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Der Leidensweg des Peter Danckert

Gesundheitswesen Der Leidensweg des Peter Danckert

In der Berliner Charité wird dem Bundestagsabgeordneten Peter Danckert im Jahr 2011 ein umstrittener Hirn-Stent eingesetzt. Mit dramatischen Folgen. Erst fünf Jahre später zahlt ihm die Charité ein beachtliches Schmerzensgeld. Ein Lehrstück über Profite und laxe Gesetze.

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Peter Danckert (Foto von 2013).

Quelle: Gerlinde Irmscher

Berlin, Hannover. Der Auftritt dauert nur vier Minuten. Ein Routineauftritt. Aber diese vier Minuten vorn am Rednerpult des Bundestags wird Peter Danckert als einen der schrecklichsten Momente seines Lebens in Erinnerung behalten.

Es ist ein Donnerstagabend im Februar 2011, als ihm plötzlich die Worte verrutschen wie Schritte auf einer eisglatten Straße. Aus „Antrag“ wird „Entrag“, aus „gesprochen“ wird „gesprongen“, aus „Bundestag“ „Bundesbahn“. Mühsam formt er Sätze, zunehmend verstört. Auch die Abgeordneten in der ersten Reihe stutzen. Ist der Kollege beschwipst? Sollen sie lachen oder helfen?

Nach der Rede sucht der 70-Jährige die Parlamentsärztin auf. Sie vermutet einen leichten Schlaganfall und weist ihn in die nahe Uniklinik ein. Die Geschichte, die folgt, ist eine Geschichte des Versagens. Sie sagt viel über ein Gesundheitssystem, das zulässt, dass profitorientierte Firmen Menschenleben gefährden, während der Staat wegschaut.

Peter Danckert, ein Spitzenjurist, der einst Prominente wie Steffi Graf oder Honeckers Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski vor Gericht vertrat, ist heute gehbehindert und von einem Hirninfarkt gezeichnet. Die Berliner Charité hat ihm kürzlich nach zähen Vergleichsverhandlungen ein für die deutsche Rechtsprechung beachtliches Schmerzensgeld gezahlt. In der renommierten Einrichtung der Spitzenmedizin möchte man das Ganze nun schnell vergessen. Es wäre nicht klug.

Rückblick: Ein Schlaganfall oder die Vorstufe eines Schlaganfalls? Experten werden später über die korrekte medizinische Diagnose streiten. Fest steht, dass Peter Danckert bereits drei Tage nach dem Vorfall im Bundestag die Klinik wieder verlassen kann, und zwar beschwerdefrei, mit einem Medikamenten-Therapieplan. Drei Wochen später, an einem Wochenende, spürt er erneut Taubheitsgefühle im linken Bein. Obwohl die Symptome schnell abklingen, sucht er am Montag die Neurologie-Ambulanz der Charité auf. Die Diagnose bestätigt vorausgegangene Untersuchungen: eine wichtige Hirnarterie ist aufgrund von Kalkablagerungen verengt. Der Direktor der Neurologie, der ihn behandelt, erklärt ihm, dass er mit dem Risiko dieser Basilarisstenose leben muss. Medikamente seien die einzig mögliche Therapie. Eine Operation schließt er aus.

Umso überraschter ist Danckert, als er am nächsten Morgen von dem gleichen Mediziner telefonisch gebeten wird, sich sofort für einen Eingriff auf der Stroke-Unit-Station der Charité in Berlin-Steglitz zu melden. Er habe seitdem häufig darüber nachgedacht, was die Ärzte damals zu ihrem nächtlichen Sinneswandel bewegt hat, sagt Danckert. An jenem Tag aber geht alles ganz schnell.

Kaum ist er in der Klinik, informiert ihn der Ärztliche Leiter, dass ein Stent, eine winzige hohle Gefäßstütze, in die Hirnarterie eingesetzt werden soll, um die Verengung zu beseitigen. Am Abend unterschreibt Danckert ein Aufklärungsformular, das weder das sehr hohe Risiko eines Schlaganfalls noch die Lebensgefahr durch die anstehende Prozedur erwähnt. Statt die Gehirngefäße – wie vereinbart – mittels Angiografie (Röntgenuntersuchung) darzustellen und das Ergebnis anschließend noch einmal mit dem Patienten zu besprechen, wird der Stent am nächsten Tag implantiert. Erst auf dem Operationstisch erfährt Danckert, dass aus diesem Grund eine Vollnarkose ansteht. Der lapidare Hinweis der Anästhesistin: „Das machen wir immer so.“

Peter Danckert fühlt sich hilflos und überrumpelt. Soll er sich wehren und einfach aufstehen? Er bleibt und wird operiert. Mit dramatischen Folgen. Er erleidet einen schweren Schlaganfall. Ob während oder kurz nach der Operation, kann nicht mehr geklärt werden.

Heute weiß Danckert, dass diese Operation nicht hätte stattfinden dürfen. Doch warum wurde sie angesetzt? Wollte der behandelnde Arzt den prominenten Patienten als Fürsprecher für ein umstrittenes Medizinprodukt gewinnen? Oder wollte er einer Schweizer Firma einen Gefallen tun, die ihre Stents wegen nachgewiesener Risiken nicht in den USA verkaufen durfte und nun versuchte, in Europa Geschäfte zu machen?

