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Brandenburg Zoll erklärt Handwerker-Autos zu Pkw
Brandenburg Zoll erklärt Handwerker-Autos zu Pkw
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18:21 12.03.2019
Malermeister Wolfgang Rösner aus Potsdam mit seinem VW-Transporter Quelle: Ulrich Wangemann
Potsdam

Seit 17 Jahren fährt Malermeister Wolfgang Rösner aus Potsdam Farbeimer, Leitern, Rüstungen und Putz in einem weißen VW-Transporter durch die Gegend. Es ist einer dieser unverwüstlichen 2,4-Liter Turbodiesel. „Den Wagen würde ich nie gegen eine Wechselprämie abgeben“, sagt der 65-Jährige. Ein paar hunderttausend Kilometer hat der Bulli auf dem Tacho, aber Praktiker schätzen das Modell sehr: dickes Blech, langlebige Motoren, kein technischer Schnickschnack.

Die Kfz-Steuer hat sich mehr als verdoppelt

Neuerdings ist die Beziehung zwischen dem Meister und seinem Vehikel jedoch gestört: Das Hauptzollamt Frankfurt (Oder) hat die Kraftfahrzeugsteuer Ende 2018 von 160 auf 401 Euro jährlich heraufgesetzt. Begründung: Das Fahrzeug diene überwiegend der Beförderung von Personen und sei daher wie ein Pkw zu besteuern. Der Grund: die zweite Sitzreihe – drei einzeln verschraubte Sitze.

Der VW-Firmenwagen von Malermeister Wolfgang Rösner aus Potsdam. Quelle: Ulrich Wangemann

„Ich fühle mich tot verarscht“, sagt der Handwerker, der seit 45 Jahren berufstätig und seit 1994 selbstständig ist. Die Plätze brauche ein Betrieb, der Fassaden saniert, sagt Rösner. „Die zweite Sitzreihe habe ich extra einbauen lassen, damit ich Kollegen mit zur Baustelle nehmen kann. Sollen alle in ihren eigenen Autos fahren? Die finden doch gar keine Parkplätze!“

Steueroffensive soll Pick-Ups treffen

Malermeister Rösners Transporter ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten häufen sich laut Handwerkskammer Potsdam die Fälle. „Seit Ende 2018 werden von den Zollbehörden die von den Zulassungsbehörden automatisiert gemeldeten Daten über die Anzahl der Sitzplätze (…) genutzt und auf dieser Basis Neueinstufungen vorgenommen“, heißt es in einer Stellungnahme der Kammer. Die neu festgesetzten Steuern seien oft „mehrere hundert Euro“ höher als die alten Sätze. Eigentliches Ziel der Aktion sei es, die oft privat genutzten Pick-Ups höher zu belasten – vor allem aus ökologischen Gründen. Doch treffe dies immer mehr Handwerker.

Handwerkskammer empfiehlt Widerspruch

Zulassungsrechtlich seien die betroffenen Fahrzeuge zwar als „Lkw“ eingetragen, doch das sei nicht mehr entscheidend, legt die Kammer dar. Der Zoll achtet auf folgende Kriterien: Anzahl der Sitze, Anteil der Bodenfläche des Laderaums im Vergleich zu der im Personenraum, äußeres Erscheinungsbild (zum Beispiel Rundumverglasung) und Höchstgeschwindigkeit. Ein Lkw könne wie ein Pkw besteuert werden, „wenn die Prägung des Fahrzeugs durch Personenbeförderung überwiegt“.

Die Handwerkskammer Potsdam ruft betroffene Mitgliedsunternehmen auf, Widerspruch einzulegen. Wie viele Autos betroffen sind, ist nicht bekannt.

Vermessungstermin beim Zoll

Meister Rösner hat sofort protestiert – und wurde vom Zoll zu einem Vermessungstermin bestellt. Ergebnis: 51,52 Prozent der Wagenfläche entfallen auf den Sitzbereich, 48,48 Prozent sind Ladefläche. „Die der Personenbeförderung dienende Bodenfläche überwiegt damit deutlich gegenüber der Ladefläche“, schreibt der Zoll. Rösner müsse zahlen.

„Die waren sehr akkurat, haben mit Bandmaß und Waage die Entfernung vom nicht durchgetretenen Gaspedal bis zur Rückenlehne der hinteren Sitze vermessen“, erzählt Rösner. Leider hätten die peniblen Zöllner die Hauptsache übersehen: „Ich habe das Fahrzeug vor 17 Jahren für die Firma gekauft, nicht fürs Vergnügen.“

Aufregung in den Bulli-Foren

Doch das ist der Behörde egal. In dem Schreiben, mit dem der Zoll Rösners Einspruch abweist, heißt es in bestem Bürokratendeutsch: „Die Einordnung des Fahrzeugs hängt nicht vom Willen des Fahrzeughalters und dem tatsächlichen Gebrauch ab, sondern ist nach objektiven Gesichtspunkten zu beurteilen.“

Nach Entfernung des dritten, mittleren Sitzes hinten ist der Wagen wieder ein Transporter Quelle: Ulrich Wangemann

Die Steueroffensive des Zolls sorgt bundesweit für Unruhe unter Transporterbesitzern. In Bulli-Foren tauschen sich VW-Bus-Fahrer über Post vom Hauptzollamt aus. Einer berichtet, dass sein Doppelkabinen-Bus (VW-Freaks kürzen das liebevoll „Doka“ ab) plötzlich statt 148 Euro jährlich 676 Euro kosten soll. Ein anderer berichtet, die Zollbeamten hätten einen eingebauten Tresor nicht als Teil der Ladefläche anerkannt. Die Sache ist aus der Sicht vieler Nutzer besonders ärgerlich, weil sie die Fahrzeuge ab Werk ausdrücklich als Klein-Lastkraftwagen gekauft hatten.

Handwerker und Transporter: eine enge Beziehung

Die Beziehung von Handwerkern zu ihren Transportern ist besonders eng. Sie sind für viele Stunden am Tag Lebensraum, im Auto wird gearbeitet, gegessen, manch einer hat schon die Nacht auf der Pritsche verbracht, wenn es auf der Baustelle eng wurde. Transporter sind rollende Werkstätten. Muss sich ein Meister von seinem verdienten Lasttier trennen, schwingt Wehmut mit – als müsse ein Gaul zum Abdecker.

„Haben wir keine größeren Probleme?“

So hat Meister Rösner im Angesicht drohenden Ärgers sich ins Unvermeidliche gefügt und einen der hinteren Sitze heraus geschraubt. Die Gewinde im Bodenblech musste er zuschweißen lassen – nun nimmt die Ladefläche wieder etwas mehr als die Hälfte des Wagenbodens ein. Etwa 20 Stunden hat Meister Rösner mittlerweile mit „diesen Faxen“ verbracht, wie er es nennt. Er hat den Wagen ausmessen lassen, fuhr zum Schweißen, hat sich das Schweißergebnis bei der Dekra per Gutachten bestätigen lassen und sich mit Hilfe dieses Gutachtens bei der Zulassungsstelle einen Sitz aus den Wagenpapieren austragen lassen.

Einen neuen Steuerbescheid hat Rösner noch nicht erhalten. Wird die Forderung nicht nach unten korrigiert, will er klagen. Der Fall hat ihn nachdenklich gemacht: „Haben wir in diesem Land keine größeren Probleme?“

Von Ulrich Wangemann

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