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Brandenburgs Schulküche wird orientalischer

Alltag mit Migranten Brandenburgs Schulküche wird orientalischer

Bei der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Brandenburg ist man sicher: Die zunehmende Migration wird auch die Speisepläne an den Schulen verändern. Sogar Kochkurse für Caterer werden schon angeboten. Die kontern jedoch, denn das Angebot sei inzwischen schon vielfältig genug.

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Schulen stellen sich auf kulinarische Gewohnheiten Flüchtlingskindern ein.

Quelle: dpa-tmn

Potsdam. Süßkartoffelragout mit Erdnusssoße geht. Auch Chipotle-Hühnchen mit Schokolade auf Wurzelgemüse kommt, obwohl eigentlich ein mexikanisches Gericht, bei Migranten aus Nahost sehr gut an, sagt die Köchin Lena Mauer vom Potsdamer Café Midi. Lena Mauer weiß, wovon sie spricht. Schon seit einem halben Jahr beliefert ihre im Potsdamer „Treffpunkt Freizeit“ angesiedelte Küche ein Flüchtlingsheim in der Heinrich-Mann-Allee. Zudem versorgt das Café Midi Flüchtlinge, die im Treffpunkt Deutschkurse belegen. Bis zu 60 Portionen sind es am Tag. Das Café nimmt dafür nur einen Unkostenbeitrag entgegen.

Kürzlich hat Lena Mauer mit den beiden genannten Rezepten Schul-Caterern gezeigt, wie die Versorger die Speisepläne an Schulen der zunehmenden Migration anpassen könnten. „Kochen für Kinder anderer Kulturen“, hieß der Kurs, den die Vernetzungsstelle Schulverpflegung Brandenburg als Fortbildung angeboten hat. „Natürlich kochen wir ohne Schweinefleisch“, sagt Mauer. Aber auch ganz unabhängig von Speisevorschriften, meint Mauer, werde sich durch die Zuwanderer vor allem geschmacklich einiges ändern.

Einwanderer schätzen Currys und Reisgerichte

„Die klassische Kombination von Fleisch, Beilage und Gemüse kommt bei Migranten nicht gut an“, sagt sie. Diese schätzten eher Ragouts, Currys und Reisgerichte. „Im Orient gibt es unendlich viele Kombinationen von Reis und Gemüse“, sagt Mauer. Als Zutaten sieht sie künftig mehr Granatäpfel, Limetten, Trockenfrüchte und Hülsenfrüchte. Auch von der Würze her müsse man umdenken, will heißen: mehr Kreuzkümmel, Kurkuma und Ingwer. Dinge, die nach ihrer Erfahrung aber auch angestammte deutsche Kinder „gar nicht ungern“ essen.

Statt Nudeln mit Tomatensoße könnte es bald auch Bulgur oder Falafel auf den Tellern geben

Statt Nudeln mit Tomatensoße könnte es bald auch Bulgur oder Falafel auf den Tellern geben.

Quelle: dpa-Zentralbild

„Ich denke schon, dass sich die Speisepläne an den Schulen verändern werden“, sagt auch die Projektleiterin der Vernetzungsstelle, Maren Daenzer-Wiedmer. Statt der üblichen Kartoffeln und Nudeln könnten zum Beispiel jetzt öfter Couscous und das in der Türkei beliebte Weizengericht Bulgur auf die Teller kommen. Im Gegensatz zur Multikultimetropole Berlin würden solche Gerichte in Brandenburg bisher wenig nachgefragt. Andererseits erwartet Daenzer-Wiedmer auch nicht gerade einen Kulturschock: „Kinder sind ja auch im Alltag internationaler Küche ausgesetzt und fragen Essen wie Döner oder Asiaküche nach.“

Fleischverzicht als Gottesdienst

Schweinefleisch ist im Islam generell verboten, erläutert der Islamwissenschaftler an der Universität Potsdam, Kadir Sancı. Auch in anderer Nahrung dürfe aber nichts von Schweinen verwendet werden. „Somit ist auch Gelatine im Essen und in Säften nicht erlaubt.“

