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CDU und Linke feiern, SPD ist schockiert

Mit Feiler und Petzold, aber ohne Krüger-Leißner CDU und Linke feiern, SPD ist schockiert

Was für eine Enttäuschung: Anke Krüger-Leißner muss sich nach 15 Jahren von ihrem Bundestagsmandat verabschieden. Sie verlor ihr Direktmandat und auch über die Landesliste hat es nicht funktioniert. Die CDU trimphierte dagegen auch im Wahlkreis 58. Harald Petzold (Linke) kann sich ebenfalls freuen. Eine "öffentliche Demütigung" erlebte dagegen der FDP-Kandidat.

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Quelle: Enrico Kugler

Havelland/Oberhavel. Dass seine ganzen Auftritte und Plakate nichts genützt haben, muss Georg Neubauer spätestens dann klar gewesen sein, als er am Sonntagabend das Ergebnis aus einem Heimatdorf Seeburg in der Hand hielt. Seeburg, das Dorf der Extreme, die FDP-Hochburg schlechthin, wo die Liberalen 2009 noch fast 22 Prozent holten, selbst dieses Seeburg hatte sich von der FDP abgewandt und CDU gewählt. 3,9 Prozent für FDP-Mann Neubauer, 50 Prozent für CDU-Mann Uwe Feiler hieß es am Ende im strukturkonservativen Dallgower Ortsteil. Ein Fanal ‒ aber auch ein Fingerzeig für die Ergebnisse im Rest des Wahlkreises58 (Oberhavel-HavellandII).

Denn am Ende der langen Wahlnacht fügten sich die Zahlen aus den Wahllokalen in allen osthavelländischen Gemeinden zum gleichen Bild. CDU-Kandidat Uwe Feiler hatte Stimme um Stimme eingeheimst, sein Ergebnis lag überall mindestens zehn Prozent über den Zahlen von 2009, in Schönwalde holten die Christdemokraten nie da gewesene 39,8 Prozent, in Dallgow sogar 41,2. Selbst Nauen, bislang fest in sozialdemokratischer Hand, wählte CDU und Feiler. Insgesamt holte Feiler fast 20000 Stimmen mehr als vor vier Jahren und hängte seine SPD-Kontrahentin Angelika Krüger-Leißner um rund 16500 Stimmen ab. Entsprechend erfreut zeigte sich der havelländische CDU-Chef Dieter Dombrowski, der von einem "überwältigenden Ergebnis" spricht. "Wir haben deutlich gemacht, dass Brandenburg keiner Partei gehört. Nicht der CDU, aber auch nicht der SPD", so Dombrowski.

Von der Deutlichkeit wurde am Wahlabend auch die SPD überrascht, allerdings böse. Angelika Krüger-Leißner hat nach 15 Jahren ihr Bundestagsmandat verloren. Auch über die Landesliste war sie nicht ausreichend abgesichert. Damit dürfte die bundespolitische Karriere der 62-Jährigen beendet sein. Es herrschte Begräbnisstimmung bei den Sozialdemokraten. Krüger-Leißner ließ gestern Nachmittag nur ein kurzes Statement verlauten, in dem sie ihren Wählern dankte und Uwe Feiler und Harald Petzold viel Erfolg im Bundestag wünschte. Telefonisch war sie nicht zu erreichen.

Die SPD verliert durch diese Niederlage grundlegende Strukturen im Osthavelland. Sie hat dort künftig weder einen Landtags- noch einen Bundestagsabgeordenten. Das gab es noch nie. Das Büro von Angelika Krüger-Leißner wird geschlossen, Mitarbeiter verlieren ihre Jobs, die Partei Einfluss. Da tröstet es wenig, dass außer Frank-Walter Steinmeier (Wahlkreis 60, Westhavelland) kein einziger SPD-Kandidat im Osten ein Direktmandat errungen hat. "Das Ergebnis ist schlecht, Angelika Krüger-Leißner hat klar verloren, der Bundestrend ist voll durchgeschlagen", sagt der havelländische Unterbezirkschef Martin Gorholt. In den Ortsvereinen werde die Situation zu besprechen sein ‒ auch im Hinblick auf die Landtagswahl 2014, der Gorholt mit etwas Sorge entgegenblickt: "Jede Wahl hat ihre eigenen Gesetze, es ist weiter alles offen. Aber uns muss klar sein, dass sich die SPD auch im Land nicht sicher sein kann."

