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Brandenburg „Die Patienten sind immer noch stigmatisiert“
Brandenburg „Die Patienten sind immer noch stigmatisiert“
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07:52 30.06.2018
Der Potsdamer Anästhesist Knud Gastmeier verschreibt Cannabis Quelle: Ulrich Wangemann
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Potsdam

Seit anderthalb Jahren können Schwerkranke Cannabis auf Rezept erhalten. Der Potsdamer Anästhesist und Schmerztherapeut Knud Gastmeier – geboren 1955 in Rostock und seit 1982 in Potsdam – hat schon vor der Gesetzesänderung diese Medizin eingesetzt – und fand sich vor Gericht wieder.

Haben Sie Cannabis selbst ausprobiert, Herr Gastmeier?

Gastmeier: Nein, ich habe auch kein Verlangen. Ich bin Nicht-Raucher. Einige Kollegen haben es gemacht. Aber ich verschreibe ja auch seit Jahren Opiate und habe die nicht ausprobiert.

Wie viele Ärzte in Brandenburg bieten Cannabis-Therapie an?

In Brandenburg dürfte es gut ein Dutzend sein. Nennenswert beschäftigen sich nur ganz wenige damit, öffentlich wahrnehmbar fast keiner.

Warum so wenige?

Getrocknete Cannabisblüten. Quelle: dpa

Mangelnde Erfahrung mit dieser Therapieform und ein rechtliches Risiko sind dafür verantwortlich. Ich selbst hatte das Pech, in den 1990er-Jahren eine Regressforderung einer Krankenkasse über 150.000 D-Mark zu erhalten – für die Behandlung eines Zungenkrebs-Patienten, der sich unter Cannabis-Medikation wieder erholt hatte. Die Kasse wollte die Wirkung nicht mehr anerkennen, nachdem der Patient überlebt hatte und die Therapie teuer wurde. 13 Jahre habe ich mich vor Gericht gewehrt, am Ende mit Erfolg. Was man auch nicht vergessen darf: Die Patienten sind immer noch stigmatisiert. Cannabis war noch bis vor einem Jahr illegal. Dieser Nimbus wird mitgeschleppt.

Es heißt, die Hälfte der Anträge für eine Cannabisbehandlung werde von den Kassen abgelehnt.

49 Prozent der Anträge, die meine Praxis stellt, werden genehmigt, der Rest sind Absagen. Manche Anträge werden aus formalen Gründen abgelehnt – zum Beispiel, weil ich Textbausteine verwende. Das ist absurd. Krankenkassen verwenden selbst Textbausteine. Bei den Kassen gilt wohl der alte Spruch: Nichts ist billiger als eine Therapie, die nicht bezahlt werden muss. Mit einem Patienten war ich jetzt vor Gericht, um die Wirksamkeit von Cannabis zu bezeugen. Der Richter sagte: Wir hatten schon viele Ärzte als Zeugen, die als Täter den Saal verließen. Die rechtlichen Händel sind ein Grund für viele Ärzte, die Finger von Cannabis-Produkten zu lassen.

Wie begründen die Kassen ihre Ablehnung, die Kosten fürs Cannabis zu übernehmen?

Gewächshaus in Birya, bei Safed, im Norden von Israel. Medizinisches Cannabis wird derzeit noch nach Deutschland importiert, weil die vom Bund vorgesehene Cannabis-Agentur nicht liefern kann. Quelle: EPA

Gerade habe ich eine Ablehnung erhalten, weil die Kasse findet, der Patient sei noch nicht austherapiert. Er hat starke Hüftschmerzen, bekommt aber kein Cannabis verschrieben, weil es laut Krankenkasse noch eine Option gibt: eine Hüftoperation. Die Cannabis-Tropfen würden 15 bis 20 Euro pro Tag kosten. Wenn man Kosten, Risiko und Nutzen der Medikamente gegen die des Eingriffs abwägt, bietet Cannabis das niedrigste Risiko. Die derzeitige Studienlage bestätigt, dass Cannabis als Medizin nur sehr geringe Nebenwirkungen und Risiken hat. Unter diesem Aspekt ist es im Vergleich zu den oft geforderten Therapiealternativen ethisch nicht vertretbar, erst Opiate und Operationen vor dem Cannabiseinsatz zu fordern. Eine Kasse lehnt sogar bei zehn Prozent bei Palliativpatienten, die auf dem Sterbebett liegen, Cannabis ab. Das sind Patienten, die nicht mehr in Widerspruch gehen können.

Was steckt Ihrer Auffassung nach hinter der hohen Ablehnungsquote?

Es gib eine ideologisch begründete Ablehnung. Es war immer verboten! Oder es sind Leute, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, vielleicht haben sie Freunde verloren durch Cannabis-Missbrauch. Was mich besonders ärgert: Wenn zum Beispiel die Generationen der Trümmerfrauen, die alles aufgebaut hat nach dem Krieg und heute von einer dürftigen Rente lebt, das Medikament oft nicht genehmigt bekommt. In meiner Praxis sind häufig ältere Patienten mit chronischen Schmerzen betroffen, die viele infrage kommende Schmerzmittel nicht vertragen und deshalb schon lange nicht mehr verschrieben bekommen haben. Diese müssen dann laut Kassenforderungen alle nachweislich noch einmal versucht werden. Hätten diese Patienten eine auskömmliche Rente, könnten sie sich Cannabis auf einem Privatrezept problemlos verordnen lassen. Der Zugang zum Cannabisarzneimittel offenbart ganz klar die Zwei-Klassen-Medizin – nur wer es sich selbst leisten kann, erhält die Therapie problemlos.

