Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Der Marx aus der Mark

„Das Kapital“ ins Russische übersetzt Der Marx aus der Mark

An Selbstbewusstsein mangelt es Valeri Tschechowski aus Potsdam nicht. Er hat sich an das Hauptwerk von Karl Marx gewagt und „Das Kapital“ ins Russische übersetzt. Endlich korrekt, wie er meint. Die MAZ hat sich mit ihm getroffen und erfahren, dass es ihm bei der Übersetzung vor allem um ein Wort ging.

Voriger Artikel
Babelsberger Tragikomödien gewinnen
Nächster Artikel
70 Verletzte nach Unfällen am Wochenende

Valeri Tschechowski aus Potsdam.

Quelle: Wangemann

Potsdam. Wer im Landkreis Potsdam-Mittelmark seinen Namen ändern lassen möchte, fährt aufs Landratsamt nach Werder (Havel). Dort sitzt er einem 62-Jährigen mit sorgfältig getrimmtem Fünf-Tage-Bart gegenüber, der, die Horn-Lesebrille auf der Nase, in weichem russischen Akzent zur Vorgangsbearbeitung schreitet: Valeri Tschechowski. Er führt zudem Einbürgerungsverfahren, wacht über Pflege von 4000 Kriegsgräber zwischen Wiesenburg und Kleinmachnow. Was dem Behördenmitarbeiter nicht aus dem Knopfloch schaut: Er hat gerade den ersten Band von Karl Marx‘ Hauptwerk „Das Kapital “ neu ins Russische übersetzt und einen womöglich weltgeschichtlich bedeutsamen Befund gestellt.

Niemand sei in der Sowjetunion in der Lage gewesen, das Marx‘sche Hauptwerk im Sinne seines Schöpfers zu verstehen, weil die Übersetzung in die Irre führe – und es bis heute tue. Es sei denn, man greift zu Tschechowskis Neufassung, wie der Potsdamer selbstbewusst sagt.

Tschechowski sensibilisiert seit 1989 für Fehler in Marx-Übersetzungen

Auf die groben Fehler der Übersetzung haben einige Autoren schon vor der Oktoberrevolution 1917 in Russland hingewiesen – dann war fast 70 Jahre Ruhe. Seit 1989 versucht Tschechowski, Wissenschaftler in Russland und Deutschland zu sensibilisieren. Zuletzt veröffentlichte Tschechowski im Sommer 2015 einen Beitrag im Marx-Engels-Jahrbuch des renommierten Wissenschaftsverlags de Gruyter – über die Edition wacht unter anderem der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Berliner Humboldt-Universität. Auf der internationalen Moskauer Buchmesse non/fiction 2015 präsentierte der russische Verlag Rosspen im November die Neu-Übersetzung – Auflage: Tausend Stück, Abnehmer sind meist Bibliotheken. Streng genommen ist Tschechowskis Russisch-Übersetzung erst die vierte seit 1872.

Das Kapital und sein Übersetzer

Valeri Tschechowski kam 1982 nach Potsdam, arbeitete in der Gebäudewirtschaft als Spezialist für technische Information und Dokumentation. Er hat Diplom-Archivar in Moskau studiert und ist gelernter Verwaltungsfachwirt.

1989 wurde er zum Vorsitzenden der BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung, heute Betriebsrat) gewählt, war Mitglied der Arbeitsgruppe Ausländerfragen des zentralen Runden Tisches in Berlin.

Nach der Wende ging er als hauptamtlicher Ausländerbeauftragter nach Potsdam-Mittelmark, was er 14 Jahre lang blieb. Der Vater eines erwachsenen Sohnes lebt in Potsdam. Er betreibt unter www.polemist.de eine eigene Internetseite.

„Das Kapital“: Karl Marx hat den ersten, jetzt von Tschechowski übersetzten Teil 1867 veröffentlicht. Friedrich Engels stellte nach Marx’ Tod 1885 zwei weitere Bände zusammen.

Inhaltlich begründet das Buch die Theorie von der Klassengesellschaft, der Indienstnahme der Lohnarbeiter durch die Kapitalisten, also die Besitzer der Produktionsmittel. Die politische Herrschaft steht nach Marx ganz im Dienst des Kapitals, um die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse rechtlich abzusichern.

Es geht Tschechowski vor allem um die richtige (oder falsche) – es kommt auf den Betrachter an – Übersetzung des Begriffs „Wert“. Einem russischen Übersetzer stehen zwei scheinbar gleichwertige Begriffe zur Wahl und nach Tschechowskis Überzeugung hat man sich dauerhaft für den falschen entschieden. Vereinfacht gesagt entspricht der Unterschied dem von „Wert“ und „Kosten“ im Deutschen. „Kosten“ obsiegte im Kommunismus.

