Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Strategische Fehler und neue Optionen

Analyse: Der Wahlkreis 60 nach der Bundestagswahl Strategische Fehler und neue Optionen

Als wäre nichts passiert, haben die Parteien im Wahlkreis 60 die Bundestagswahl abgehakt. Vermutlich aus Scham und schlechtem Gewissen. Bei SPD und Linken sucht man Kritik und Selbstkritik vergeblich.

Voriger Artikel
Andrea Voßhoff beendet Bundestagskarriere
Nächster Artikel
Alle Fakten zum Wahlkreis 60

Brandenburg/h.. Nirgendwo findet sich auf den Internetseiten der Havelstadt-Parteien eine Analyse der dramatischen Ereignisse vom 22. September. Die CDU freut sich im Internet an ihrer Kreisvorsitzenden und Jean Schaffer. Kein Wort von Andrea Voßhoff, der knapp gescheiterten CDU-Kandidatin. Die Havelstädter SPD erklärt in einem banalen Text, dass sie sich für ihren Sieger Frank-Walter Steinmeier freut. Und die Havelstädter Linke hat ganz vergessen, dass Wahl war.

Es müsse doch mit dem Teufel zugehen, wenn er den Wahlkreis nicht gewinne, hatte Frank-Walter Steinmeier kurz nach seinem letzten Wahlkampfauftritt und Stunden vor der Wahl gesagt. Schließlich war er monatelang durch die Republik gezogen und hatte außerdem wie kein anderer Kandidat seinen Wahlkreis in Brandenburg, Rathenow Belzig und Jüterbog beackert.

Von Tür zu Tür zog Steinmeier (das wird sein Glück gewesen sein). Auch mit Unterstützung seines Wahlkreis-Teams, eines erheblichen Materialeinsatzes und einiger Politprominenz (Helmut Schmidt, Matthias Platzeck, Dietmar Woidke). Die Partei vor Ort, insbesondere in Brandenburg, hielt sich mit Unterstützung zurück. Sie machte den strategischen Fehler zu glauben, Steinmeiers Wahl sei ein Selbstläufer. Dazu kam Steinmeiers Fehleinschätzung, dass die Linke Diana Golze seine ernsteste Konkurrentin sei.

Golze, die im Wahlkampf kaum zu sehen war, wurde abgestraft: Immerhin 4,7 Prozent verlor sie (23,8 Prozent) gegenüber 2009, uneinholbar hinter Steinmeier (33,1) und Voßhoff (32,8).

Überhaupt ‒ Andrea Voßhoff. Die Rathenowerin ist die Verliererin dieser Bundestagswahl im Wahlkreis 60. Sie hatte das Pech, gegen Steinmeier und damit gegen einen der beliebtesten Politiker antreten zu müssen.

Während rund um sie herum ausnahmslos alle Wahlkreise in Ostdeutschland an zum Teil gänzlich unbekannte CDU-Kandidaten fielen, hatte sie um 341 Stimmen das Nachsehen. Gleichwohl hat sie auch gewonnen. Die CDU hat im Wahlkreis 60 zehn Prozent zugelegt und verbucht 34 Prozent. Die SPD verliert 1,4 Prozent und schwimmt bei 26,2 Prozent und die Linke büßt ganze 5,7 Prozent auf 22,9 Prozent ein. Dass Voßhoff ‒ die in Berlin nach drei Wahlperioden einen viel besseren Ruf genießt, als man das vor Ort merkt ‒ extrem verbittert ist, ist logisch. In solchen Fällen sind dann immer die Medien Schuld. Aber geschenkt! Sie war eine Handbreit von der Sensation entfernt, da sitzt der Stachel tief. Und irgendjemand muss schließlich die Schuld tragen.

"Was hätte das werden können, wenn sie Wahlkampf gemacht hätte", spotteten ihre CDU-Parteifreunde noch am Wahlabend wenig mitfühlend. Tatsächlich hatte Andrea Voßhoff erst spät begonnen, sich in Szene zu setzen. Die Konsequenz: Sie ist raus! Frank-Walter Steinmeier hingegen drin, Diana Golze dank der Zweitstimmen-Liste auch. Die Lehre aus der Wahl ist klar: Brandenburg ist nicht mehr nur rot. Die CDU kann auch in der "kleinen DDR" Mehrheiten holen. Schon an den Wahlständen haben die Linken gemerkt, dass die Zustimmung schwindet. Mal sehen, welche Konsequenz die SPD daraus zieht, die jetzt mit neuem Ministerpräsidenten und neuen Machtoptionen in den Landtagswahlkampf zieht.

Von Benno Rougk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wahlkreis 60
7ae67416-8bf4-11e7-ab0a-739c9d08abae
Die Direktkandidaten im Wahlkreis 60

Bundestagswahl 2017: Die Direktkandidaten aus dem Wahlkreis 60 (Brandenburg an der Havel – Potsdam-Mittelmark I – Havelland III – Teltow-Fläming I)