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Brandenburg Der Gentleman-Macher aus der Prignitz
Brandenburg Der Gentleman-Macher aus der Prignitz
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18:31 03.10.2016
Selbst erklärte „Stil-Instanz“: Bernhard Roetzel schwört auf klassische und zeitlose Mode. Quelle: Julian Stähle
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Potsdam

Wie ein Gentleman aus einem anderen Jahrhundert sitzt Bernhard Roetzel in einem Café in Potsdams Innenstadt: Er trägt einen beigefarbenen Trenchcoat, eine blaue Seidenstrick-Krawatte und einen dunkelblauen Wollstoff-Blazer aus Kammgarn mit goldenen Knöpfen, der für ihn in Wien maßgeschneidert wurde – das weiße Leinentuch mit handroulierter Kante lugt aus der aufgesetzten Tasche hervor. „Eine rote Krawatte wäre mir zu laut, sie würde zu sehr ablenken vom Gespräch“, sagt der Modepublizist, der im brandenburgischen Karstädt (Prignitz) mit seiner Frau und sechs Kindern wohnt.

Einen festlichen Anlass für sein Äußeres gibt es nicht, es ist die Alltagsgarderobe des 50-Jährigen. Sein gepflegtes Aussehen kommt nicht von ungefähr: Er ist Stilexperte und hat schon zahlreiche Bücher über klassische Herrenmode geschrieben, die insgesamt mehr als eine Million Mal verkauft wurden. Bernhard Roetzel möchte Männer sensibilisieren, die Sprache der Kleidung bewusst einzusetzen, wie er sagt. „Man darf und kann aber das Äußerliche nicht unterschätzen, der erste Eindruck ist durch die Kleidung geprägt.“

Schon seit seiner Jugend interessiert er sich für Mode und hat im Laufe der Jahrzehnte seinen Stil perfektioniert. Noch immer hängen Stücke in seinem Schrank, die schon 20 Jahre alt sind. „Für mich ist zeitlose Mode wichtig, die sich über die Jahre bewährt hat“, erzählt er. „Ich persönlich fühle mich sicherer, wenn ich nicht das anhabe, was mir jemand serviert und es erleichtert mir das Leben. Ich muss nicht ständig über meine Kleidung nachdenken und spare Zeit. Außerdem weiß ich zu allen Anlässen, was ich anziehen soll.“ Die größten Stilikonen des Modeexperten sind Prinz Charles und der Duke of Windsor, Eduard VIII.

Stil ist für den Modeexperten keine Frage des Geldes, gerne kauft er auch auf Flohmärkten oder in Second-Hand-Läden ein. Doch er leistet sich auch 2000 Euro teure Lederschuhe. „Es lohnt sich, manchmal etwas mehr Geld für gute Sachen auszugeben“, findet Bernhard Roetzel. „Es ist auch eine Frage der Priorität: Statt fünf Billigschuhe sollte man lieber ein Paar aus echtem Leder kaufen, dann bekommt man auch keine Schweißfüße.“ Wenn seine Klamotten ein Loch haben, schmeißt er sie nicht gleich weg – für ihn ist das ressourcenschonend.

Ein bisschen wünscht er sich, dass sich der märkische Mann etwas mehr Gedanken über sein Äußeres macht. „Brandenburger Männer sind bemüht modisch und ordentlich. Bunte Hemden mit Patches und Sneakers liegen gerade im Trend. Mein Geschmack ist das aber nicht“, sagt er. Doch der Brandenburger sei nicht per se schlecht angezogen. „Es kommt natürlich immer darauf an, welchen Maßstab man ansetzt. Jeder sollte die Kleidung tragen, die zu seiner Person passt und ihm ein bestimmtes Gefühl gibt.“

Auf dem Land gebe es oft keine Arbeit, bei der ein Anzug verlangt wird. Mode-Fauxpas sind für ihn auf jeden Fall Socken in Sandalen, kurze abgeschnittene Jeans, Sneaker aus Plastik, Muskelshirts oder Vokuhila-Frisuren. Viele, die ins Berufsleben eintreten, wüssten oft nicht, wie man sich ordentlich kleidet. Schuld daran ist für ihn auch das niedrige Niveau an Beratung selbst in den hochwertigen Modehäusern. „Manchmal denkt man, seit 1990 hat sich in der Mode nichts getan, es ist vielleicht auch eine Form des Protests“, glaubt Bernhard Roetzel.

„Bei festlichen Anlässen erfüllen viele mit einer Sakko-Hose-Kombination und Krawatte den Dresscode, stecken jedoch nicht viel Energie in die Auswahl.“ Denn was klassische und zeitlose Kleidung angehe, sei in Brandenburg ein Totalausfall zu beobachten. Viele Männer trügen das, was die Frau ihnen aussuche oder kauften bei Discountern ein. Einen Mann mit maßgeschneidertem Anzug hat er hier noch nie gesehen: „Ich sehe den Unterschied. So ein Anzug fällt nicht als Fremdkörper auf. Die Proportionen sind optimal.“

Natürlich müsse es nicht gleich der maßgeschneiderte Anzug sein, auch bei simpleren Dingen könne Mann mehr Stil beweisen. Niemals Söckchen tragen, schon gar nicht Knöchel zeigen – lieber dunkle Kniestrümpfe auswählen. Und am besten darauf achten, Naturfasern zu tragen: Schurwolle oder 100 Prozent Baumwolle. „Damit ist schon viel gewonnen und es ist angenehmer auf der Haut“, sagt er. Männer könnten sich auch mal nach 20 Jahren ein neues Brillenmodell kaufen oder ihre Frisur überprüfen. „Man sollte sich kritisch betrachten: Muss es wirklich die Vokuhila-Frisur oder der James-Last-Gedächtnisbart sein?“, fragt Bernhard Roetzel. „Warum ist schwarz so beliebt bei Männern? Es steht den wenigsten Mitteleuropäern. Ein dunkelblauer Anzug ist immer besser als schwarz, außer auf Beerdigungen.“

Bernhard Roetzel ist inzwischen so gefragt, dass er E-Mail-Anfragen von Männern zwischen 40 und 50, oft Anwälte oder Ärzte, bekommt – sie wollen wissen, was sie etwa zur Hochzeit anziehen sollen. „Ich bin für viele eine Art Beichtvater und Therapeut. Ein Bräutigam sollte auf jeden Fall einen Smoking tragen“, sagt der Modeexperte und erklärt: „Einige Männer suchen in ihrer Kleidung nach Einfachheit und einer gewissen Sicherheit.“ Leider sei vielen Menschen oft nicht klar, dass sie einen Kleidungsstil haben, der ihre Persönlichkeit verberge. „Aber Kleidung ist Teil des Menschseins und trägt zur Identität bei.“

Buchautor und Blogger

„Der Gentleman nach Maß“ ist das aktuelle Buch von Bernhard Roetzel. Es ist 2014 im Potsdamer Verlag Ullmann Medien erschienen. Sein Werk „Der Gentleman“ (1999) ist in 20 Sprachen übersetzt worden.

Die Maßschneiderei für Herren ist Gegenstand seines neuen Buchs. Roetzel erzählt darin die Geschichte des Handwerks, zeigt die Entstehung von Anzug, Hemd und Krawatte nach Maß und porträtiert verschiedene Ateliers.

Im Internet betreibt der Experte unter bernhardroetzelblog.blogspot.de ein „Stilblog“. Der Untertitel „Betrachtungen eines Unmodischen“ ist eine Anspielung auf Roetzels zeitloses Modeverständnis.

Von Melanie Höhn

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