Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Der Siggi, der Martin und der Stuhlkreis
Brandenburg Der Siggi, der Martin und der Stuhlkreis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:42 29.11.2017
Im Potsdamer Regine-Hildebrandt-Haus diskutieren SPD-Basisvertreter über Konsequenzen aus dem Scheitern der Jamaika-Gespräche Quelle: Bungert
Potsdam

In normalen Zeiten ist der Versammlungsraum des Potsdamer SPD-Hauptquartiers in Reihen bestuhlt – Frontalbeschallung. Am Dienstagabend ist alles anders im Regine-Hildebrandt-Haus: Die Sozialdemokraten haben einen Stuhlkreis gebildet, wie man ihn von den Grünen aus den 80er-Jahren kennt. Die Symbolik ist klar: Es geht um Selbstfindung. Die zutiefst verunsicherte Partei hat internen Redebedarf. 80 Genossen und ein paar SPD-nahe Bürger sind auf Einladung der SPD-Bundestagsabgeordneten Manja Schüle gekommen.

Nach einer halben Stunde ist die Luft zum Schneiden. Monika Höfer, seit zwei Jahren Genossin, steht auf. „Wir wollen nicht die Steigbügelhalter für Merkel sein“, ruft sie und erntet Applaus. Das Thema ist gesetzt: Wie kann die SPD Verantwortung beweisen und gleichzeitig dem Todeskuss der Kanzlerin entgehen?

Der Blick auf die Stimmungslage an der SPD-Basis lohnt: Hier quält sich eine Partei stellvertretend für so viele Deutsche mit der Frage: Wie viel Experimentierfreude verträgt das Land? Was ist Stabilität wert? Ganz praktisch hat die Basis im Pokern um eine mögliche Regierungsbeteiligung in Berlin mehr als ein Wörtchen mitzureden: Parteichef Martin Schulz will alle Mitglieder über den künftigen Weg einer Zusammenarbeit mit der Union abstimmen lassen.

Die Jusos sind strikt gegen eine Neuauflage der GroKo, fürchten ein weiteres Ausbluten der Partei. „Mit 14 oder 10 Prozent können wir irgendwann gar nichts mehr durchsetzen – und in den Niederlanden sind die Sozialdemokraten einfach verschwunden“, sagt Juso-Mitglied Sarah Kaschuba – schwarzes T-Shirt, linker Flügel. Antje Peterburs erhebt sich, die junge Frau scheint zu beben in ihrem Ringelkleid. Um die letzte GroKo durchzusetzen, habe „der Siggi die Jusos angeschrien. Ich war kurz vorm Weinen und bin immer noch enttäuscht“, sagt Wahlkampfhelferin Peterburs.

Sigmar Gabriel und Martin Schulz – hier sind sie „der Siggi“ und „der Martin“. An den Wänden des Saals hängen Fotos von Paaren, die sich an den Händen halten. Mehr Harmonie – das ist ein Hauptthema vieler Wortmeldungen. „Seit Jahrzehnten können Sozialdemokraten eins am besten: Die eigenen Leute fertigmachen“, sagt Sarah Zalfen vom Ortsverein Potsdam-Nord. Spontan brandet Applaus auf, jemand ruft: „Sehr gut!“ Sollte Martin Schulz einen stillen Beobachter geschickt haben, könnte er durchatmen: Die Ablösung des Bundesvorsitzenden fordert keiner im Raum.

Doch der Ruf nach einer inhaltlichen Erneuerung von Deutschlands ältester Volkspartei ist laut. „Die Große Koalition ist nicht schuld an unserem Wahlergebnis“, sagt Ulrike Henschel, Genossin aus Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark). Ein Großteil jener Menschen, die von dem auf SPD-Initiative eingeführten Mindestlohn profitierten, hätten ihr Kreuz nicht bei den Sozialdemokraten gemacht. „Weil der Mindestlohn halbherzig war und nicht ausreicht“, so Henschel. „Warum 8,50 Euro und nicht gleich 10 Euro?“ Mehr Umverteilung – das sei angesichts sprudelnder Staatseinnahmen machbar, regt Gela Sauermann an, SPD-Mitglied aus der wohlhabenden Berliner Vorstadt. Sie trägt eine schmale Wolljacke mit Hirschhornknöpfen. Die SPD habe in der Großen Koalition „eine gute Gesamtbilanz“ gehabt. Mindestlohn, abschlagsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren – all das könne sich sehen lassen. „Warum das sich so schlecht verkauft hat? Die Frage muss man ans Willy-Brandt-Haus richten“, so Sauermann.

Speziellen Reiz scheint auf einige Mitglieder die Idee einer Minderheitsregierung auszuüben, ein Politik-Professor bringt sogar eine „Kenia“-Koalition ins Spiel: SPD, CDU/CSU und Grüne in einem Bündnis. Da hält es Andreas Donderski, Leiter der Landes-Akademie für öffentliche Verwaltung in Königs Wusterhausen, nicht mehr auf dem Sitz. „Viele haben SPD gewählt, um Inhalte durchzusetzen“, sagt er. Die seien enttäuscht, wenn sich die SPD drücke.

Klar ist nach zweieinhalb Stunden Stuhlkreis: Will die SPD-Führung diese Basis auf eine neue GroKo einstimmen, wird es ein harter Ritt. Einig sind sich immerhin alle darin, dass Neuwahlen die schlechteste aller Lösungen wären. Gerade die jungen Wahlhelfer, die anstrengende Monate hinter sich haben, scheuen die neuerliche Ochsentour.

Von Ulrich Wangemann

Ein Hype wie die T-Aktie war einst der Ankauf von Eisenbahnaktien, meint der Historiker Jan Musekamp von der Frankfurter Viadrina. Das Eisenbahnfieber führte vor 175 Jahren zur ersten Zugverbindung von Berlin nach Frankfurt (Oder). Es war zwar nicht die erste, aber die zunächst längste Strecke auf preußischem Boden. Ganze 81 Kilometer galt es dampfend zu bewältigen.

02.12.2017

Ein Vorstoß aus der Union sorgt für Streit: Vor der Innenministerkonferenz in der kommenden Woche plädieren die Innenminister aus Sachsen und Bayern für Abschiebungen ins Bürgerkriegsland Syrien. Der geltende Abschiebestopp soll nur bis Ende Juni 2018 gelten und nicht, wie vorgesehen, bis Ende 2018. Unterstützung dafür kommt von der Brandenburger CDU.

29.11.2017

Im ganzen Land Brandenburg gibt es in der Vorweihnachtszeit viele Spendenaktionen. Für welche Aktionen Sie spenden können, stellen wir Ihnen hier vor. Unter anderem für ein Kinderheim und für die Einrichtung „Tafel“.

29.11.2017