Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Das Morden dauerte drei Tage
Brandenburg Das Morden dauerte drei Tage
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:28 26.04.2018
In einer Kiesgrube bei Staakow wurden 1971 die sterblichen Überreste von 571 Jamlitzer Häftlingen gefunden. Quelle: Foto: Archiv Lausitzer Rundschau / Erich Schutt
Potsdam

Als Kinder im Jahr 1957 beim Spielen in einer Kiesgrube zwei Kilometer von Jamlitz bei Lieberose (Dahme-Spreewald) entfernt die Knochen von zwölf Menschen fanden, kam eines der grausamsten Einzelverbrechen der deutschen Geschichte zutage. Die Ermordung von 1342 zumeist jüdischen KZ-Häftlingen Anfang Fe­bruar 1945. Kurz vor Eintreffen der Roten Armee schossen die SS-Leute im KZ-Außenlager Lieberose mit Maschinengewehren in die Menge der geschwächten, marschunfähigen Menschen – meist Juden aus Ungarn und Polen. Ausgräber fanden in den 1990er-Jahren Patronen und Schnapsflaschen im Erdreich. Die Wachmannschaften hatten den Massenmord begossen, nehmen Historiker an. Das Morden dauerte drei Tage.

Einer der schrecklichsten Tatorte Deutschlands

Lieberose gehört zu den schrecklichsten Orten des organisierten Mordes an Juden im Deutschen Reich – doch diese Erinnerung ist in der Öffentlichkeit wenig präsent. Deshalb gibt es nun am Tatort einen Gedenkplatz – dort, wo die Unterkünfte für die geschwächten Häftlinge standen. Die SS nannte die Behausungen, in denen Kranke, Verletzte, Alte und Sterbende sich selbst überlassen wurden, in einer zynischen Wortschöpfung „Schonungsblocks“.

Am Montag ist der vom Berliner Architekten Martin Bennis gestaltete Gedenkort der Öffentlichkeit übergeben worden.

Ein Schild der Dokumentationsstätte des ehemaligen KZ-Außenlagers Lieberose steht im brandenburgischen Jamlitz (Dahme-Spreewald) unmittelbar hinter einem Grundstück, auf dem die sterblichen Überreste von 753 jüdischen Frauen und Männern vermutet wurden – Grabungen blieben vor Jahren erfolglos. Quelle: dpa-Zentralbild

Am nachempfundenen Grundriss einer Baracke befinden sich Stelen mit Zitaten von Augenzeugen und Tätern. Der Gedenkort ist als Endpunkt einer Abfolge von Ausstellungsstegen geplant. Ein zweiter Bauabschnitt soll den konkreten Tatort an die bereits bestehende Open-Air-Ausstellung anschließen. Sie erinnert an die insgesamt 6000 bis 10 000 Toten in dem SS-Lager, das organisatorisch zum KZ Sachsenhausen gehörte. Die meisten Insassen starben infolge von Entkräftung durch schwerste körperliche Arbeit – Forscher sprechen von „Vernichtung durch Arbeit“. Wer nicht mehr konnte, wurde in einen direkten Zug nach Auschwitz gesetzt.

Milde Strafe für SS-Kommandeur

Lagerkommandeur Wilhelm Kersten wurde 1954 in Lübeck zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. 1965 endete ein neuer Prozess gegen den SS-Hauptscharführer mit einem Freispruch. 1970 wurde wieder gegen den Befehlshaber des Massenmordes ermittelt – Kersten starb, während die Nachforschungen zu seiner Rolle in dem Massaker liefen.

SS-Rottenführer Erich Schemel, dem in einem Verfahren 30 Tötungen nachgewiesen wurden, erhielt 1965 zunächst fünf Jahre Haft, kam nach einem Revisionsverfahren aber frei. Schemel hatte den Befehl erhalten, fliehende und zusammenbrechende Häftlinge zu erschießen.

