch, wenn er gebraucht wird. Vor kurzem brachte er zwei Fahrräder, die er nicht mehr brauchte zu einer libanesischen Familie. Die hätten sich wahnsinnig gefreut. „Da ist mir das Herz aufgegangen“, sagt Buddelmann.

Neben der Hilfe für die Flüchtlinge in Friesack schätzen Egon Buddelmann und René Buschow die Willkommensinitiative auch als sehr wichtig für die Friesacker ein. Es habe die Menschen in der Stadt wieder enger zusammengebracht. „Als Friesacker bin ich richtig stolz darauf, dass wir das hier so gut schaffen mit der Willkommenskultur“, sagt Buddelmann. „In Friesack hat sich etwas Cooles entwickelt und das heißt Kommunikation“, sagt René Buschow. Beide sind sich sicher, dass nur eine frühzeitige und offene Kommunikation Kommunen dabei helfen kann, mit der Flüchtlingsunterbringung umzugehen.

Darum haben sich andernorts auch die Fans des Fußball-Regionalligisten SV Babelsberg 03 verdient gemacht. Sie gründeten das Flüchtlingsteam „Welcome United 03“ – und wurden jetzt dafür vom Magazin „11 Freunde“ mit dem Sonderpreis „Fanaktion der Saison“ ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung am Samstag in Düsseldorf würdigte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock das Engagement des Vereins und seiner Fans und betonte die integrative Wirkung des Fußballs.

„Euer Beispiel zeigt, wie viel Fans und Fanprojekte bewegen können. Fußball ist und bleibt ein Zentrum der Integration in unserer Gesellschaft. Fußball ist ein Teil unserer Willkommenskultur.“ Die Babelsberger stellen den Flüchtlingen aus aller Welt nicht nur einen Fußballplatz zur Verfügung. Der Klub integriert sie auch ins Vereinsleben. In der kommenden Saison soll das Flüchtlings-Team erstmals am regulären Spielbetrieb teilnehmen.

Von Anja Meyer

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