Kann medizinisches Cannabis abhängig machen?

Ein Joint – doch der Eigenanbau bleibt in Deutschland verboten. Quelle: dpa-Zentralbild

Es gibt bis jetzt keinen Nachweis, dass Cannabis, das als Medikament verordnet wird, abhängig macht. Die Dosen sind zu gering und die Abgabe wird kontrolliert. Cannabis per se kann aber süchtig machen. Das steht jedoch in keinem Verhältnis zu dem Risiko, von Opiaten süchtig zu werden, deren Einsatz wird aber vorab gesetzlich gefordert!

Wie sind die Nebenwirkungen?

Schwindel, High-Gefühl und Benommenheit. Sie verschwinden schnell wieder, wenn man das Medikament reduziert oder absetzt.

Bei welchen Leiden setzen Sie Cannabisprodukte ein?

Primär bin ich Schmerztherapeut, bis 2017 waren Tumorschmerzen vorherrschend. Es kamen Krebspatienten, die wegen der Chemotherapie Schluckstörungen hatten, keinen Appetit mehr hatten, abmagerten. Solche Patienten verlieren die Aversion gegen das Essen unter Cannabis. Sie können sich wieder an den Frühstückstisch setzen, ohne dass ihnen schlecht wird. Sie essen zwar nicht sofort los, aber der Lebensgewinn auch für die Familien ist da. Irgendwann nehmen diese Patienten doch mal einen Bissen und nehmen ein bisschen zu. Der große Vorteil bei Cannabis-Medikamenten ist, dass sie viele Wirkungen gleichzeitig haben. Sie wirken gegen Schmerzen, entspannen die Muskeln, die Stimmung hellt sich auf, Krämpfe lösen sich. Erfahrungen an anderen Orten zeigen zum Beispiel auch: Patienten mit Tourette-Syndrom, also einer zwanghaften Neigung zum Fluchen, können sich plötzlich wieder beherrschen. Sie machen Schulabschlüsse auch dank Cannabis.

Wie kommen Sie an Cannabisblüten heran?

Über Apotheken. Ich schreibe ein Rezept. Das Problem ist: Sie sind nicht immer lieferbar. Ständig gibt es Lücken in der Versorgung. Das macht es schwierig. Der Aufbau eines kontrollierten Anbaus in Deutschland, wie er laut Gesetz bis 2019 erfolgen sollte, ist gestoppt, weil vier Unternehmen gegen ihren Ausschluss aus dem Vergabeverfahren geklagt haben. Dabei ist Hanf eine Pflanze, die früher überall wuchs. Denken Sie an Lehrer Lämpels Knasterpfeife bei Wilhelm Busch – Knaster ist Hanf, allerdings mit niedrigem THC-Gehalt. Das war ein billiger Tabakersatz.

Plädieren Sie dafür, den Leuten Eigenanbau zu gestatten?

Nein, aber es müsste garantiert sein, dass genügend Blüten in vernünftiger Qualität vorhanden sind. Was jetzt passiert ist: Die Apotheken haben die Preise einfach verdoppelt. Es ist ein Milliardengeschäft auf dem Rücken der Patienten.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand zum ersten Mal bei Ihnen ein Cannabispräparat bekommt: Behalten Sie den in der Praxis, um ihn im Blick zu haben?

Cannabis wird aus Blüten der Hanf-Pflanze gewonnen. Quelle: dpa

Neue Patienten erhalten gering dosierte Medikamente – als Tropfen, Mundspray oder Tablette. Blüten sind nichts für Anfänger. Nur ein Drittel der Therapie läuft mittlerweile über Blüten. Sie werden bei zuvor illegaler erfolgreicher Selbstmedikation fortgeführt. Der Blüteneinsatz war vor der Gesetzesänderung verboten – außer man hatte eine Ausnahmegenehmigung, es in der Apotheke zu kaufen. Oral aufgenommen wirkt Cannabis nach circa 30 bis 60 Minuten und hält dann etwa acht Stunden an. Das ist das Problem an Keksen – wer viele davon isst, nimmt eine hohe Dosis zu sich, merkt aber erstmal nichts.

Bekommen Ihre Patienten eine Bescheinigung von Ihnen, falls sie in eine Verkehrskontrolle der Polizei geraten?

Sie haben ihre Rezept und eine Einnahmeverordnung mit Stempel dabei. Es gibt auch Opiatausweise und bestimmte Formulare für den Schengen-Raum. Für manche Patienten ist die Aussicht auf ein Rezept auch eine Motivation, überhaupt einmal wieder einen Arzt aufzusuchen. Bei Polizeikontrollen fällt man dann nicht in die Kategorie Drogenfahrt, sondern sie gelten als Fahrer unter Therapie. Das ist aber kein Freibrief, bei Verkehrsdelikten oder Auffälligkeiten gelten aber natürlich die gesetzlichen Bestimmungen

Von Ulrich Wangemann

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