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Der Boerne von Brandenburg

Geschichten aus dem Sektionssaal Der Boerne von Brandenburg

Wolfgang Mattig, ehemaliger der Brandenburger Rechtsmedizin spricht im MAZ-Interview über „Kadavermüdigkeit“, den wahren Alltag eines Gerichtsmediziners und warum Männer bei einer Leichenöffnung eher umkippen. Übrigens: Professor Boerne aus dem Münster-Tatort findet er gar nicht so schlecht – im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, die im Fernsehen gezeigt werden.

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Wolfgang Mattig in der Potsdamer Rechtsmedizin.

Potsdam. Wolfgang Mattig hat den Hamburg-Tatort mit Wotan Wilke Möhring gesehen. Ein Asylbewerber verbrennt unter mysteriösen Umständen im Polizeigewahrsam. Später stellt sich heraus: Der Gerichtsmediziner half zu vertuschen, dass ein Polizist der Täter war. „Da habe ich mich geschüttelt“, sagt Mattig. „Das ist total aus dem Nichts gegriffen“, betont der 71-Jährige. Wenn es gegen seine Berufsehre geht, wird Wolfgang Mattig vehement. Gefälligkeitsgutachten – so etwas habe es in seiner Zeit als Chef der Brandenburger Rechtsmedizin nicht gegeben. Von 1994 bis 2009 stand Mattig an der Spitze des Potsdamer Instituts. Auch für seine Vehemenz, seinen Kampf gegen die Schließung der Brandenburger Einrichtung, ist Mattig vom Bund Deutscher Kriminalbeamter nun mit dem „Hans-Gross-Preis für herausragende Verdienste um die Kriminalistik“ ausgezeichnet worden.

Spektakuläre Fälle

Die neun toten Babys aus Brieskow-Frinkenheerd (Oder-Spree) oder der verhungerte Dennis aus Cottbus, den seine Eltern in einer Tiefkühltruhe aufbewahrten – Wolfgang Mattig hatte mit fast allen spektakulären Brandenburger Kriminalfällen zu tun, auch wenn er als Institutsleiter nach der Wende selbst nur noch selten am Seziertisch stand. Noch kommt Mattig jeden Dienstag ins Potsdamer Institut gegenüber von Schloss Lindstedt. Er ist Mentor einer Kollegin. Außeneinsätze überlässt der Rentner aber inzwischen den Jüngeren. Frühmorgens durch die Brandenburger Wälder krauchen, weil eine Leiche entdeckt wurde. Damit, sagt Mattig, habe er pünktlich zu seinem 70. Geburtstag vor einem Jahr aufgehört.

Aber noch immer schreibt er Gutachten. Vergangenes Jahr sagte er vor dem Landegericht Frankfurt (Oder) als Sachverständiger im Mordprozess gegen einen Flugschüler aus, der versucht haben soll, seinen Fluglehrer an Bord einer Sportmaschine zu töten. Der Lehrer überlebte die Attacke schwer verletzt. Mattig besah sich die Wunden – und kam zu dem Schluss, dass der Schüler in der Luft dreimal mit einem Stein gegen den Kopf seines Opfers geschlagen haben muss. Mattigs Frau Barbara war mit vor Gericht, als zweite Rechtsmedizinern. Kennengelernt hat sich das Paar vor der Wende an der Berliner Charité. Gemeinsam bauten sie 1983 in Frankfurt (Oder) das Gerichtsmedizinische Institut für den damaligen Bezirk auf, das 1991 mit dem Potsdamer fusionierte. In einer Frankfurter Bürgerwohnung aus dem Kaiserreich, fünf Zimmer, hohe Wände, richteten sie die Labore ein. Sektionen wurden anfangs in der Leichenhalle des Friedhofs durchgeführt, weil die Wohnung sich dafür nicht eignete. Viele Kollegen hätten nicht verstanden, warum er sich freiwillig in die Peripherie aufmachte. „Lieber der Erste in der Provinz als der Zweite in Rom“, erklärt Mattig seine Entscheidung. In Berlin mit seinen verkrusteten Strukturen wäre er die Karriereleiter nicht so schnell hochgeklettert.

„Ich war ein Streber“

Von „Liebe auf den ersten Blick“ spricht Mattig, wenn er an sein Ja zur Gerichtsmedizin denkt. „Dieser bin ich dann treu geblieben.“ Bei seiner ersten Vorlesung bei dem bekannten Professor Otto Prokop war es um den jungen Medizinstudenten geschehen. Der Österreicher Prokop war 1956 einem Ruf an den Lehrstuhl in Ost-Berlin gefolgt und wurde Direktor des Instituts für gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität. Der Star-Gerichtsmediziner der DDR. Wolfgang Mattig wurde 1973 bei ihm Assistenzarzt. Mattig stützt sich am Tisch ab, beugt den Oberkörper leicht nach vorne und imitiert die durchdringende Stimme seines früheren Professors. Es klingt ein bisschen wie der verstorbene Literaturkritiker Reich-Ranicki mit österreichischem Schmäh. Prokop habe ihn in seinen Bann gezogen, erzählt Mattig. Er habe stets in der ersten Reihe gesessen bei den Vorlesungen. „Ich war ein Streber, sagt meine Frau.“

