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Brandenburg Schreibschrift oder Druckschrift?
Brandenburg Schreibschrift oder Druckschrift?
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11:52 19.01.2015
Den meisten Schülern macht die Schreibschrift Spaß. Quelle: Patrick Pleul
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Potsdam

Von Finnland lernen, hieß zumindest früher siegen lernen. Märkische Delegationen waren nach dem Pisa-Schock 2001 nach Skandinavien gereist, um beim europäischen Bildungsprimus zu spicken. Doch nun geht Brandenburg einen anderen Weg als das Schul-Vorzeigeland. Ab 2016 lernen finnische Erstklässler nur noch eine einfache Druckschrift und üben gleichzeitig das Tippen auf der Computertastatur. In einigen Bundesländern gibt es ähnliche Überlegungen. Lehrer und Experten in Brandenburg hingegen wollen der schwungvollen, mit Schnörkeln versehenen Schreibschrift mit treu bleiben.

„Natürlich wird an unseren Schulen weiterhin Schreibschrift gelernt“, schreibt Bildungsminister Günter Baaske (SPD) in – schwer zu lesender – Handschrift für die MAZ auf ein Blatt. Auch wenn Finnland gerade im Bildungsbereich oft vorbildlich sei, in diesem Fall wolle Brandenburg nicht folgen. Das Vorgehen in der Mark habe sich bewährt, so Baaske. Die Schreibschrift werde in der Mark erst eingeführt, wenn die Schüler die meisten Buchstaben kennen, die Druckschrift sicher lesen können und ihre feinmotorischen Fertigkeiten entsprechend weit entwickelt sind.

„Die Schreibschrift ist auch eine Motorikschulung“, erklärt Denise Sommer, Leiterin der Grundschule Glienick (Teltow-Fläming) und Landesvorsitzende des Grundschulverbands. Zudem, erklärt die Deutschlehrerin, mache den meisten Kindern „das schöne Schreiben“ Spaß. Sie seien stolz, wenn sie den Füller benutzen und das Geschriebene anschließend noch verzieren dürften. Auch Tastenschreiben müssten Schüler in der modernen Welt zwar lernen, aber das bedeute nicht, dass die gute alte Handschrift aus den Klassenzimmern verbannt werden sollte.

„Ständig alles vereinfachen zu wollen, ist der falsche Ansatz“, findet auch Gordon Hoffman, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Das Erlernen der Schreibschrift fördere nicht nur die motorische Entwicklung, sondern sei auch „eine wichtige Kulturtechnik“. Laut einer Umfrage der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzendenkonferenz von 2014 sind 81 Prozent der Deutschen für den Schreibschriftunterricht. Im sozialen Netzwerk Facebook hat sich sogar eine Gemeinschaft „Rettet die Schreibschrift!“ gegründet.

Die Bundesländer schreiben Unterschiedliches vor

  • In Deutschland werden verschiedene Schreibschriften gelehrt: die Schulausgangsschrift (SAS) und die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA).
  • Die Schulausgangsschrift ist eine verbundene Schreibschrift, die 1968 vom Ministerium für Volksbildung der DDR als Erstschrift eingeführt wurde.
  • Die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) wurde aus der 1953 eingeführten Lateinischen Ausgangsschrift (LA) entwickelt und umstrukturiert. Sie wurde 1969 entwickelt und seit 1972 erprobt. Die Schreibweise der Buchstaben wurde vereinfacht, die Formen sind Druckbuchstaben angenähert.
  • In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen können die Schulen wählen, welche Schrift sie den Kindern beibringen.
  • In Sachsen, Sachsen-Anhalt und dem Saarland etwa ist die Schulausgangsschrift die verbindliche Erstschreibeschrift.
  • Hamburg geht einen anderen Weg: Dort müssen die Kinder keine Schreibschrift mehr lernen. Die Schulen können entscheiden, ob sie Abc-Schützen nur noch die sogenannte Grundschrift beibringen wollen.
  • Die Grundschrift wurde vom Grundschulverband entwickelt und ist eine Spezialform der Druckschrift, die das Erlernen von zwei Schriften in den Klassen 1 und 2 überflüssig macht, heißt es beim Verband. Auch einige Brandenburger Schulen testen diese Schrift.

„Die Einübung von Handschrift in der Grundschule darf nicht zur Disposition gestellt werden“, warnt auch der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. „Ich halte gar nichts davon, das Schreiben per Hand durch das Tippen auf der Tastatur zu ersetzen“, sagt er. Es sei durch Erkenntnisse der Hirnforschung erwiesen, dass handschriftliche Darlegungen das Lernen der Kinder befördern.

Agi Schründer-Lenzen, Professorin für Grundschulpädagogik- und -didaktik an der Universität Potsdam, findet hingegen für beide Seiten Argumente. Für die Druckschrift spreche, dass sie motorisch sehr viel leichter zu erlernen sei als eine Schreibschrift. Zudem könne man Unterrichtszeit sparen, denn gegenwärtig lernen Kinder wie beschrieben zunächst die Druck- und dann die Schreibschrift. In einer digitalisierten Welt sei die Handschrift zudem nicht mehr so wichtig, erklärt die Grundschul-Expertin: „Für das Ausfüllen von Formularen reicht auch die Druckschrift.“

Aber: „Schreibschrift wird als Ausdruck der Persönlichkeit gesehen“, sagt Schründer-Lenzen. Die Kinder übten sorgfältiges Arbeiten, Ausdauer und Rechtschreibung. „Immer mehr Kinder kommen heute in die Schule und haben nur geringe Mal- und Bastelerfahrung, da sie viel Zeit vor dem Fernseher oder Spielkonsolen verbringen.“ Sollte man deshalb also die Schreibschrift abschaffen, um den Kindern das Leben zu erleichtern? Oder sollte man sie gerade deshalb beibehalten, um Defizite auszugleichen? „Beides lässt sich gut begründen“, sagt Schründer-Lenzen. Ihr Fazit: „Schreibschrift schreiben schadet niemandem. Man braucht sie aber auch nicht unbedingt.“

Von Marion Kaufmann

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