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Der Mann, der Honecker verhörte

Ex-Kripo-Chef schreibt Buch Der Mann, der Honecker verhörte

Ein Bayer tötet Berliner Rentner für einen Fahrschein, ein Messerstecher verwechselt seine Opfer – von solchen skurrilen Fällen berichtet ein früherer DDR-Top-Ermittler in seinem Buch „Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt“. Und er erinnert sich daran, wie den einst mächtigsten Mann der DDR verhören musste und was Honecker dazu sagte.

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Ralf Romahn
 

Quelle: MAZ

Potsdam.  
 Heimelige Weihnachtsmärkte stimmen auf das Fest ein. Alles andere als festlich sind allerdings die Fälle, die Ex-Kripo-Chef Ralf Romahn (62) jetzt in seinem Buch „Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt“ schildert. Da fällt Anfang 1986 eine tiefgefrorene Frauenleiche aus einem riesigen Schneehaufen. Genau an der Protokollstrecke des DDR-Politbüros. Ein paar Wochen vorher wird ein angetrunkener Westberliner auf dem Weihnachtsmarkt zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke von einem Amur-Tiger gebissen. Er hatte das Raubtier durchs Gitter streicheln wollen. „In Bruchteilen von Sekunden schnappte der Tiger zu und zerfleischte den Arm“, erzählt Romahn. Er musste amputiert werden, so der frühere Marine-Kampfschwimmer, der mit Mitte 30 jüngster leitender Kripo-Ermittler der DDR war.

Der gebürtige Zwickauer hat es sich auf der Ledercoach seiner Wohnung am Platz der Vereinten Nationen bequem gemacht. Er nippt an der Kaffeetasse mit dem Logo „Born in the DDR“. Aus dem Pensionär Ralf Romahn sprudeln die Geschichten. Manche Fälle führten ihn nach Brandenburg. Etwa bei einem Richtung Cottbus flüchtenden Messerstecher. Der hatte sein Opfer noch zur Charité gefahren. Wie sich herausstellte, weil er den Mann mit dem Liebhaber seiner Frau verwechselt hatte.

Ein Dieb, der 36 Einbrüche verübte, wurde durch seinen Ohrabdruck identifiziert. „Vor seinen Brüchen hörte der immer an der Tür und presste seine Lauscher an dieselbe. Ein Ohrabdruck ist so einmalig wie ein Fingerabdruck.“

 Romahn beschreibt einen Fall, bei dem ein 32-jähriger Münchner ein in Berlin lebendes Rentnerpaar für einen Fahrschein nach München erwürgte. Danach flüchtete der Gangster „in den Westen“ – im März 1990 bestanden beide deutsche Staaten noch. „Zurück in der Heimat, beging er einen kleineren Diebstahl und ließ sich absichtlich erwischen. Im Knast fühlte er sich offenkundig sicher“, sagt der Kripo-Mann. Es war einer der seltenen Fälle, dass die BRD jemanden an die DDR auslieferte.

Romahns Revier

Das Einsatzgebiet Ralf Romahns, nach der Wende Kriminaloberrat bei der Berliner Polizei, war der Ostberliner Stadtbezirk Mitte.

In Rohmans Revie r lagen Ämter, Regierungsgebäude, Theater und etliche Grenzübergangsstellen.

„Der Bezirk war wie ein Schmelztiegel und DDR-Mikrokosmos. Es gab hier eigentlich kein Verbrechen, dass es nicht gab. Nur, dass unsere Medien bis zum Herbst 1989 darüber schwiegen“, sagt der heute 62-Jährige.

Ralf Romahns prominentester Fall war Erich Honecker. „Als man mir eröffnete, dass ich das machen soll, dachte ich, mich trifft der Schlag“, sagt der damalige Vernehmer. Mit einem Vize-Generalstaatsanwalt und einer Sekretärin begab er sich in einen Raum der Haftanstalt Rummelsburg. Honecker habe die Begrüßung höflich erwidert und bemerkt: „Du könntest ja mein Junge sein.“ Darauf Romahn laut seiner Schilderung: „Ich bin aber nicht Ihr Junge, Herr Honecker, ich bin Ihr Vernehmer.“

 Dann habe sich der frühere Staatsratsvorsitzende über Günter Mittag ausgelassen, an dem er kein gutes Haar ließ. Dabei galten beide noch ein paar Wochen vorher als dicke Freunde, nicht nur bei der Jagd in der Schorfheide. Mittag habe sein eigenes Ding gemacht und Honecker selbst in ökonomische Fragen kaum mehr eingreifen können, soll der einstige Parteichef gesagt haben. Egon Krenz’ Behauptung, er selbst habe den Schießbefehl in Leipzig aufgehoben, widersprach Honecker. Vielmehr habe Honecker persönlich angeordnet, nicht zu schießen.

Auf Ralf Romahns Frage: „Also gab es einen Schießbefehl“, stand der geschasste SED-Lenker kreidebleich auf und murmelte, er fühle sich nicht wohl. Mittags gingen Vernehmer und der des Hochverrats Beschuldigte im Hof des Rummelsburger Gefängnisses aber schon wieder spazieren. „Honecker erklärte, dass er den Knast aus der Nazi-Zeit kenne. Er würde in derselben Zelle wie damals sitzen. An Zufall glaubte ich da nicht.“ Halbwegs getarnt konnte Honecker die JVA verlassen. Romahn ließ seiner Darstellung zufolge ein paar Volvos abfahren, denen eine Journalisten-Meute folgte. Wenig später verließen Erich und Margot Honecker in einem Wartburg unbehelligt das Gelände.

Die Ermittlungen dauerten noch bis April 1990. Während dieser Zeit vernahm Ralf Romahn auch Honeckers Sekretärin, seinen Fahrer sowie Personenschützer. Er erhielt dabei auch Einblicke in brisante Akten. So soll der DDR-Finanzminister Honeckers Gehalt immer bar ins Staatsratsgebäude gebracht haben. Dann sei ein Teil der Geldscheine fein säuberlich verteilt worden: Mitgliedsbeitrag für die Partei, dann für die Gewerkschaft, ein anderer Obolus für die Deutsch-Sowjetische Freundschaft. „Der Rest ging aufs Sparbuch.“ Ab einer Summe von 100 000 Ost-Mark habe der Ex-DDR-Chef für Schulen und Sportvereine gespendet. Deshalb hatte Honeckers Sparbuch zur Wende einen Stand von „nur“ 78 000 DDR-Mark, sagt Ralf Romahn. Belegen lässt sich diese Darstellung allerdings nicht mehr.

Der Ex-Ermittler hat mehrfach gegen Anordnungen „von oben“ gehandelt. So ließ er 45 nach einer Demo festgehaltene Männer auf eigene Kappe frei. Der Friedrichshainer schmückt sich nicht damit. „Ich habe immer versucht, als Kriminalist zu entscheiden und nicht ideologisch eingefärbt.“

Dann kommt Romahn auf die Frauenleiche aus dem Schneehaufen zu sprechen. Als Täter wurde ein Mitarbeiter der Stadtreinigung ermittelt, der Toiletten am Weihnachtsmarkt putzte. Dort lauerte er seinem Opfer auf, um es zu töten und zu vergewaltigen. Von den aufgetürmten Schneebergen wusste er, dass sie in die nahe Spree geschoben wurden. Außer in jenem harten Winter 1985/86 – da war der Fluss zugefroren.

Ralf Romahn . „ Der Tigerbiss auf dem Weihnachtsmarkt “, Das Neue Berlin, 224 Seiten, broschiert, 12,99 Euro.
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Von Jens Rümmler

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