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Brandenburg Der Duft des Trabis
Brandenburg Der Duft des Trabis
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08:16 07.11.2017
Thomas Bolz ist stolz, dass an seinem Trabant noch fast alles im Originalzustand ist. Quelle: Ingo Erich
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Jüterbog/Potsdam

Wenn der Potsdamer Thomas Bolz in seinen 601 Universal steigt und den Motor anlässt, ist das wie Musik in seinen Ohren. Aus dem Auspuff steigt weiß-blauer Rauch auf. Das Benzin-Öl-Gemisch zieht in die Nase. „Ich liebe den Duft, der ist für jeden Fan wie Deo“, sagt der schlanke 53-Jährige mit seiner tiefen, fast rauchigen Stimme.

Der 601 Kombi ist ein Trabant, Baujahr 1989. Nach der Wende verpönt als Rennpappe hat sich der DDR-Klassiker zu einem Kultauto entwickelt. 5640 Trabis fahren aktuell auf Brandenburgs Straßen. Die Tendenz ist in den letzten Jahren steigend. Menschen allen Alters sind wieder auf den Trabant gekommen, zunehmend auch Jugendliche. Viele von ihnen motzen die Wagen so auf, dass man am Ende kaum noch den DDR-Wagen darunter vermutet. Thomas Bolz ist einer von der alten Schule. Bei ihm soll möglichst alles originalgetreu sein. „Der Trabi ist ein Stück Kulturgut“, sagt er, „das möchte ich im Original erhalten.“

Wer braucht schon ein Radio, wenn er einen Trabi hat? Quelle: Ingo Erich

Manchmal muss man eben auf dem Schrott suchen

Dabei ist es gar nicht so einfach, Originalteile zu erstehen. Ein Anbieter, der sich darauf spezialisiert hat, ist Markus Schulze. Der Jüterboger betreibt in der Kleinstadt einen der größten Handel in der Ostfahrzeug-Nische. Weit mehr als 15000 Teile bietet er allein auf seiner Webseite an, unzählige passen zum Trabant. Das Familienunternehmen „Sausewind“, das einst als Fahrradladen startete, existiert seit 1928. 2011 hat der 41-Jährige den Laden übernommen und bereits Mitte der 90er Jahre mit dem Aufkommen des Internets den Onlinehandel gestartet. „Technikmacke“, sagt er. Dem Unternehmen tat es gut. Als andere auf den Markt kamen, war „Sausewind“ längst da. Das Onlinegeschäft floriert, aus ganz Deutschland und dem Ausland gehen täglich Bestellungen ein. 2000 sind es im Monat.

Markus Schulze hat einen der größten Onlineshops für Originalfahrzeugteile aufgebaut, als andere noch nicht an das Internet dachten. Quelle: Christin Iffert

In den letzten drei Jahren steigt die Nachfrage auch nach Trabizubehör. Vor allem Verschleißteile wie Bremsen, Lenkungen oder Dichtungen seien gefragt. Karosserieteile sind dagegen Ladenhüter. Pappe rostet eben nicht. Und dann gibt es Autozubehör, das auch Schulze nicht mehr anbieten kann. Gelenkwellen zum Beispiel. „Da muss man auf dem Schrott suchen“, rät er. Selbst bleibt ihm dafür nicht die Zeit. Der gelernte KfZ-Mechatroniker setzt eher auf einen ganzen Fundus an Altzubehör, den er hin und wieder auftut. „Viele Autofahrer haben sich den damals angelegt, denn die Teile gab es nicht auf Abruf“, sagt er. Meistens sind es Glücksgriffe. Dass die Ressourcen endlich sein könnten, daran möchte er kaum denken.

Die Nachfrage nach Originalzubehör beim Trabi steigt. Quelle: Christin Iffert

Vom Stammkunden zum Mitarbeiter

So einen Glückgriff kennt Thomas Bolz. Mehr als fünf Jahre hat Bolz nach einem gut erhaltenen Trabi Ausschau gehalten, mindestens 40 Pappen angesehen. In Stralsund dann der Hauptgewinn bei einer Seniorin, die den Ostwagen kurz vor der Wende neu erstand und gerade mal ein paar Jahre fuhr. Dann stand er in der Garage – bis ihn der Hobbyschrauber entdeckte. „Der Trabant ist stark nachgefragt, manchmal sind 3000 Euro aufwärts für Fahrzeuge fällig, bei denen man unten schon durchfassen kann“, sagt der Fahrzeugfan. Eigentlich wollte der Potsdamer immer eine himmelblaue Limousine. Doch die Zweitakter verschwanden nach der Wende größtenteils von der Bildfläche, die Auswahl ist entsprechend begrenzt. Sein Schmuckstück wurde ein Papyrusweißer geworden.

