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Cottbus kämpft um seinen Ruf

Nach Gewalt und Polit-Demos Cottbus kämpft um seinen Ruf

Die Einwohner von Cottbus sehen mit Sorge, wie ihre Stadt erneut als Krawall- und Rechten-Hochburg stigmatisiert wird. Viele finden das ungerecht – und wollen sich den Mund nicht verbieten lassen. Ein Besuch in der Lausitz-Stadt.

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Streife in Cottbuser Innenstadt..

Quelle: Fotos: Julian Stähle

Cottbus. Lars Dannenberg hat sich eine belegte Stulle und einen Kaffee geholt im Café „Heimat und Herz“ in der Cottbuser Innenstadt. Viel ist er unterwegs in der Welt, in Israel, Bulgarien. Jetzt findet er die Zeit, einen alten Kumpel zu treffen. Was er über seine Stadt liest und hört in den vergangenen Wochen, das macht ihn doch sprachlos: „Man meint glatt, die Nazis würden wie 1933 mit wehenden Fahnen durch die Stadt reiten“, sagt der Selbstständige. Beim Gedanken an die Heimat geht ihm ein Stich durchs Herz.

Vielen Cottbusern geht das so: Wieder steht die Lausitz-Stadt bundesweit in der rechten Ecke, wird ihr altes Stigma nicht los. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) hat sich eine Atempause für die Stadt gewünscht nach gewalttätigen Übergriffen von Asylbewerbern und auf ein Heim, nach einer großen zuwanderungsfeindlichen Demonstration und den entsprechenden Schlagzeilen bundesweit. Die Atempause bekommt Cottbus nicht: Alle Kameras sind heute auf eine Pro-Toleranz-Demo im Zentrum gerichtet. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat Cottbuser Bürger ins Schloss Bellevue gebeten.

Sven Krüger ist Galerist und Kunstsammler – er findet, die Politik reagiert zu spät

Sven Krüger ist Galerist und Kunstsammler – er findet, die Politik reagiert zu spät.

Quelle: Julian Stähle

„Erst wenn die Rechten auf die Straße gehen, kommt die Politik in die Gänge“, das sei beschämend, sagt Galerist und Buchhändler Sven Krüger (55), der die Sorgen um Cottbus mit seinem Freund Dannenberg teilt. Der Mann mit der Intellektuellenbrille und dem dunklen Schal ist seit den 90ern in der Kulturszene der Stadt aktiv – ein liberaler Mann. Krüger ist genervt, dass kritische Stimmen aus der Stadt schnell „in die rechte Ecke gerückt werden.“

Die Anti-Zuwanderungs-Demo hat er sich angesehen Anfang Februar. „Ein Hexenkessel war das“, sagt der 55-Jährige. Sehr unangenehm. Natürlich seien bekannte Rechtsradikale darunter gewesen. „Aber etliche Leute waren keine Nazis, sie haben zum Teil berechtigte Forderungen gehabt“, sagt Krüger. Die Volksparteien hätten ihre Arbeit nicht getan, sie hätten „den Leuten auf der Straße nicht zugehört.“ Schon vor einem Jahr habe die Stadt große Probleme beim Umgang mit Asylbewerbern gehabt und das Land um Hilfe gebeten.

Der syrische Flüchtling Karim Al-Katib sagt, nach den Vorfällen seien weniger Deutsche ins Restaurant gekommen

Der syrische Flüchtling Karim Al-Katib sagt, nach den Vorfällen seien weniger Deutsche ins Restaurant gekommen.

Quelle: Julian Stähle

Die Menschen fragten sich auch zu Recht, warum es einen Notstand in der Alten- und Krankenpflege gebe, während Tausende junger Asylbewerber zur Untätigkeit verdammt seien, so Krüger. Seine Stadt dürfe nicht auf ihre rechte Szene reduziert werden, fordert Krüger. „Wir haben ein Staatstheater, eines der größten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands, im Sommer an allen Ecken und Enden Feste, Drachenbootrennen, eine Universität, ein großes Klinikum und Herzzentrum, kaum ein Haus im Stadtkern ist noch unsaniert – das Positive an der Stadt überwiegt!“

