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Bricht Silvio S. heute sein Schweigen?

Prozess um Kindsmord Bricht Silvio S. heute sein Schweigen?

Am Montag wird vor dem Potsdamer Landgericht der Prozess gegen Silvio S. (33) fortgesetzt. Mit Spannung wird erwartet, ob der Angeklagte sein Schweigen bricht und etwas zu den Morden an Elias (6) und Mohamed (4) sagt, die ihm vorgeworfen werden. Das Verhalten von S. hat viele Prozessbeobachter erstaunt.

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 Silvio S. versteckt sein Gesicht während des Prozesses hinter einem Aktendeckel.
 

Quelle: dpa

Potsdam.  Alle Augen werden am Montag wieder auf Silvio S. ruhen, dem Angeklagten im Prozess zu den Morden an Mohamed (4) und Elias (6). Der 33-Jährige hatte durch seine Anwälte am ersten Verhandlungstag zwar ausrichten lassen, er werde zunächst schweigen. Doch deuteten seine Verteidiger auch an: Das muss nicht so bleiben. Der Druck auf den Mann aus Kaltenborn (Teltow-Fläming) hat sich zudem erhöht, seit der Vorsitzende der ersten Strafkammer, Theodor Horstkötter, in einer für einen Richter ungewöhnlich emotionalen Einmischung den Angeklagten aufforderte zu reden. Dies, so Horstkötter, sei Silvio S. den Familien der Toten schuldig. Sie hätten ein Anrecht darauf zu wissen, wie ihre Kinder gestorben sind.

 – Die MAZ berichtet vom zweiten Prozess im Livticker

Wird Silvio S. am Montag also Angaben machen? Es gibt Anzeichen dafür. Doch emotional zusammengebrochen ist der Angeklagte bisher nicht in dem Prozess. Sein Verhalten hat viele Prozessbeobachtet vielmehr erstaunt, es ist völlig untypisch für einen Mann in seiner Situation.

Die Prozess-Beteiligten

Verteidiger von Silvio S.: Mathias Noll und Uwe Springborn – Aus Pflichtgefühl

Staatsanwalt: Peter Petersen – Spezialist für harte Fälle

Nebenklage für Elias: Franziska C. Neumann – Ihre Kanzlei vertrat Axel Hilpert

Nebenklage für Mohamed: Andreas Schulz und Khubaib-Ali Mohammed – Opferanwälte wirken auch im NSU-Prozess

Da ist die Sache mit dem Blickkontakt. Silvio S., dem die schlimmsten Verbrechen der vergangenen Jahre in Berlin und Brandenburg vorgeworfen werden, schaut den Müttern der Opfer immer ruhig ins Gesicht. Kaum einmal blinzelt er. Sein Gesichtsausdruck lässt sich am ehesten mit dem Wort „interessiert“ beschreiben. Angeklagte in Kapitalverbrechen verhalten sich in den meisten Fällen völlig anders. Sie starren auf den Tisch, an die Decke, auf ihre Hände, nur um der optischen Konfrontation mit den Hinterbliebenen aus dem Weg zu gehen. Dabei spielt die räumliche Situation im Verhandlungssaal eine bedeutende Rolle. Die Atmosphäre ist extrem dicht und intensiv, die Stille verstärkt die Anspannung. Viele Zeugen – insbesondere die Mutter von Elias - sprechen sehr leise, der Richter auch. Die eingeschalteten Tischmikrofone verstärken das Gesagte kaum. Nur sechs, sieben Meter Luftlinie trennen den mutmaßlichen Mörder von den Müttern.

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Am 8.Juli 2015 war der kleine Elias aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz plötzlich verschwunden. Was folgte, war eine lange und aufwendige Suche der Polizei und freiwilliger Helfer. Doch von dem Jungen fehlte jede Spur. Als im Oktober der Flüchtlingsjunge Mohammed aus Berlin als vermisst gemeldet wurde, geriet Silvio S. als mutmaßlicher Entführer ins Visier der Ermittler. Dann der Schock: Er soll auch Elias entführt haben.

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Wie geht Silvio S. damit um? Am ersten Prozesstag macht er einen erstaunlich gelassen Eindruck, manchmal wirkt es fast, als lächele der Mann mit der zierlichen Brille. Man hat ihm die Handschellen abgenommen. Schmal, abgemagert, rasiert und frisiert – die Haare werden am Ansatz grau - wirkt der ehemalige Wachschützer auf verstörende Weise harmlos. Man fragt sich, wie dieser Hänfling Nacht für Nacht für eine Teltower Objektschutz-Firma auf Beton- und Kieswerke in der Region aufpassen konnte. Aber da gibt es ja die Bilder aus den Überwachungskameras, die ihn überführten. Sie zeigen einen feisten, verwahrlosten Mann mit längeren Haaren und Schlabberpulli. Jetzt, im Gerichtssaal, ist ihm der Kapuzenpulli zu groß. „College Team“ steht drauf – dabei hat der Angeklagte nie eine Uni besucht.

