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Brandenburger könnten in Palmyra helfen

Zerstörte Kulturstätte in Syrien Brandenburger könnten in Palmyra helfen

Natürlich können Denkmalschützer und Restauratoren nicht sofort in die antike Oasenstadt Palmyra reisen. Immerhin sollen schon russische Einheiten unterwegs sein, um die Stätte von Minen zu räumen. Doch die Denkmalpflegerin Martina Abri von der Fachhochschule Potsdam plädiert nicht nur für die Rekonstruktion zerstörter Monumente, sie würde sogar selbst helfen.

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Syrischer Soldat nach der Rückeroberung Palmyras Ende März.

Quelle: EPA

Potsdam. Nicht nur Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, plädiert für den Wiederaufbau der in der antiken syrischen Stadt Palmyra vom IS zerstörten Kulturgüter, auch in Brandenburg sitzt kulturwissenschaftliche Kompetenz, die sich sogar selbst auf den Weg machen würde, fragte man sie nur. Jan Kleihues, Professor für Entwurf, Konstruktion und Raum an der Fachhochschule Potsdam (FHP), würde zum Beispiel in Palmyra durchaus eine reizvolle Herausforderung sehen. „Grundsätzliche würde mich ein Projekt dort schon interessieren“, sagt Kleihues. Ganz ohne Erfahrung mit denkmalgerechtem Bauen ist Kleihues auch nicht. Als Mitbegründer des Berliner Architekturbüros „Kleihues und Kleihues“ ist der Architekt zur Zeit am Umbau der Berliner Museumsinsel beteiligt. Kleihues plant dort nicht nur moderne Ergänzungen für den künftigen Besucherverkehr, sondern arbeitet auch mit und an den alten Museumsbauten selbst. Allerdings sei dies nicht zu vergleichen mit den Herausforderungen, denen künftige Rekonstrukteure der vom IS zerstörten Kultbauten begegnen.

Martina Abri ist Professorin für Denkmalpflege an der Fachhochschule Potsdam

Martina Abri ist Professorin für Denkmalpflege an der Fachhochschule Potsdam.

Quelle: Roggemann / Schlosser / FH Potsdam

Eher eine Aufgabe für Restauratoren

„Es ist schon ein Unterschied, ob man an einem denkmalgeschützten Gebäude arbeitet und einige Dinge ergänzt oder ob es um eine wirkliche Rekonstruktion geht.“ Für letztere Aufgabe seien Restauratoren ausgebildet. Aufgaben wie Gestaltung und Formgebung, wesentlich für den Beruf des Architekten, seien in Palmyra eben nicht gefragt. Etwas Anderes wäre es, wenn in Palmyra ein neues Besucherzentrum geplant würde. Hier konnte sein Berliner Büro schon Erfahrungen mit Entwürfen für das Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design in Oslo sammeln. Einer seiner Berliner Mitarbeiter würde laut Jan Kleihues sowieso sofort nach Palmyra gehen. Dieser ist selbst Syrer und würde in der Rekonstruktion der historischen Stätte eine großartige Aufgabe sehen.

Eine spätrömische Perle

Palmyra war eine antike Oasenstadt, die im Gouvernement Homs im Zentrum Syriens liegt. Sie ist der modernen Stadt Tadmur benachbart.

Die Unesco , die das riesige Ensemble 1980 zum Weltkulturerbe erklärte, beschreibt das erhaltene Palmyra als monumentale Ruinen einer Stadt, die eine der wichtigsten kulturellen Zentren der alten Welt war. Die Ruinen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus vereinigen graeco-romanische Einflüsse mit lokalen Traditionen und persischer Baukunst.

Erste Besiedelungen gab es schon in der Jungsteinzeit. Eine wichtige Stadt war Palmyra bereits im Seleukidenreich im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus. Die überkommenen Ruinen jedoch stammen aus der spätrömischen Blütezeit um das erste Jahrhundert nach Christus. Berühmt wurden zum Beispiel der Baaltempel, der Tempel des Baalschamin, die Prachtstraße, die Thermen und das Römische Theater.

Der IS sprengte am 22. August 2015 nicht nur vollständig den Baalschamin, sondern richtete auch durch Sprengungen schwere Schäden beim Baaltempel an. Schon am 27. Juni 2015 hatten die islamistischen Terroristen die berühmte Löwenskulptur aus dem Allat-Tempel zerstört. Nach der Rückeroberung durch die Truppen des Machthabers Baschar al-Assad am 27. März 2016 zeigte sich der syrische Antikendirektor Mamun Abdelkarim zuversichtlich, dass der gesprengte Baal-Tempel, der Tempel von Baalschamin, der Torbogen und die zerstörten Grabtürme binnen fünf Jahren wieder aufgebaut werden könnten. Auch die Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), Friederike Fless, meint, Monumente wie der Torbogen würden „leicht“ zu errichten sein: „Das ist kein Zauberwerk.“

Eine weitere Kandidatin für eine Reise nach Palmyra wäre wohl die Professorin für Denkmalpflege an der FHP, Martina Abri. Sie und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter Sven Wallasch hatten von 2004 bis 2010 im Auftrag des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland in Kooperation mit dem Kultusministerium der Republik Usbekistan das Sanierungs-Konzept für drei Weltkulturerbestätten in Samarkand und Buchara erarbeitet. Zum Beispiel begleitete sie die Sanierung des Innenraums des Grabmals der Shadi-Mulk-Aga in Samarkand mit seinen schillernden, farbigen Keramikoberflächen.