Ein paar Hundert Meter weiter, auf dem von Ziergiebel-Häusern aus dem 17. Jahrhundert umrahmten Altmarkt, geht Andrea Weinsheimer mit ihrem zwei Jahre alten Sohn in der Dämmerung spazieren. Nie habe sie sich unsicher gefühlt bislang, sagt die 37 Jahre alte Erzieherin, die 2014 aus Berlin nach Cottbus zog ist. Im Freundeskreis jedoch sei die Stimmung anders. Tatsächlich dächten einige darüber nach, sich Pfefferspray zu besorgen. „Es sind prozentual einfach viele Asylbewerber gemessen an der Einwohnerzahl“, sagt Weinsheimer. Der vom Land verfügte Zuzugsstopp gehe daher in Ordnung. Es sei auch zu beobachten, wie sich in den bereits seit Jahren vorhandenen sozialen Brennpunkten wie Sachsendorf mit Ankunft der Asylbewerber neue Abkapselungen bildeten, sagt Weinsheimer: „Ein Ghetto im Ghetto“ sei entstanden.

Straßenbahn am Blechen-Carré, wo Gewalttaten stattfanden

Straßenbahn am Blechen-Carré, wo Gewalttaten stattfanden.

Quelle: Julian Stähle

2370 Syrer kamen allein in den Jahren 2015 bis 2017 nach Cottbus. Der Ausländeranteil insgesamt stieg auf 8,5 Prozent.

Eine DIN-A4-Kopie mit dem Schriftzug „I Love Cottbus“ hängt im Fenster des arabischen Imbissrestaurants „Luna“ nahe dem Einkaufszentrum Blechen Carré, dem Schauplatz der spektakulärsten Gewalttaten. Liebeserklärung oder Sicherheitsmaßnahme? Das „Luna“, Treffpunkt der syrischen Zuwanderer, hat jedenfalls nach den Vorkommnissen und den Demonstrationen kurzfristig einen Rückgang der Gästezahlen verkraften müssen. Vor allem die Deutschen seien für einige Tage weggeblieben, sagt Karim Al-Khatif, ein schmaler Brillenträger, Anfang 20, der an der Kasse des Lokals in schöner arabischer Handschrift von rechts nach links Bestellungen in einen karierten Ringblock einträgt. Karim floh aus Damaskus, als er mit 18 Jahren zum Militärdienst eingezogen werden sollte. Der junge Sunnit hätte im Krieg wahrscheinlich auf Glaubensbrüder schießen müssen. Fünf Stunden dauerte die Überfahrt mit dem Schlauchboot.

„Durch die Scheibe sehe ich manchmal Cottbuser, die Angst haben“

„Durch die Scheibe sehe ich manchmal Cottbuser, die Angst zu haben scheinen“, berichtet Karim. Vorsichtshalber hat der Ladeninhaber eine weitere Kopie hinter die Scheibe geklebt: „I love Energie Cottbus“.

Rund 75 Prozent der Gäste im Luna sind laut Auskunft des Betreibers Asylbewerber, meist syrische Kriegsflüchtlinge. Der Imbiss ist fast immer voll, einen Shawarma-Teller (Hühnchen) gibt es schon für sechs Euro.

Unter den Gästen sitzt Ebrahim Al-Ebrahim aus dem stark zerstörten Aleppo vor einem Teller geschabten Huhns mit Hummus. „Ich habe die Kommentare auf der Facebook-Seite Cottbus aktuell gelesen – die Leute haben Angst, ihre Kinder allein zur Schule gehen zu lassen“, sagt der 21-Jährige, der an einem studienvorbereitenden Programm teilnimmt und sonst in einer Burger-Bar jobbt. Ebrahim will Tourismus studieren und sein Land wieder aufbauen, wenn „unser Krieg vorbei ist“, wie er sagt. „Wir hassen es, den Deutschen Probleme zu machen und entschuldigen uns für die Jugendlichen“, sagt der junge Mann mit der imposanten, pechschwarzen Gel-Tolle. Und er verspricht: „Wir versuchen, das Problem zu lösen.“

Ob er selbst neuerdings Angst habe in der Stadt, allein, nachts? „Nein“, sagt Ebrahim. „Ich bin ein Mann“

Von Ulrich Wangemann

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