Er hält den Blickkontakt aus mit der Mutter Mohameds, die aufgebracht ist, ihn aus schwarz umränderten Augen fixiert, eine schmale Person, würdevoll, wütend. Den roten Mantel knöpft sie in einer Schutzgeste zu, als der Angeklagte in den Saal geführt wird. Elias‘ Mutter schaut nicht hinüber zum mutmaßlichen Peiniger ihres Kindes. Der hat die Hände ineinander gelegt, eine Haltung, die er auch nicht variiert, als der Lebensgefährte von Elias‘ Mutter Zeugnis ablegt, das Kind als „auf Zack“, aber etwas hyperaktiv, bezeichnet, vom gemeinsamen Leben in der Ein-, später Vierzimmerwohnung im Potsdamer Brennpunktortsteil Schlaatz berichtet. „Erst war Elias zurückhaltend, später war ich der Papa“, sagt der Lebensgefährte. Silvio S. bleibt äußerlich ungerührt, zwinkert kaum – anders als viele Angeklagte, die nervös oder verlegen mit den Lidern zucken.

Die Wende kommt völlig unerwartet. Eine Therapeutin, die mit Elias manchmal in der Schule zu tun hatte, sagt aus, spricht vom häufig vergessenen Sportbeutel und davon, wie originalgetreu der Junge seine Katze imitieren konnte. Ein „sehr feiner Mensch“, aber auch ein „Wildfang“ sei Elias gewesen. „Ich glaube nicht, dass man ihn einfach so einsteckt – man müsste ihn schon ködern“, fährt die Therapeutin, eine Frau Mitte 50 in rosa Jeans und weißen Turnschuhen fort. In der Gegenwartsform spricht sie, als sei der Junge noch am Leben. Plötzlich hat Silvio S. ein Papiertaschentuch in der Hand, wischt sich die Augenwinkel trocken, knetet seine Handknöchel. Nicht die Mütter haben ihn gerührt, es ist diese ältere Frau, die ein professionelles Verhältnis zu dem Kind hatte.

Frauen, so geht aus den Ermittlungsakten hervor, hat Silvio S. nie gehabt. In Vernehmungen sagt er, Frauen kosteten immer nur Geld. Ins Bordell sei er nicht gegangen, weil es ihm zu teuer gewesen sei. Internetpornos habe er misstraut, weil er Kostenfallen befürchtete. Die Fahnder fanden auch heraus: Als Silvio S. in der Schule Aufklärungsunterricht hatte, sei er weinend aus dem Klassenraum gestürmt.

Im Obergeschoss des elterlichen Hauses wohnte Silvio S., der eine Schwester hat, zuletzt. Dort soll er auch Mohamed missbraucht und getötet haben – laut Polizeiverhör aus Angst, die Eltern im Erdgeschoss könnten den Jungen schreien hören. Seine Mutter auch war es, die ihn mit dem Fahndungsbild in der MAZ am Frühstückstisch konfrontierte. Dem „Spiegel“ zufolge fragte sie den Sohn: „Wie kommst du dahin?“ Er habe geschwiegen, redete ohnehin selten, so die Mutter. Sie war es auch, die ihn anwies, Sachen einzupacken, weil sie mit ihm zur Polizei führe. Silvio S. tat, wie ihm geheißen.

Ermittler beschreiben Silvio S. als ziemlich schlicht

Die Mutter – früher Schäferin wie Silvio S.‘ Vater – berichtet von Hänseleien in der Schule, von schlechten Noten, die dem Traum ihres Sohnes von einer Kfz-Mechaniker-Lehre in die Quere kamen, von einem abgebrochene Ausflüge in die Gastronomie im Schwarzwald und an der Nordsee. Als Fliesenleger schließlich bleibt er unstet, findet keine Anstellung. Er sei zu langsam gewesen, habe dem Druck nicht standgehalten, berichtet die Mutter. Als „ziemlich schlicht“ beschreiben Ermittler den Untersuchungshäftling. Den Wachschutz-Job, zu dem er sich vor neun Jahren umschulden ließ, macht Silvio S. schließlich gern. Nachts und allein – da ist er ungestört. „Er hat es nicht so mit Leuten“, sagte Mutter Astrid S. dem Spiegel.

Im Gefängnis wird Silvio S. streng bewacht – er gilt als suizidgefährdet

Ermittler berichten, das Geständnis habe Silvio S. im Polizeigewahrsam abgelegt, „weil er sich etwas von der Seele reden wollte“. Er hätte das Recht gehabt zu schweigen. Fahnder sagen auch: Der Beschuldigte gab viel mehr preis, als Polizei und Staatsanwaltschaft je hätten ermitteln können. Im Gefängnis in Brandenburg/Havel bewohnt Silvio S. eine ganze Abteilung für sich, wird streng überwacht, weil er als selbstmordgefährdet gilt. Wird er sich an den kommenden Prozesstagen noch einmal eine Last von der Seele reden?

In einer Prozesspause unterhalten zwei Juristen, die das Verfahren beobachten. Lange haben sie dem Mann mit dem Überbiss und dem zarten Kinn ins Antlitz gesehen. Einer, ein erfahrener Richter, sagt: „Das Gesicht des Bösen – das gibt es nicht.“

Von Ulrich Wangemann

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