Die Fachhochschule Potsdam hätte das Potenzial zu helfen

„Die Fachhochschule Potsdam hätte schon das Potenzial zu helfen“, räumt die studierte Architektin gegenüber der MAZ ein. Sie denkt zunächst aber weniger an ihren eigenen Lehrstuhl, als an die Steinwerkstatt der Restauratoren. „Das haben nicht sehr viele Hochschulen“, sagt Abri. Trotzdem würde auch sie nicht zögern, in den Nahen Osten zu reisen, sollte es einen Auftrag aus dem Auswärtigen Amt geben. „Natürlich würde ich da mithelfen.“ Dafür habe sie auch persönliche Gründe.

Das zerstörte Kulturgut

Das zerstörte Kulturgut.

Quelle: Valery Sharifulin / TASS

Zusammen mit dem Professor für Denkmalpflege an der RWTH Aachen, Christian Raabe und Studierenden hatte sie 2010 selbst die antike Stätte besucht. „Ich hatte damals nicht gewusst, dass es die letzte Gelegenheit sein würde, das Ensemble vollständig zu sehen“, sagt sie. Palmyra sei fantastisch: „Es ist eine Stadt aus der römischen Spätphase. Man sah die Prozessionsstraße oder die heute zerstörten Grabtürme.“ Dies in seiner Vollständigkeit zu erleben, sei „sehr beeindruckend“. „Eigentlich bin ich gegen Wiederaufbau von Verlorenem“, sagt Abri. Bei Palmyra mache sie eine Ausnahme. „Es ist auch ein Politikum.“ Man dürfe die Taten des IS nicht als endgültig hinnehmen. Deshalb sollten Monumente wie der von diesem gesprengte Baal-Tempel wieder errichtet werden, soweit das möglich sei.

Chancen für eine Rekonstruktion stehen nicht schlecht

„Der erste Schritt wäre zu schauen, welche Fragmente und Spolien sind überhaupt noch da und was ist für immer verloren“, erklärt Abri. Auch müsste man die Unterlagen und Dokumente über die archäologische Stätten zusammentragen. „Dann müsste man die Arbeitsschritte festlegen.“ Die Chancen für eine Rekonstruktion stünden gar nicht so schlecht. Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum kuratierte ihr Kollege Raabe zum Beispiel unter dem Titel „Palmyra – Was bleibt?“ gerade eine Ausstellung mit vierzig Zeichnungen des französischen Künstlers und Architekten Louis-François Cassas (1756 bis 1827), der 1785 vor Ort mit bestechender Exaktheit den Bestand dokumentierte.

Ein Wiederaufbau ist nach Meinung Abris aber nicht von einer Institution alleine zu bewältigen. „Für eines so wertvolle Stätte bräuchte man eine große Fachkollegenschaft“. Abri fällt nicht nur ihr Aachener Kollege Raabe selbst, sondern ein weiterer Brandenburger Professor ein. Der Kunsthistoriker und Archäologe Leo Schmidt lehrt an der BTU Cottbus-Senftenberg Denkmalpflege. Schmidt selbst zögert allerdings: „Ich bin kein Freund von Hau-Ruck-Aktionen“, sagt er der MAZ.

Auch die Zerstörung sollte vor Ort thematisiert werden

Erst einmal müssten die Beschädigung selbst verarbeitet werden, „auch emotional und intellektuell“. Dann müsse die Denkmalpflege Formen finden, diese Geschichte auch vor Ort zu thematisieren: „Die Zerstörung ist ja ein keineswegs banales und unwichtiges Ereignis“, sagt Schmidt. Es gehöre zum Selbstverständnis der Denkmalpflege, dass Spuren wichtiger Ereignisse ablesbar bleiben sollten, „nicht zuletzt auch Spuren von absichtsvoller Zerstörung“. Dass Schmidt, wenn es darauf ankäme, durchaus das Potenzial für Hilfeleistungen hätte, macht er freilich auch deutlich: Als Klassischer Archäologe habe er mehrere Kampagnen zum Beispiel in Pergamon und Milet mitgemacht, „wo Rekonstruktionen natürlich immer auch ein wichtiges Thema waren“.

Von Rüdiger Braun

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