Eigentlich hatte Mattig, der aus dem Harz stammt, andere Pläne. Er wollte Psychiater werden. Später, während eines Praktikums, sei ihm dann klar geworden, dass er gar nicht die Mentalität habe, um mit psychisch Kranken umzugehen. Den Umgang mit Tod und Leichen, sagt Mattig, das sei für ihn nicht schwer. „Unsere haben ausgelitten“, sagt Mattig über seine „Patienten“. Das Leid, das die Verstorbenen durchmachten, etwa durch einen gewaltsamen Tod, sehe man ihnen – abgesehen von Wunden – nicht mehr an. „Die sind ruhig, sehen friedlich aus.“ Nur einmal, noch in Berlin, habe er eine „Kadavermüdigkeit“ verspürt. Er habe sich geweigert, wieder eine Leiche zu öffnen. Ausgebrannt, so würde man das heute nennen. „Ich blieb drei Tage zu Hause, beschäftigte mich mit Schönem, dann ging es wieder“, erzählt Mattig.

Leichengeruch kann man nicht übertünchen

Auch der Architekt des Potsdamer Instituts habe mitgedacht. Auch im Sektionssaal, der selbst im frisch gereinigten Zustand immer eine seltsame Mischung aus Desinfektionsmitteln und Verwesung ausdünstet, blickt man zuerst auf grüne Pflanzen. Mit dem Geruch, auch von stark verwesten Leichen, lerne man zu arbeiten, sagt Mattig. Den Gestank zu übertünchen, etwa indem man sich wohlriechende Salbe unter die Nase reibe, bringe gar nichts. Frauen seien wider Erwarten sehr gut geeignet für den Job. „Wenn einer umkippt, dann ein Mann“, sagt Mattig, der Medizinstudenten oder Polizisten bei seiner Arbeit zuschauen ließ. „Männer sind das sensiblere Geschlecht“, ist er überzeugt.

Gern werden die zwei Potsdamer Sektionssäle auch für Dreharbeiten genutzt, als Kulisse für Krimis. Mattig war da rigoros: Er ließ sich stets vorher das Drehbuch zeigen. War darin von Pathologen die Rede, ließ er die Kamerateams nicht in den Saal. „Gerichtsmediziner sind keine Pathologen“, stellt Mattig klar. Pathologen untersuchen natürliche Tode, etwa um herauszufinden, wie sich Krebs ausbreitet. Gerichtsmediziner machten auch einen anderen Schnitt beim Sezieren, erklärt Mattig: Gerade, von unterhalb der Kinnspitze bis zum Schambein wird das Skalpell geführt.

Auftritt im Polizeiruf

Mattig, der beim Erzählen viel Gestik und Mimik einsetzt, hat selbst ein gewisses schauspielerisches Talent: Zu DDR-Zeiten spielte er in einem „Polizeiruf“ mit. Seine Rolle: Wolfgang Mattig. Er hatte das Team bei den Dreharbeiten beraten. Als er gefragt wurde, ob er nicht gleich selbst den Rechtsmediziner geben wolle, sagte er zu. „Da kommt ja unser Heinz Rühmann“, so habe Prokop ihn nach der Ausstrahlung begrüßt. Vieles, was im Fernsehen gezeigt werde, sei falsch, rügt der Experte. Essen, Trinken oder gar Rauchen, während nebenan Leichen seziert werden – „das gibt es nicht“, sagt Mattig. Den verschrobenen Rechtsmediziner Professor Boerne aus dem Münster-Tatort mag Mattig aber gern. „Das ist so überhöht. Da weiß jeder: Der Typ ist eine Karikatur“, erklärt er. „Das ist ehrliche Kunst.“

Die Brandenburger Rechtsmedizin

Das Brandenburgische Landesinstitut für Rechtsmedizin (BLR) gründete sich auf der Grundlage des Kabinettsbeschlusses vom 18. Juni 1991 per Fusion der ehemaligen Bezirksinstitute für Gerichtliche Medizin Potsdam und Frankfurt (Oder). Ursprünglich sollten die beiden Institute nach der Wende aufgelöst werden.

Der Personalbestand reduzierte sich dabei auf 27 Mitarbeiter. Dies entsprach etwa 40 Prozent des vormaligen Personals.

Anfangs residierte die Rechtsmedizin im Potsdamer Schloss Lindstedt. 1994 erfolgte der Umzug in den gegenüberliegenden Neubau. In Frankfurt (Oder) besteht bis heute eine Außenstelle des Instituts.

2013 gab es Debatten , das Institut aufzulösen: Die Enquetekommission des Landtags zur Verwaltungs- und Kommunalreform empfahl, das eigenständige Institut aufzulösen und an ein Krankenhaus anzugliedern. Nach massivem Widerstand aus Politik, Justiz und Polizei wurden die Pläne wieder fallengelassen.

600 Leichen obduziert die Rechtsmedizin pro Jahr, um Todesursachen zu klären. Daneben kümmern sich die Mitarbeiter auch um die Identifikation unbekannter Toter, Lebenduntersuchungen bei Gewaltdelikten, Vergewaltigungen und Kindesmisshandlungen. Auch toxikologische Untersuchungen sowie Alkohol- und Drogentests, etwa bei Straßenverkehrsdelikten, zählen zum Leistungsspektrum.

Von Marion Kaufmann

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