„Wert“ ist für Marx das, was für Nutella die Haselnuss ist

Nichts Nebensächliches steht zur Debatte: „Wert“ ist für Marx das, was für Luther die Gnade ist und für Nutella die Haselnuss: Grundstoff für alles, Bedingung für die berühmte Arbeitswerttheorie und das Wertgesetzt. Marx’ komplettes Gedankengebäude gründet darauf. Die weltgeschichtlichen Folgen sind bekannt.

„In der Sowjetunion war man sehr stolz darauf, dass Russisch die erste Fremdsprache war, in die das „Kapital“ übersetzt wurde“, sagt Tschechowski. Nun kommt ein Friedhofsaufseher aus Mittelmark und sagt: die Bibel aller Kommunisten, ist falsch übersetzt. Was für eine Parallelexistenz zwischen Ordnungswidrigkeit und Weltliteratur.

Eine alternative, in Sachen Wertbegriff zutreffende Übersetzung des inzwischen unter Unesco-Welterbe-Schutz stehenden Marx-Hauptwerks wurde in der Sowjetunion unterdrückt, weil sie aus der Feder eines Konterrevolutionärs und Weißgardisten stammte – der Mann wurde während des russischen Bürgerkriegs zum Tode verurteilt, entging aber dem Henker. Noch 1983 bezeichnete die Zeitschrift „Der Kommunist“, Fachblatt der KPdSU, den Mann als „Todfeind des Marxismus“. Im Jahre 1990 wurde er in Russland rehabilitiert.

Tschechowski arbeitet seit 1982 in Potsdam

1937 überprüfte eine Kommission in Moskau die Qualität der russischen Ausgabe von „Kapital“ und erklärte den laut Tschechowski „falschen“ Wert-Begriff zur verbindlichen Norm. Unnötig zu erwähnen, dass auf dem Höhepunkt des Stalin-Terrors niemand seinen Kopf für ein paar Wörter riskierte - zumal auch Lenin die nun von oben verordnete Wert-Version verwendet hatte.

Erst mit der Perestrojka hinterfragen vorsichtig Marx-Experten das Vokabular. Sie suchten beim ideologischen Ahnherren Hinweise, warum es so steil bergab mit der sowjetrussischen Wirtschaft ging.

Zu diesem Zeitpunkt nahm auch Valeri Tschechowski, der seit 1982 in Potsdam bei der Gebäudewirtschaft arbeitete, den Klassiker zur Hand – auf deutsch. Er verglich den Text des deutschen Originals mit der offiziellen Übersetzung und fand in der Übertragung neben dem grundsätzlichen Lapsus eine ganze Reihe weiterer Fehler, die in einem Buch dieses weltgeschichtlichen Rangs erstaunlich erscheinen. „Das Kapitel 25: auf 40 Seiten 40 Fehler - technische, stilistische, faktische - ein Rekord der Schlamperei“, zürnt Tschechowski. Alle Fehler hat er tabellarisch aufgelistet. Verwirrende Wortverwechslungen („Freizeit“ statt „Arbeitszeit“) finden sich, politisch gefärbte Retuschen ebenfalls: An der Stelle „unser Kapitalismus“ steht „der Kapitalismus“, „Bäckerklasse“ ist übersetzt als „Bäckerkaste“, „Geselliger Verkehr“ als „kameradschaftlicher Verkehr“. „Sie sind keine Arbeiter“ mutiert zu „sie gehören nicht zur Arbeiterklasse“. Unfreiwillig komische Formulierungen wie „S. Bailey, Verfasser einer anonymen Schrift“ vervollkommnen das Bild. All das ließ Tschechowski, der sich weder als Philosophie-Fachmann, noch als Übersetzer bezeichnet, sondern lediglich als „aufmerksamen Leser“, keine Ruhe.

Zum Marxisten ist der Übersetzer nie geworden

Bleibt die Kernfrage: Hätte ein korrektes Verständnis des Originalwerks seitens Lenins, Stalins und anderer Sowjet-Führer den Gang der Geschichte beeinflusst? Tschechowski schüttelt die Frage ab: „Nein! Die Werttheorie, Ökonomie waren für Kommunisten zweitrangig. Sie haben sich vor allem für den Klassenkampf bei Marx interessiert.“

Die weiteren Bände des „Kapitals“ und alle ökonomischen Schriften von Marx will Tschechowski ins Russische übersetzen. Verbündete, Geldgeber sucht er in der Forschung und Lehre, hofft auf das Interesse von Studenten. Einen modernen Kapitalisten möchte er finden, der bereit wäre, das Vorhaben als Mäzen zu unterstützen. „Die Versöhnung mit dem schärfsten Kritiker des Kapitalismus wäre dann perfekt“, scherzt der Übersetzer.

Zum Marxisten ist Tschechowski in den zwei Jahren, den zwei Sommerurlauben, den unzähligen Abenden in der Bibliothek, die er der Übersetzung geopfert hat, nicht geworden. Warum auch, sagt Tschechowski: „Marx hat selbst gesagt, er sei kein Marxist.“

Von Ulrich Wangemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Ein neues Geheimdienst-Gesetz steht an: Sollte der BND mehr Befugnisse erhalten?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg