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Comic-Ausstellung mit Neuruppiner Bilderbogen

Ausstellung Comic-Ausstellung mit Neuruppiner Bilderbogen

Ob Fake News oder nicht, man war froh, dass man etwas erfahren hat. Neuruppiner Verlage waren Mitte des 19. Jahrhunderts führende Medienhäuser, die zum Beispiel bebilderte Nachrichten von der 48er-Revolution in Paris lieferten. Der Neuruppiner Bilderbogen ist Teil der Ausstellung „Die Gier nach neuen Bildern“, die derzeit im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wird.

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Der Oehmigke & Riemschneider-Verlag zeigte die Erstürmung der Tuillerien 1848 in Paris.

Quelle: DHM

Berlin. Bewohner paddeln an ihren Häusern vorbei. Dinge, die sonst im Boden verankert sind, gleiten über die Wasseroberfläche. Für die Betroffenen grausam, für die Beobachter, nun ja, sehenswert.

Die Gier nach solchen Bildern ist nicht neu. Auf einem 1879 erschienenen Bilderbogen des Neuruppiner Verlags Oehmigke & Riemschneider versinkt eine Stadt in stürmischen Fluten. Sieben Szenen zeigen, wie die Natur die Bewohner niederringt. Häuser fallen in sich zusammen, Menschen reißen die Arme in die Luft, sie versuchen sich vorm Ertrinken zu retten. Auf Deutsch, Ungarisch und Slowakisch steht, worum es geht: „Das große Ueberschwemmungs-Unglück in Szegedin am 12. März 1879“.

Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip

Die Ausstellung „Gier nach neuen Bildern. Flugblatt,Bilderbogen, Comicstrip“ ist im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2 in Berlin, noch bis zum 8. April 2018 zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Am Mittwoch, 15. November, ab 18 Uhr findet eine kostenfreie Kuratorenführung statt.

Anlässlich des 120. Jahrestages der Erstveröffentlichung der illustrierten Lausbubengeschichten „The Katzenjammer Kids“ im New York Journal gibt es am Dienstag, 12. Dezember, ab 15 Uhr eine Sonderführung.

Ebenfalls empfehlenswert ist das Museum Neuruppin, in dem die Geschichte und Vielfalt der Neuruppiner Bilderbogenproduktion dargestellt werden. Weitere Informationen: www.museum-neuruppin.de

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin setzt sich mit der Bildsprache in den vergangenen rund 500 Jahren auseinander. Zu sehen sind Karikaturen, Propaganda-Plakate, Kinder-Comics, aber eben auch Bilder, die Nachrichten transportieren. Neuruppin galt insbesondere im 19. Jahrhundert als wichtiger Medienstandort, auch wenn das damals noch keiner so nannte. Die Verlage produzierten mehr als 20 000 verschiedene Bilderbogen in einer Millionenauflage, darunter auch Heiligenbilder und Motive zum Basteln und Spielen. „Was ist der Ruhm der Times gegen die zivilisatorische Aufgabe des Ruppiner Bilderbogens?“, schrieb Theodor Fontane.

Medienzentrum Neuruppin

„Neuruppin wurde zum Zentrum durch die Lithografie und den Ausbau des Eisenbahnnetzes“, sagt die Kuratorin Leonore Koschnick. Die Verbindung nach Stettin spielte eine entscheidende Rolle. Von dort transportierten Schiffe die Ware nach Russland, Skandinavien, Großbritannien und in die Niederlande. Die lithographische Drucktechnik ermöglichte bis zu sechsstellige Auflagen desselben Bilderbogens. Frauen, Kinder und Gefangene kolorierten die Blätter. Die Konkurrenz zwischen den beiden großen Verlagen prägte das Geschäft.

„Huldigungen und Hinrichtungen“ – das seien vor allem für den Verleger Gustav Kühn die Themen der Zeit gewesen. Er hatte sich an der Königlich Preußischen Akademie der Künste ausbilden lassen. Die Darstellungen von gefeierten Herrschern und marschierenden Massen strotzen vor Majestätstreue. Es wirkt, als stand die gesamte Bevölkerung allseits jubelbereit und Gewehr bei Fuß. Ein Schelm, der an US-Präsident Donald Trump und die vermeintlich best besuchte Inauguration aller Zeiten denkt. Merke: Bilder manipulieren nicht nur das Auge, auch Herz und Hirn sind betroffen.

Die Ausstellung zeigt 180 Werke

Oehmigke & Riemschneider hatten es nicht so mit den Huldigungen. Ihre Bilderbogen zeigen Revolutionäre auf den Barrikaden. So zum Beispiel 1848 die Erstürmung der Tuilerien in Paris. Fackeln brennen, Fahnen wehen, die Opfer des Straßenkampfes liegen tot auf dem Boden. Wer das Ereignis googelt, erhält den Neuruppiner Bilderbogen als ersten Treffer. Dabei waren die Zeichner meist nicht vor Ort, sie stützten sich auf überlieferte Fakten und ihr Allgemeinwissen, beispielsweise zur jeweiligen Architektur. Sie skizzierten Kriegsbilder auf Vorrat und fügten später nur Details hinzu. Von „Fake News“ war keine Rede, die zahlreichen Analphabeten waren froh, überhaupt etwas zu erfahren.

Die Neuruppiner Bilderbogen machen nur einen Teil der 180 Werke umfassenden Ausstellung aus. Faszinierend ist, wie schmal der Grat zwischen Karikatur und Hetze verlaufen kann. Die Mohammed-Darstellungen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo sind harmlose Veräppelungen verglichen mit den Flugblättern Martin Luthers, die den Papst am Galgen und mit herausgeschnittener Zunge zeigen. Auch nicht ohne ist das Bild, das den preußischen König Wilhelm I. als Menschenfresser zeigt.

Die Vorläufer des Boulevards

Eine weitere Erkenntnis: Boulevardberichte sind alles andere als modern, bereits im 16. Jahrhundert skizzierten die Augsburger Briefmaler in drastischen Szenen und mit entsprechenden Überschriften missgebildete Menschen und Tiere und einen „erschröcklichen“ Mord. Mag sein, dass die Sensationsgier zu unserer DNA gehört.

Von Maurice Wojach

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