Stents retten Millionen Herzpatienten das Leben. Versuche, das millimeterkleine Wunderwerk auch im Gehirn zu platzieren, sind dagegen mit besonders hohem Risiko behaftet. „Bereits seit mehr als zehn Jahren ist das eminent hohe Risiko eines Schlaganfalls oder sogar des Ablebens bei einer Stent-Implantation in die Hirnarterie bekannt“, urteilt der Neurologe Jörg Müller, der sich als einer von wenigen Medizinern bereit erklärte, als Sachverständiger gegen die Charité aufzutreten. Danckerts Anwalt Frank Albert Sievers aus Hannover spricht von einem „rechtswidrigen medizinischen Eingriff ohne wirksame Aufklärung“. Sogar die damals gültigen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie seien ignoriert worden. Sie empfahlen Medikamente anstelle eines Eingriffs.

Wer nach den Gründen fragt, warum es dennoch geschah, muss feststellen, dass das sonst so liberale Amerika wirtschaftliche Interessen weitaus strenger reglementiert als die Europäer – jedenfalls dann, wenn es um den Schutz von Patienten geht. Während Hersteller von Medizinprodukten hierzulande bei privaten Prüfstellen wie dem Tüv lediglich gegen Gebühr ein sogenanntes CE-Siegel beantragen müssen, gibt es in den USA eine zentrale staatliche Behörde namens Food and Drug Administration (FDA), die alle Produkte auf ihre Sicherheit prüft. Bevor neue Hochrisiko-Medizinprodukte wie Implantate, Herzschrittmacher oder Prothesen verkauft werden dürfen, müssen Ergebnisse klinischer Studien mit Patienten vorgelegt werden. Erfolgreiche Studien.

Auch die Firma Micrus, Hersteller von Hirn-Stents, versuchte auf diese Weise das Geschäft in Gang zu bringen.

Nachdem die FDA eine generelle Zulassung in Amerika verweigert hatte, beauftragte Micrus eine Salzburger Privatuni mit der Durchführung einer Studie. 2009, nach der Behandlung von zwei Patienten, stoppte die hausinterne Ethikkommission die Operationen, da die Risiken als unvertretbar hoch eingeschätzt wurden. Als die Ärzte der Berliner Charité im März 2011 dem Patienten Danckert den von Micrus entwickelten Stent, den sie zwei Monate zuvor für 2691 Euro von einem Firmenvertretern erworben hatten, implantierten, hätten sie von dem Abbruch der Herstellerstudie wissen müssen. Gerade einmal vier Patienten waren europaweit mit dem gleichen Produkt „versorgt“ worden. Danckert bezweifelt, dass der Operateur Erfahrung mit diesem Eingriff hatte. Der Mediziner betont in einer Erklärung, er habe an einem Kurs der Firma Micrus teilgenommen und an Tiermodellen trainiert.

Wie üblich wurde die Operation an jenem Tag aufgezeichnet; allerdings fehlen in der anderthalbstündigen Dokumentation die entscheidenden 20 Minuten. Die Sequenzen seien so schlecht gewesen, dass sie von einer medizinisch-technischen Assistentin vernichtet wurden, heißt es bei der Charité. Der Pflegebericht vermerkt um 16 Uhr, etwa zwei Stunden nach der Operation: Der Patient hat eine verwaschene Sprache und halbseitige Lähmungen. Danckert wird in den folgenden Stunden weder entsprechend behandelt, noch sieht er den Operationsarzt an seinem Bett.

Hätte die Behinderung, mit der Danckert bis heute kämpft, durch Medikamente verringert oder gar beseitigt werden können? Peter Danckert hat nie aufgegeben. Als er in der Reha zum ersten Mal allein von einer Bank habe aufstehen können, habe er geweint, erzählt er. Er zwingt sich, ohne Rollstuhl zurechtzukommen. Er kehrt noch einmal in den Bundestag zurück, hält wieder Reden und erregt Ende 2011 große Aufmerksamkeit, weil er gemeinsam mit einem SPD-Kollegen erfolgreich gegen das geplante Sondergremium des Bundestags zur Euro-Rettung vor dem Bundesverfassungsgericht klagt.

Im Oktober 2013 endet sein Mandat im Bundestag. Aufgrund seiner Erkrankung verzichtet er auf eine erneute Kandidatur, obwohl er gern Politiker war. Erst Ende 2014 entscheidet sich der Sozialdemokrat, auch in eigener Sache aktiv zu werden. Er wendet sich an Frank Albert Sievers, einen anerkannten Spezialisten für Arzthaftungsrecht, und klagt beim Landgericht Berlin gegen die Charité und sieben ihrer führenden Ärzte wegen des Verdachts auf grob fehlerhafte Behandlung. Als die Gegenseite Ende 2015 einen Vergleich anbietet, willigt Danckert ein, obwohl damit ein Schuldeingeständnis vermieden wird. Er habe seiner Familie keinen mehrjährigen Prozess zumuten wollen, sagt er.

Ein Ärgernis bleibt: Der persönliche juristische Erfolg ändert nichts an der Laxheit im Umgang mit Medizinprodukten. Danckert kennt das Politikgeschäft und den Einfluss der Industrielobby. Er hat wenig Hoffnung, dass sein „Fall“ Folgen hat und sich für Patienten etwas ändert.

Operation statt Medikamente: Für Schlaganfallpatienten wird der Einsatz eines Stents in die Hirnarterie zu einem doppelten Risiko.

Von Gabi Stief

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