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Brandenburg „Das ist unterlassene Hilfeleistung“
Brandenburg „Das ist unterlassene Hilfeleistung“
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00:24 01.10.2018
Ab dem kommenden Schuljahr soll die Methode „Lesen durch Schreiben“ in Brandenburg nicht mehr angewandt werden. Quelle: Frank Leonhardt/dpa
Potsdam

Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) verbannt die umstrittene Methode „Lesen durch Schreiben“, auch „Schreiben nach Gehör“ genannt, aus den Klassenzimmern. Guido Nottbusch (47) ist Professor für Grundschulpädagogik und bildet an der Uni Potsdam Lehrer aus. Auch er sieht die Methode kritisch.

Herr Nottbusch, Sie bilden angehende Lehrer aus. Lernen die auch die Methode „Lesen durch Schreiben“?

In meiner Vorlesung „Schriftspracherwerb“ widmen wir uns verschiedenen Methoden. Die Studenten sollen die jeweiligen Stärken und Schwächen kennenlernen. Auch „Lesen durch Schreiben“ ist Thema, aber ich empfehle das nicht.

Warum nicht?

Der Erfinder der Methode, der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen, vertrat die Ansicht, dass Kinder die Lust am Schreiben verlieren, wenn man sie kritisiert und auf Fehler hinweist. Man soll Fehler deshalb über einen längeren Zeitraum nicht korrigieren. Bis zu einem gewissen Grad kann man das machen, aber wenn man Fehler zu lange toleriert, schleifen sie sich ein.

Soll man Kinder also gleich auf jeden Rechtschreibfehler hinweisen?

In der Frühphase müssen sich Kinder mit den Buchstaben vertraut machen, da muss man nicht jeden Fehler sofort "bestrafen". Die Kinder haben ja Lust zu schreiben, so wie es die Erwachsenen machen. Wenn ein Kind in der ersten Klasse selbstständig das Wort „Fata“ bilden kann, ist das ein Erfolg. Aber wenn es noch in der dritten Klasse „Fata“ statt „Vater“ schreibt, ist das ein Problem. Man sollte nicht jeden Fehler sofort sanktionieren, muss aber auch darauf achten, dass sich falsche Schreibweisen auf Dauer nicht einprägen. Wenn man Fehler langfristig nicht verbessert, ist das unterlassene Hilfeleistung.

Lernen Kinder mit der Fibel besser?

Die Fibel-Methode ist erfolgreich. Man fängt mit wenigen Buchstaben an, jede Woche kommt ein neuer dazu. Man erklärt die Buchstaben, bis man das ganze komplexe System kennt. Aber auch das hat durchaus Nachteile. Die Texte in Fibeln für die erste Klasse sind unglaublich langweilig, weil man nur Wörter aus den wenigen Buchstaben nutzen kann. Das ist für Kinder natürlich nicht gerade spannend.

Beim Lesen durch Schreiben arbeiten Kinder mit einer Anlauttabelle. Ist das grundsätzlich verkehrt?

Nein, diese Tabellen werden auch bei anderen Konzepten genutzt. Das ist ein Blatt, auf dem den wichtigsten Buchstaben des Alphabets ein Bild zugeordnet ist. Beim U steht eine Uhr, beim T eine Tasse. So können Kinder ohne fremde Hilfe Laute mit Buchstaben verknüpfen. Die Rechtschreibung hat aber Regeln, die man vermitteln muss. Und es gibt Ausnahmen. Man muss auswendig lernen, ob ein Wort mit dem Buchstaben V für den Laut F oder mit einem Dehnungs-h geschrieben wird.

Sind Kinder, die Dialekt sprechen, mit einer Anlauttabelle nicht im Nachteil? Manche Brandenburger sagt ölf und meinen elf.

Der Brandenburger Dialekt ist noch vergleichsweise nah am Hochdeutschen. Ich sehe darin ein geringeres Problem. Bei Migranten ist das eher ein Problem, wenn Kinder noch wenig Deutsch verstehen. Dann können sie mit der Anlauttabelle nur wenig anfangen. Die Aussprache ist häufig nicht genau genug, um ableiten zu könnten, welcher Buchstabe zu welchem Laut gehört.

Der Vergleichstest IQB hat große Rechtschreibdefizite bei Brandenburgs Schülern offenbart. Kann man so etwas auf eine falsche Methode zurückführen?

Es gibt Studien, die der Frage nachgehen, welchen Anteil am Lernerfolg die zugrundeliegende Methode und welchen Anteil die Lehrkraft hat. Die Methode macht demnach nur etwa 20 Prozent aus. Ob eine Lehrkraft erfolgreich ist, hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab. Das eine ist die Persönlichkeit. Ist sie Kindern zugewandt? Hört sie zu? Das andere ist das Fachwissen. Was weiß die Lehrkraft über das System Rechtschreibung? Kann sie die Regeln vermitteln? Und kann sie aus den Fehlern ablesen, was ein Kind als nächstes lernen sollte?

Welche Methode empfehlen Sie?

Ich versuche, einseitige Empfehlungen zu vermeiden. Die Studierenden sollen wissen, welche Konzepte es gibt, und welche Vor- und Nachteile diese jeweils haben. Als Lehrerkraft sind Sie ja ohnehin nicht völlig frei. Sie kommen an eine Schule mit einem Kollegium, in dem vermutlich ein bestimmter Ansatz bevorzugt wird.

Warum gibt es so viele unterschiedliche Lehrmethoden?

In einer pluralistischen Gesellschaft kann jeder, der es will, eine neue Methode auf den Markt bringen. Wir versuchen die Lehrer in die Lage zu versetzen, diese Konzepte zu beurteilen.

Die Idee, Kinder gar nicht zu korrigieren, klingt etwas weltfremd. Wie konnte sich die Reichen-Idee überhaupt durchsetzen?

Jürgen Reichen soll ein sehr charismatischer Typ gewesen sein. Er hat offenbar regelrecht ganze Hallen gefüllt. Die Leute waren begeistert. So hat sich seine Methode wohl verbreitet.

Von Torsten Gellner

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