Ganze Reihenvoller Ostfahrzeugteile: Das dürfte eingefleischten Trabifans nichts Neues sein. Quelle: Christin Iffert

Rund ein Jahr dauerte es, bis sein Trabant fahrfähig war. Damals wurde der gelernte Maschinenmechaniker zum Stammkunden bei „Sausewind“, stieg später sogar im Unternehmen als Mitarbeiter ein. Der Hobbyschrauber machte sein Hobby zum Beruf – und sitzt dort nun an der Teilequelle.

Höchstgeschwindigkeit 90 km/h auf der Autobahn

Ist der Trabifan in seinem 601 unterwegs, geht es meistens mit der IG Oldtimer Schwielowsee auf Tour. In dem Zusammenschluss aus Oldtimerfans engagiert er sich seit Jahren, trifft auf Gleichgesinnte. Gemeinsam fahren sie zu Ostfahrzeugtreffen und Teilemärkten. 1000 Kilometer legt er im Jahr zurück. Höchstens. „Ich möchte schließlich noch lange etwas davon haben.“ Er tuckert dann über die Landstraßen, manchmal auch über Autobahnen. Höchstgeschwindigkeit: 90 Kilometer pro Stunde. Manchmal ruckelt es, wenn große Autos an ihm vorbeirauschen.

Eigentlich war Bolz immer Stammkunde, jetzt arbeitet er mit im Laden. „30 Jahre im Lastwagen waren lange genug“, sagt er. Quelle: Christin Iffert

Thomas Bolz ist Liebhaber, ein Stück weit auch Nostalgiker. Aber er ist „keiner der Ewiggestrigen“, meint er. Mit Vorurteilen wird er kaum konfrontiert – höchstens mal in Facebook-Gruppen. Das hält er aus. Die Leidenschaft zum Fahrzeug sei zu groß und gleichzeitig verbinde er damit so viel Positives. Freundschaften sind über die vergangenen Jahre mit Gleichgesinnten entstanden, auf Autotreffen gibt es „Benzingespräche“, bei denen man sich mit anderen Trabifahrern über Reparaturen austauscht oder auch mal den Hut vor verbauten Raritäten zieht.

Haben Sie gewonnen?

Gewinner des Trabi-Wochenendes ist Jürgen Durchstecher aus Brandenburg/Havel. Der MAZ-Leser darf das Kultauto der Experten von „Trabant Berlin“ für ein ganzes Wochenende genießen, inklusive 250 Freikilometern, im Wert von 300 Euro. Über 80 Geschichten haben uns erreicht aus Anlass des heutigen 60. Trabi-Geburtstages.

> Weitere Trabi-Geschichten

Und dann riss der Keilriemen so wenige Meter vor dem TÜV

Bolz rückt seine Brille auf der Nase zurecht, als er über die Geschichten mit seinem Trabant erzählt. Einmal habe er den Wagen gerade auf Vordermann gebracht, um ihn zum TÜV zu bringen. „Und dann riss mir auf dem Weg der Keilriemen.“ Also stand er da am Straßenrand, so wie einst sein Vater mit einem Trabi auf der Autobahn liegenblieb – und musste schrauben. Ist Thomas Bolz unterwegs, hat er immer Ersatzteile an Bord. Zwar klappt das mit der berühmten Nylonstrumpfhose auch, sei ihm aber viel zu riskant.

Vorerst muss Bolz dem Trabi den Rücken kehren. Er sei viel zu schade, um im Winter draußen zu fahren. Quelle: Ingo Erich

Sitzt er auf dem Fahrersitz, ist das „Lebensgefühl“ und „Kindheitserinnerung gleichermaßen. Nur im Winter macht er eine Pause. Der Trabi sei dafür zu schade. Deshalb genießt er den letzten Atemzug des Benzingemischs für dieses Jahr – bis zum nächsten.

Zur Galerie
Der Trabant, das beliebteste Auto der DDR, feiert am 7. November 2017 seinen 60. Geburtstag. MAZ-Leser zeigen aus diesem Anlass ihre Rennpappen – damals und heute. Darunter sind ganz außergewöhnliche Exemplare.

Von Christin Iffert

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