Erklärungsversuche, woher das Schweinefleischverbot kommt und warum es gilt, werden von Islamgelehrten als untheologisch abgelehnt: „Wenn im Koran der Grund nicht explizit erwähnt wird, geht man davon aus, dass gottesdienstliche Gründe vorliegen“, sagt Sanci. Der Grund für das Schweinefleischverbot könnte sein: „Es ist ein Gottesdienst kein Schweinefleisch zu essen.“

Der Koran verbiete den Verzehr dieses Fleisches unmissverständlich. „Auch wenn es das beste und gesündeste Fleisch wäre, würden Muslime es nicht essen. Das ist einer der Wege, die Frömmigkeit, die Treue und Liebe zu Gott zu zeigen.“

Daenzer-Wiedmer schließt nicht einmal aus, dass es in Brandenburg sogar irgendwann Schulen geben könnte, die Schweinefleisch ganz von ihrem Speiseplan streichen. Irritationen bei Außenstehenden befürchtet sie deswegen nicht. „Das sollte die Entscheidung jeder Schule sein.“ Schulen hätten ja auch unterschiedliche pädagogische Konzepte. Genauso verhalte es sich mit den Speiseplänen, für die sich eine Schule entscheide.

„Kommunikation ist das A und O“, rät Daenzer-Wiedmer auch um Konflikte zu vermeiden. Elternvertreter, Schulträger und Caterer müssten sich viel öfter in Gremien zusammensetzen und über die gewünschte Verpflegung der Kinder sprechen. Das geschehe bislang viel zu wenig. Nur bei sieben Prozent der brandenburgischen Schulträger gebe es so etwas wie eine „Essenkommission“ oder einen „Arbeitskreis Schulverpflegung“. Das wäre dann bei 21 Schulträgern von insgesamt rund 300 in Brandenburg der Fall. Daenzer-Wiedmer hätte solche Gremien am liebsten bei allen Schulträgern.

80 verschiedene Essensformen bei Caterer

Ralf Blauert, Chef des seit 1994 in Potsdam ansässigen Caterers „Blauart“, findet extra Kochkurse für Schulversorger überflüssig. „Wir bieten inzwischen 80 verschiedene Essensformen an“, sagt er. Von schweinefleischfrei über glutenfrei bis hin zu vegetarisch sei in seiner breiten Palette schon ehedem alles vorhanden. Seit etwa sechs Jahren nimmt Blauert diesen Trend zur Individualisierung des Essens wahr, dem seine Firma nachkomme. „Im Jahr 2000 haben wir uns noch darüber unterhalten, ob wir auch Vegetarier berücksichtigen müssen.“

Kulinarische Veränderungen durch Migranten an märkischen Schulen sieht Blauert bisher nicht. An der Potsdamer Grundschule „Max Dortu“ gäbe es zum Beispiel inzwischen einige Kinder von Geflüchteten, die Nachfrage bei der Schulverpflegung dort habe sich aber nicht verändert. „Die Flüchtlingskinder wollen ja oft genauso essen wie ihre Mitschüler“, sagt Blauert. Lediglich wenn die Eltern sehr religiös seien, mache sich das bemerkbar. Auf die Bestellungen der Schulen bei ihm wirke sich aber die Ablehnung von Schweinefleisch nicht aus.

Die Max-Dortu-Grundschule bestätigt das. „Wir haben unsere Menü-Auswahl nicht auf Flüchtlinge ausgerichtet“, sagt Sekretärin Nadine Groß. Das Essensangebot sei so breit, dass jedes Kind fündig werde – auch die sieben Kinder Geflüchteter. „Wir haben auch ein Salatbüffet, falls man kein Fleisch mögen sollte“, sagt Groß. Dass sich die Bestelllisten der Schule bei ihrem Caterer ändern könnten, sei „nicht in Sicht“.

Von Rüdiger Braun

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