Die Erweiterung der Ausstellung hat auch einen hohen symbolischen Wert. Die Jamlitzer Gedenkstätte ist in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von vermutlich politisch motiviertem Vandalismus geworden. Vor zwei Jahren wurden zwei Glastafeln der bestehenden Open-Air-Ausstellung zerstört, kurz darauf vernichtete ein Sprengkörper eine Glasstele. 2018 detonierte wiederum Pyrotechnik an einer Tafel, die an die Nutzung des Areals durch die sowjetische Besatzungsmacht erinnert – in dem Speziallager des russischen Militärgeheimdienstes saßen nach Kriegsende etwa 10 000 Häftlinge ein. Rund ein Drittel kam ums Leben. In den Vandalismus-Fällen von 2016 legte ein 76-jähriger Tatverdächtiger ein Geständnis ab.

„1944 Arbeitslager Jamlitz“ – Gedenkstein in Jamlitz. Der Findling wurde auf Befehl der SS im Jahre 1944 von einem ungarischen jüdischen Häftling behauen. Am Lagereingang des KZ Außenlagers Lieberose in Jamlitz aufgestellt, mussten die Häftlinge beim Vorbeigehen ihre Mützen abnehmen. Quelle: J. Rzadkowski

„Wir machen deutlich, dass solche Attacken keinen Erfolg haben werden: Dieser Erinnerungsort bleibt und wird gestärkt“, sagt Ulrike Gutheil, Staatssekretärin im Potsdamer Kulturministerium. Der Gedenkort habe eine „herausgehobene Bedeutung in der Erinnerungskultur des Landes.“ Martin Herche, Generalsuperintendent für den Sprengel Görlitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, ergänzte: „Das Gedenken an die Opfer unmenschlicher Gewaltherrschaft ist in unserer Zeit, in der Demokratie und Toleranz von manchen infrage gestellt werden und es neue antisemitische Tendenzen in Deutschland und Europa gibt, wichtiger denn je.“ Die Kirche trägt die Gedenkstätte.

In Jamlitz befand sich ein KZ-Außenlager und später ein sowjetisches Speziallager. Quelle: K.D. Grote

Künftig will sich die Stiftung Brandenburger Gedenkstätten, der unter anderem die früheren Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück (beide in Oberhavel) unterstehen, verstärkt um Jamlitz kümmern. Derzeit laufen Kooperationsgespräche mit Landeskirche und dem Zentralrat der Juden über eine Übernahme.

Hunderte Tote des Massakers sind noch nicht gefunden

Es gibt noch viel zu tun, zu forschen. So ist bislang nur ein Teil der Toten des Februar-Massakers gefunden worden. 577 Körper lagen unter Erdschichten in der besagten Kiesgrube. Da die Mörder aber penibel Buch führte, weiß man: Es sind noch viel mehr Menschen umgebracht worden in den letzten Kriegstagen. „Dass der Ort, an dem mehr als 700 Tote des Massakers verscharrt wurden, bis heute unbekannt ist, bleibt eine schmerzliche Wunde“, sagt Günter Morsch, scheidender Direktor der Gedenkstätten-Stiftung. Grabungen vor einigen Jahren hatten zwar Klarheiten über den genauen Tatort verschafft, die Körper der Toten bleiben aber verschollen.

Von Ulrich Wangemann

Brandenburg Rechtsstreit um Landtags-Nutzung - Untersagte Demo: BER-Kritiker klagen

Es wäre eine Premiere: Fluglärmgegner wollen Mittwoch im Innenhof des Landtags demonstrieren. Weil Brandenburgs Parlamentspräsidentin nicht will, ist jetzt ein Gericht gefragt.

26.04.2018

Eigentlich wollte der promovierte Bibliothekar Jochen Kranert ja schon 1999 in Rente gehen. Genug für das Gedeihen der Stadt- und Landesbibliothek hatte er ja getan. Doch dann rief ihn die Potsdamer Bibliotheksgesellschaft zu Hilfe. Seitdem kümmert sich Kranert engagiert um den Erhalt der Brandenburgica.

23.04.2018

Mindestens 114 Verletzte gab es im Zuge mehrerer Verkehrsunfälle am Wochenende in Brandenburg. Bei einem Unfall in Wollin verstarb ein Autofahrer.

23.04.2018