Verloren hat auch die Linke. In den Gemeinden im Osthavelland büßte sie überall fünf bis sieben Prozent ein. In Nauen und im Amt Friesack ist sie nicht mehr zweitstärkste Kraft, und Harald Petzold erzielte im Wahlkreis 58 ‒ erwartungsgemäß ‒ das schlechteste Ergebnis aller Linke-Direktkandidaten im Land. Erstmals fiel die Linkspartei in Oberhavel/Havelland II unter 20 Prozent. Trotzdem kann die Partei zufrieden sein, denn sie stellt im Havelland jetzt so viele Bundestagsabgeordnete wie nie zuvor. Für das Westhavelland bleibt Diana Golze im Bundestag, für den Wahlkreis 56, zu dem das Amt Friesack gehört, zieht Kirsten Tackmann erneut über die Landesliste ein, und im Osthavelland hat es im dritten Anlauf erstmals für Harald Petzold geklappt. Der 51-Jährige rutschte über den Listenplatz 4 als einer von fünf Linken-Politikern aus Brandenburg in den Bundestag. "Ich bin sehr erleichtert und gleichzeitig aufgeregt, ob ich die vielen Erwartungen an mich erfüllen kann", sagte er gestern. Er freue sich darauf, jetzt "in viel ernsthafterer politischer Verantwortung" zu stehen.

Grünen-Kandidatin Maria Heider freute sich immerhin über das zweitbeste Grünen-Ergebnis im Land, ein Achtungserfolg, der freilich weder über das katastrophale Abschneiden im Bund noch über herbe landesweite Verluste hinwegtäuschen kann. Die Grünen landeten im Wahlkreis 58 bei 5,7 Prozent. Das ist zwar zum Teil mehr als doppelt so viel wie die FDP, die NPD und die Piraten holten. Überflügelt wurden die Grünen aber aus dem Stand von einer neuen Kraft, mit der in dieser Form kaum jemand gerechnet hatte: der Alternative für Deutschland (AfD). In Falkensee wurde die AfD von 1844 Menschen gewählt und erhielt 7,5 Prozent ‒ und das ohne einen Direktkandidaten, ohne Wahlkampfreden, ohne Infostände. In Schönwalde-Glien erzielte die AfD sogar 8,5 Prozent: ihr stärkstes Ergebnis im Wahlkreis.

Die rechtsextreme NPD hielt dagegen ihr Niveau der letzten Bundestagswahl. Sie landete bei 2,4 Prozent, es gab kaum Ausschläge nach oben. Der größte: Im Nauener Ortsteil Bergerdamm, wo 176 Einwohner an die Urnen traten, erhielt der Direktkandidat der NPD 8,4 Prozent.

Ob sich FDP-Mann Georg Neubauer auch künftig auf dem bundespolitischen Feld bewegt, ist noch offen. Der frühere Bundesvorsitzende der Jungliberalen kündigte an, seine politische Zukunft zu überdenken. Zwar hatte er den Einzug Uwe Feilers als Wahlziel ausgerufen, er wollte selbst aber auch mindestens sechs Prozent holen. Am Ende langte es nur zu 1,5 ‒ "eine öffentliche Demütigung", wie Neubauer sagt. "Es ist schon ätzend, wenn man antritt, um die goldene Ananas zu gewinnen, und nicht mal die kriegt."

Von Oliver Fischer, Klaus D. Grote und Frauke Herweg

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